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FAZ.NET Frühkritik: Anne Will „Wo ist der demokratische Prozess?“

Erst waren Eliten verpönt, dann planlos, jetzt abgeschottet. Anne Will versuchte sich an einen schwierigen Begriff. Doch was eine interessante Diskussion hätte werden können, verlor sich in einem Vorgeschmack auf den Wahlkampf.

© dpa In Anne Wills Sendung sollte es um das Selbstverständnis unserer Eliten in einer sich verändernden Gesellschaft gehen. Doch das Thema blieb auf der Strecke.

Alle reden über Eliten und keiner wolle dazu gehören. So formulierte es gestern Abend Ellen Ueberschär, die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, bei Anne Will. Deren Thema war „Abgehoben, abgeschottet, unsozial - sind so Deutschlands Eliten?“ Frau Ueberschär meinte damit noch jenes Echo zu vernehmen, dass die deutscher Katastrophe bis 1945 hinterlassen hatte. Diese sei ohne das Versagen der alten Eliten nicht zu erklären gewesen, so meinte sie, und wer will das ernsthaft bestreiten. Allerdings ist ihre Erklärung selbst schon historisch geworden. Denn diese Beobachtung über den reaktionären Klang des Begriffs „Elite“ in der deutschen Debatte ist schon lange nicht mehr gültig.

Der Zeitpunkt für die damit verbundene Veränderung im gesellschaftspolitischen Klima lässt sich ziemlich genau bestimmen. Es war im Jahr 1992, als Rita Süssmuth, Peter Glotz und Konrad Seitz ihr Buch „Die planlosen Eliten“ veröffentlichten. Die Autoren, damals in zentralen Funktionen der gerade erst wiedervereinigten Nation, machten damit einen Eliten-Diskurs möglich, der vorher unter dem Primat der „nivellierten Mittelschichtsgesellschaft“ unmöglich gewesen wäre. Seitdem wird in Deutschland fast jedes Thema unter diesem Blickwinkel betrachtet. Überall wird nach „high potentials“, Hochbegabten, Stars oder Eliteuniversitäten gesucht. In der Mittelschicht optimiert man sogar die eigenen Kinder, damit sie es in diese sagenhafte Elite schaffen.

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Allein die Leistung zählt?

Insofern ist ein Mann wie Michael Hartmann, Soziologe an der TU Darmstadt, von beeindruckender Nüchternheit. Er benannte bei Frau Will Eliten als jene Gruppe von Menschen, die in der Lage sind, „gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen“. Dieser Begriff der Funktionselite kommt ohne jene moralisierende Attitüde aus, die der Elite eine besondere Qualität zuspricht – und damit zugleich ihre privilegierte Stellung legitimieren will. Eliten sind also schlicht jene Schicht, die in den Subsystemen unserer Gesellschaft an den Schalthebeln der Macht sitzt, ob in der Politik, der öffentlichen Verwaltung, den Unternehmen oder der Kultur. Hartmann hatte schon in früheren Untersuchungen darauf hingewiesen, wie sich die Elite bis heute aus sich selbst heraus reproduziert, also die Kinder des Großbürgertums und des gehobenen Bürgertums die Position der Eltern zu verteidigen wissen. Das meritokratische Selbstverständnis, es zähle bei der Elitenrekrutierung allein die Leistung, sei eine Illusion.

Vor diesem Hintergrund konstatiert er nun eine „Einstellungsspaltung“ zwischen diesen Funktionseliten und der Sichtweise der gesamten Bevölkerung. Als Merkmale dienen ihm dabei sozioökonomische Kriterien wie die Steuerpolitik oder der Mindestlohn. Aus seinen Befragungen hat er dabei zwei Erkenntnisse gewonnen. In den von ihm befragten Funktionseliten wird im Gegensatz zur gesamten Bevölkerung etwa eine Erhöhung der Steuern zur Finanzierung staatlicher Infrastruktur abgelehnt. Und das sei in besonderer Weise bei der Gruppe der Fall, die schon selbst aus der Elite stamme, der sie heute angehöre.

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