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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will Sind wir Europas Zuchtmeister?

Anne Will hat ihren Gästen am Mittwochabend die Schuldfrage gestellt. Wer ist verantwortlich für die frostige Stimmung in Europa? Ein SPD-Urgestein gab eine bemerkenswerte Antwort.

© AFP Vergrößern Hitler-Vergleiche sind das Glutamat jeder anti-deutschen Polemik.

Der Countdown läuft. Wenn heute Mittag um 12 Uhr Ortszeit die zyprischen Banken nach mehr als einer Woche wieder öffnen, werden die Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit massenweise an die Schalter strömen. Sie werden versuchen, zu retten, was noch zu retten ist. Doch mit nur 300 Euro in der Tasche werden viele der Kleinsparer frustriert wieder abziehen – und mancher von ihnen wird wissen, wen er für ihre missliche Lage verantwortlich machen kann: die Deutschen, die mit vermeintlich gnadenlosen Spardiktat Staaten an den Abgrund und Menschen in die Verzweiflung treiben. In der Krise hat anti-deutsche Stimmung Konjunktur. In Italien ließ sich mit ihr Wahlkampf betreiben, in Zypern brandet sie auf den Straßen auf, auf denen Menschen mit Merkel-Masken samt Hitler-Bart ihrem Ärger Luft machen.

Johannes Pennekamp Folgen:  

Sind wir Deutschen tatsächlich die Zuchtmeister Europas? Oder ist die Lösung in Zypern gerecht, wie es Bundeskanzlerin und Finanzminister gebetsmühlenartig betonen? Anne Will hat diese Fragen am Mittwochabend ihren Talkgästen gestellt. Und ein Mann mit schneeweißem Haar hat ihr eine bemerkenswerte Antwort gegeben. „Die Lösung ist richtig und schmerzhaft. Weil sie richtig ist, ist sie auch fair, aber nicht allen gegenüber auch automatisch gerecht.“ Nachdem SPD-Urgestein Klaus von Dohnanyi diesen Satz ausgesprochen hatte, schaute er so, als müsste er seine Worte selbst erst einmal sacken lassen, um ihre Bedeutung voll und ganz zu erfassen. Leider sind Denkpausen nicht eingeplant im öffentlich-rechtlichen Diskutantenstadl  - und so muss sich jeder selbst zusammenreimen, was der 84 Jahre alte Sozialdemokrat genau gemeint hat mit seiner widersprüchlich anmutenden Unterscheidung von dem was „fair“ und dem was „gerecht“ ist.

Die beste Alternative ist fair, aber nicht gerecht

Ein Versuch: Wenn Länder vor dem finanziellen Kollaps stehen, dann gibt es keine Lösungsoptionen mehr, die jedem einzelnen das bescheren, was er nach Maßstäben der individuellen Verantwortlichkeit verdient hätte. Da ist die 25 Jahre junge Frau aus Zypern, die in einem Einspielfilm zu Wort kam. Sie ist von ihrem Auslandsstudium in ihre Heimat zurückgekehrt, jetzt steht sie ohne eigenes Zutun vor einem Scherbenhaufen. Geraten Länder so wie Zypern in Notsituationen, gibt es offenbar nur noch eine Auswahl zwischen Alternativen, die unterschiedlich tiefe Einschnitte bedeuten und unterschiedliche Personengruppen in Gemeinschaftshaftung nehmen – die Gläubiger, die Sparer, die Steuerzahler, die Oligarchen. Sie bilden Schicksalsgemeinschaften, in denen die Rolle des einzelnen unwichtig wird. In Zypern wurde nach Ansicht Dohnanyis die beste Alternative gewählt, diejenige, die den geringsten Schaden anrichten wird und Chancen für einen Neuanfang bietet. Das ist fair, aber nicht in jedem Fall gerecht.

Diese Analyse erklärt die Wut der Menschen. Aber sie erklärt nicht, warum sich die Wut so ungleich auf all die Euroländer verteilt, die darauf beharren, Milliardenkredite an Bedingungen zu knüpfen. Hat es historische Gründe, dass sich ein großer Teil der Wut auf Deutschland und nicht genauso auf Finnland, die Niederlande oder andere fokussiert? Hängt es mit der guten wirtschaftlichen Lage Deutschlands zusammen? Oder hat es ganz andere Ursachen? Diese Fragen hat die Gastgeberin leider nicht auf dem Zettel gehabt. Vielleicht auch weil sie niemanden in die Runde gebeten hatte, der diese Fragen kompetent hätte beantworten können.

Auch Deutschland ist wenig lernfähig

Am ehesten war das noch Michalis Pantelouris, ein Journalist mit deutschen und griechischen Wurzeln, der bemüht war, die Rolle des Anklägers zu übernehmen. Die von den Krisenländern geforderten Sparmaßnahmen und die „ungleichen Chancen“ für junge Menschen in Nord- und Südeuropa kritisierte er zwar scharf, bei Nachfragen zu möglichen Alternativen aber blieb er blass. Die derzeitige Krisensituation bezeichnete Pantelouris als „Anfang vom Ende“ der Europäischen Union. Eine Aussage, mit der er vor allem den Widerspruch Hans-Gert Pöttering, dem früheren Präsidenten des Europäischen Parlaments, hervorrief. Der CDU-Mann wurde nicht müde seiner Hoffnung, Europa werde gestärkt aus der Krise hervorgehen, Ausdruck zu verleihen. Ansonsten jedoch trug Pöttering nicht viel Konstruktives zur Debatte bei. Genauso Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler, die sich in erster Linie darauf beschränkte, die Kanzlerin zu kritisieren und das ein oder andere Mal Gefahr lief, sich in Bandwurmsätzen zu verheddern.

Dass sich das Einschalten trotzdem gelohnt hat, lag neben von Dohnanyi an Rolf-Dieter Krause, der als Leiter des ARD-Studios in Brüssel die Verhandlungen der europäischen Regierungschefs und Finanzminister seit Jahren hautnah mitverfolgt. Die Lage sei hitzig, das bereite ihm Sorgen, sagte Krause. Bei der Frage nach der möglichen Verantwortung Deutschlands und anderer Euroländer an der prekären Lage der Krisenstaaten, polterte der sonst moderate Fernsehmann: „Europa gibt zehn Milliarden Hilfe für Zypern. Wenn ich da höre, Europa ist nicht solidarisch, da bekomme ich Pickel.“ Wie von Dohnanyi erinnerte Krause daran, dass derjenige, der sich für höhere Risiken in Form höherer Zinsen entscheidet, auch mit den möglichen negativen Konsequenzen leben müssten. Die Sendung beendete er mit einem Plädoyer für mehr Offenheit unter der Euroländern: Alle Länder seien unfähig voneinander zu lernen,  auch Deutschland. Beispielsweise in der Familienpolitik würde sich das Land viel zu wenig von seinen Nachbarn abschauen. In der Wirtschaftspolitik dagegen, müssten andere von Deutschland lernen. „Es verbietet sich Hochmut“, so Krause, „aber wir können den Menschen die Anpassungen nicht ersparen.“

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Quelle: FAZ.NET

 
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