Home
http://www.faz.net/-hon-766ib
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik Anne Will Mehr Empirie, bitte!

In der Talk-Sendung von Anne Will waren sich die Gäste darin einig, dass eine Debatte über Sexismus im Alltag hierzulande richtig und notwendig ist. Aber was ist das eigentlich, eine Debatte?

© ARD Vergrößern Eine Debatte? Wirklich?

Seit etwas mehr als einer Woche reden wir nun über Sexismus. Und wie das so ist, wenn auf allen Kanälen überwiegend über ein Thema gesprochen wird, sei es auch ein so wichtiges wie dieses, machen sich nach sehr kurzer Zeit bereits Abnutzungserscheinungen bemerkbar. Man kann es nicht mehr hören. Man sehnt sich nach Klärung. Man wird der Sache überdrüssig und wendet sich ab. Allein deswegen deutete die Frage, unter die Anne Will am Mittwochabend ihre Sendung gestellt hatte, „Sexismus-Aufschrei - hysterisch oder notwendig?“, in eine völlig falsche Richtung.

Lena  Bopp Folgen:  

Denn nicht nur die vergangenen Tage haben gezeigt, dass es ein großes Bedürfnis von Seiten vieler Frauen gibt, über den Sexismus zu sprechen, dem sie sich im Alltag ausgesetzt sehen. Auch die von Anne Will geladenen Gäste, von dem CDU-Politiker Heiner Geißler über die Grünen-Politikerin Renate Künast, die Piratin Anke Domscheidt-Berg, den Journalisten Jan Fleischhauer sogar bis hin zu der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten von Goslar, Monika Ebeling, waren sich im Grunde darin einig, dass eine solche Debatte dringend geführt werden muss. Frau Künast äußerte sogar die Hoffnung, die Causa Brüderle/Himmelreich könne zu einer „dritten Frauenbewegung“ führen, was gar nicht abwegig und auch wünschenswert wäre. Aber die Frage, die sich zunächst einmal stellt, muss viel grundsätzlicher lauten - nach einer Sendung wie der von Anne Will leider um so mehr: Was ist eigentlich eine Debatte?

Immer wieder die gleichen Fragen

Um eine solche zu führen, reicht es da, dass man auch nach einer Woche, in der landauf landab die Fragen, ob Herr Brüderle sich bei der Journalistin entschuldigen sollte, ob Frau Himmelreich ihre Beschwerde schon früher hätte artikulieren sollen, ob es opportun ist, dass sich die FDP nun zum Opfer einer Kampagne stilisiert, ob sich Frauen grundsätzlich nicht wehren können, und, falls dem so ist, ob dann die ganze Frauenbewegung womöglich gar nichts gebracht habe - reicht es da, solche Fragen zu diskutieren? Nein, es reicht nicht. Und genau dafür war die Sendung von Anne Will, die sich Mühe gab, und doch nicht den Eindruck erweckte, dass sie wusste, wo sie hinwollte, ein gutes Beispiel. Eine Debatte kommt nicht in Gang, wenn man wieder und wieder dieselben Fragen stellt. Sie kann sich nur dann sinnvoll entwickeln, wenn man sich nach einer Weile von den konkreten Fällen ab- und den strukturellen Problemen zuwendet. Dafür braucht es aber vor allem Empirie.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz Die haben es doch so gewollt

Der Grat zwischen einem harmlosen Büroflirt und sexueller Belästigung ist schmal. Doch nicht nur Männer müssen sich vorsehen, die Grenzen zur Anzüglichkeit nicht zu überschreiten. Mehr Von Constantin Baron van Lijnden

21.10.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
Schaffner mit Windeln in Bangkok

Die Arbeit in Thailands Bussen ist stressig - so stressig, dass den Schaffnerinnen meistens nicht einmal Zeit bleibt, zur Toilette zu gehen. Viele der Frauen behelfen sich deshalb mit Windeln, was allerdings gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann. Mehr

17.06.2014, 09:19 Uhr | Gesellschaft
Reaktionen auf Internetvideo 15 Millionen Klicks und zehn Morddrohungen

Das Internetvideo einer Frau, die beim Gang durch New York permanent belästigt wird, hat sich in kurzer Zeit millionenfach verbreitet. Die Reaktionen darauf sind gespalten. Auch Morddrohungen soll es schon gegeben haben. Mehr

30.10.2014, 16:44 Uhr | Gesellschaft
Pakistan Frauen wagen sich in Männerberufe

Die Frauen in Pakistan trauen sich, aus ihren Schranken auszubrechen. Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai hat das gezeigt, indem sie den Taliban die Stirn bot. Im pakistanischen Teil des Himalayas wagen die Frauen sich jetzt auch an Berufe, die eigentlich nur für Männer sind - zum Beispiel als Zimmerleute oder Bergführer. Mehr

23.10.2014, 13:26 Uhr | Gesellschaft
Sexuelle Belästigung Dokument des täglichen Spießrutenlaufs

In zehn Stunden 100 Mal angemacht: Im Internet kursiert ein Video, das zeigt, wie alltäglich die Belästigung von Frauen bisweilen ist. Der Gang der Protagonistin durch New York gleicht einem Spießrutenlauf. Mehr

29.10.2014, 13:22 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.01.2013, 07:39 Uhr

Warhol mit Zeitungsbeilage

Von Patrick Bahners

Wie kann man Leser noch schockieren, die man an optische Sensationen gewöhnt hat? Mit der Mittwochsausgabe dieser Woche gelang der „New York Times“ das Kunststück: Die Zeitung wurde in eine Anzeige verpackt. Mehr 2