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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will Ist Armut eine Frage des Geldes?

Anne Will diskutierte über Umverteilung. Neue Antworten hatte sie nicht. Aber ein paar Fragen, über die man nachdenken sollte.

© dpa Vergrößern In einer Hamburger Hochhaus-Siedlung.

Es gibt Sätze, die die Zuschauer von Talkshows erwarten. Ohne die sich eine Talkshow fast leer anfühlt. Welche Sätze also gehören unbedingt dazu, wenn Anne Will eine Sendung über Umverteilung moderiert? Wenn auf der Gästeliste die SPD-Politikerin Manuela Schwesig steht, Christian Lindner von der FDP, die Journalistin Rita Knobel-Ulrich, Altbischof Wolfgang Huber und Gewerkschafterin Annelie Buntenbach?

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„Bullshit-Bingo“ heißt das Spiel, bei dem sich das Publikum die wahrscheinlichsten Sätze vorher aufschreibt und dann abstreicht. In Anne Wills Diskussionsrunde am Mittwochabend waren sie alle dabei, die Sätze dieser Jahre.

  • „Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf.“
  • „Der Spitzensteuersatz liegt heute nicht mehr bei 53, sondern bei 42 Prozent.“
  • „Die Bildung der Kinder hängt vom Geldbeutel der Eltern ab.“
  • „Starke Schultern tragen heute schon viel Last.“
  • „Nicht jeder Reiche ist ein Steuerbetrüger.“
  • „Der Staat nimmt so viel Geld ein wie noch nie.“
  • „Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können.“
  • Und natürlich: „Wir brauchen einen Mindestlohn.“

Diese Sätze sind toll für die Diskussionsgäste, weil sie jederzeit ohne weiteres Nachdenken aus dem Mund kommen. Das Problem an diesen Sätzen ist: Sie bringen die Diskussion nicht mehr voran. Sie füllen nur Sendeminuten, aber Erkenntnisgewinn steckt darin nicht.

Dabei hatte Anne Will einige interessante Fragen vorbereitet. Mit dem Altbischof Huber und der Journalistin Rita Knobel-Ulrich hatte sie auch zwei Gäste, die neue Gedanken in den Raum warfen. Doch die erhielten wenig Gesprächszeit - und wenn sie mit einer neuen Idee kamen, hatten sie wenig Resonanz. Weil es zu keiner guten Frage einen Diskussionspartner gab, der auch nur auf das Thema einsteigen konnte.

Fragen bleiben offen. Wenigstens waren manche neu

Darum diente die Diskussion nur zu einem: Als Sammlung für Fragen, aus denen mal Denkanstöße werden können. Aus denen dann vielleicht eine neue Erkenntnis erwächst.

Warum zum Beispiel kommt der Staat nicht mit dem Geld aus, obwohl er so viel hat? Weil er gelegentlich einen sinnlosen Kurs für Hartz-IV-Empfänger bezahlt? Liegt es an einzelnen falschen Ausgaben, die der Bundesrechnungshof bemängelt? Oder gibt es ein System?

Warum schafft es die Hälfte der Deutschen nicht, sich ein Vermögen zusammenzusparen? Weil sie nicht genug Geld haben, um gleichzeitig sparen und leben zu können? Aber wer definiert eigentlich, was man zum Leben braucht?

Ist Armut eine Frage des Geldes?

Ist Armut überhaupt eine Frage des Geldes? Oder geht es darum, ob jemand eine Perspektive hat und Anschluss an andere Menschen? Hängen die Bildungschancen eines Kindes wirklich vom Geldbeutel seiner Eltern ab - oder ist es nicht wichtiger, ob die Eltern gebildet sind und ihm etwas beibringen können? Wenn ja, hilft dann Geld?

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Was bedeutet es, dass der Spitzensteuersatz heute niedriger ist als früher? Wer sollte den Spitzensteuersatz überhaupt zahlen - schon Tarifbeschäftigte, so wie heute? Wenn eine Partei mehr Geld von den Reichen will, warum trifft sie dann gleichzeitig so viele Leute, die gar nicht gemeint sind?

Und können Reiche heute wirklich weniger in der Steuererklärung tricksen als früher? Vielleicht macht Anne Will ja bald ein paar Sendungen, in denen sie sich um diese Fragen kümmert. Aber nur um eine pro Sendung. Mit Gästen, die zu diesen Fragen mehr zu sagen haben.

Quelle: FAZ.NET

 
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