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Veröffentlicht: 22.11.2012, 07:11 Uhr

FAZ.NET-Frühkritik „Anne Will“ Gott oder Hirnchemie?

Schaut man zwischen Leben und Tod wirklich oder nur zum Schein ins Paradies? Bei „Anne Will“ erlebte man einen Religionsdisput zum Anfassen.

© plainpicture/Design Pics Solange nichts zu beweisen ist, scheint der Glaube zumindest eine nützliche Vorsehung

Die ARD ist in dieser grauen Novemberwoche voller Todesnachrichten. Anders gesagt: Wir sind mitten drin in der „Themenwoche Tod“. Demnächst kommen auch wieder andere Themenwochen, über „Haustiere“ möglicherweise oder „Seitensprünge“. ARD-Themenwochen sind dazu da, uns nachhaltig – nämlich flächendeckend vom „Tatort“ bis zum Wetterbericht - zur Nachdenklichkeit zu ermuntern. Ein Ermunterungseffekt, der nicht verpufft, sondern greift, einfach schon deshalb, weil wir wissen, dass in einer Themenwoche das ganze Land über ein und dasselbe Thema nachdenkt, man also nicht allein zu Hause ist in seinem Kopf, sondern mitdenkt mit dem, was die Quote denkt.

Christian Geyer-Hindemith Folgen:

„Anne Will“ machte das Beste aus diesem thematisch aufgeschlossenen Massenmenschentum, als sie am Haken der Nahtoderfahrung über die Frage nachdenken ließ, ob Gott tot sei oder lebe. Ihre Talkrunde erreichte streckenweise Pascalsches Format, dann nämlich, als der Theologe und ehemalige sächsische Innenminister Heinz Eggert die metaphysische Patt-Situation beschrieb, in der die Existenz Gottes weder eindeutig belegt noch eindeutig widerlegt werden kann, sich auf diese Frage also nur eine Wette im Sinne des französischen Philosophen Blaise Pascal abschließen lässt. Der Mathematiker Pascal meinte, nach dem Tod besser zu stehen, wenn man ein gläubiges Leben gelebt habe, eventuell jedenfalls. Und für diese Eventualität vorzusorgen, lohne sich allemal, zumal der Glaube ja auch zu Lebzeiten seinen Nutzen abwerfe.

Natürlich ist das Nützlichkeitsdenken hier mit Händen zu greifen, Eggert hatte denn auch seine Reserven, die er aber im Grunde nicht zu haben brauchte, denn noch immer gilt: Besser als Utilitarist in den Himmel denn als Altruist in die Hölle.

Die Religionskritik zeigt sich unentschlossen

Über die Hölle wurde ebenfalls kurz gesprochen bei „Anne Will“, durchweg mit dem Tenor, ein Gott, der mit der Hölle drohe, mache sich bei den Menschen unmöglich. Ein Argument, das freilich über die Existenz oder Nichtexistenz dieses verdammten Ortes wenig aussagt, wie die Katholikin Mechthild Löhr festhielt, denn was kann einen Gott schon daran hindern, sich unmöglich zu benehmen? Unsere PR-Gedanken sind im Zweifel nicht die Gedanken Gottes, das räumte auch der „Autor und Atheist“ (ARD-Präsentation) Philipp Möller ein, der sich von Anne Will einen Rüffel holte, als er meinte, es seien auch schon Leute wegen weniger wahnwitziger Ideen eingewiesen worden. Dabei nahm Möller ja nur sein Bürgerrecht auf negative Religionsfreiheit wahr, wobei er nicht einmal die relativ offene und von Martin Mosebach noch nicht absolut geschlossene Zone der Blasphemie betrat.

Eher war Möller es, der sich bei diesem Religionsdisput zum Anfassen in der Defensive fühlen musste, wie auch schon das zaghafte Motto der von ihm vor Jahren angezettelten Buskampagne verrät: „Es gibt (wahrscheinlich) keinen Gott“. Wer bei seiner Religionskritik derart unentschlossen bleibt, darf sich nicht wundern, wenn ein kluger Theologe wie Eggert ihm die Show stiehlt. Auch den Nahtoderfahrungen, die Seyran Ates zum Besten gab, ist es eigen, für alles Mögliche herhalten zu können: für eine durcheinander geratene Hirnchemie wie für eine exquisite Gottesbegegnung. Wenn Möller wie übrigens auch der „Kabarettist und Atheist“ (ARD-Präsentation) Vince Ebert hier eher ans neurologische Chaos als an himmlische Mächte glauben, dann bleibt auch dies so oder so – ein Glaube. Eggerts Patt-Worte in Gottes Ohr.

Mehr zum Thema

Dass ein Gedanke nicht ohne Hirnchemie zustande kommt, ist jedenfalls eine Trivialität und sagt – anders, als Eberts Beschwörung der Alternative „Gott oder Hirnchemie“ nahelegt - nichts  über den Wirklichkeitsbezug der jeweiligen Vorstellung. Gott oder Hirnchemie wäre so gesehen die falsche Alternative. Auch der Regen lässt sich nicht ohne Gehirnchemie denken. Und doch zweifelt niemand daran, dass er nass wurde, „wirklich“ nass, als er ohne Schirm zu „Anne Will“ unterwegs war.

Quelle: FAZ.NET

 

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