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FAZ.NET-Frühkritik: „Absolute Mehrheit“ Wer soll dein Herzblatt sein?

Stefan Raab hat im deutschen Fernsehen schon mehrere angestaubte Formate aufgemöbelt. Nun soll er das Fernsehduell zur Bundestagswahl moderieren. Worauf hat man sich denn da einzustellen?

© dpa Vergrößern Raabs Runde: Dorothee Bär (Vize-Generalsekretärin der CSU), Yvonne Ploetz (Frauenpolitische Sprecherin der Linken), Linda Teutenberg (Mitglied des Bundesvorstandes der FDP), Katja Dörner (Kinder- und Familienpolitische Sprecherin von den Grünen) und der Musiker Olli Schulz.

Zu den vielen Dingen, bei denen man sich in der vergangenen Woche fragte, wie das jetzt wieder passieren konnte – Meteoriten stürzen auf die Erde, Pferde stecken in der Lasagne – gehörte auch die Nachricht, dass Stefan Raab das Fernsehduell zur Bundestagswahl moderieren soll. Dabei lässt sich ausgerechnet die noch am ehesten erklären.

Es war Edmund Stoiber, der vorschlug, Pro Sieben Sat.1 solle zum nächsten Fernsehduell doch Stefan Raab als Moderator schicken. Er sprach damit einerseits als besorgter Bürger, der wieder mehr Menschen für die Politik interessieren möchte, andererseits als Vorsitzender des Beirats jener Sendergruppe, deren – man möchte fast sagen: einziger – Moderator Raab ist.

Stefan Raab haut sich bei Pro Sieben mit Prominenten („Promi-Boxen“) oder Zuschauern („Schlag den Raab“), springt ins Wasser („TV Total Turmspringen“), rutscht auf einer China-Pfanne herum („Wok-WM“) oder sucht Schlagermusik-Kandidaten („Bundesvision Song Contest“). Als Moderator einer Polit-Sendung ist er bislang nur ein Mal aufgetreten. Das war vor drei Monaten in der Show „Absolute Mehrheit“, die er – wie all die anderen Sendungen auch – selbst erfunden hat.

Ist Politik ein ernstes Geschäft?

Nun hätte das allein wahrscheinlich nicht ausgereicht, ihn im Herbst auch noch die beiden wichtigsten Politiker des Landes befragen zu lassen, wäre einer dieser Politiker nicht Peer Steinbrück, der sogleich erklärte, dass Politik keine Unterhaltungssendung sei, sondern ein ernstes Geschäft und Stefan Raab ablehnte. Steinbrück hatte – sicher wieder einmal im Impuls, sich nicht verbiegen zu lassen – dabei nicht nur übersehen, dass die Sender immer noch selbst aussuchen, wer das Duell moderiert, sondern auch, dass die meisten Menschen Politik eben gerade doch für eine Unterhaltungsendung halten.

Als Steinbrück seinen Fehler kurz darauf korrigierte und sich mit Stefan Raab einverstanden erklärte, musste sich Angela Merkel nur noch mit der Bemerkung anschließen, die Sender suchten die Moderatoren aus. Und obwohl sicherlich keiner von beiden unbedingt von Stefan Raab befragt werden will, wird es nun genauso kommen. Das nennt man Politik.

Wie das aussieht, wenn Menschen wieder für Politik interessiert werden sollen, ließ sich am Sonntag bei „Absolute Mehrheit“ beobachten. Die Sendung ist eine Casting-Show mit Politikern, die rundenweise zu Themen sprechen und nach jeder Runde wählt das Publikum einen von ihnen hinaus. Wer am Ende mehr als fünfzig Prozent der Zuschauer hinter sich hat, gewinnt hunderttausend Euro, was beim letzten Mal dem FDP-Politiker Wolfgang Kubicki allerdings nicht gelang, weshalb der Gewinn nun auf zweihunderttausend Euro stieg. Einen Jackpot gibt es also auch.

Wer soll das Herzblatt sein?

Stefan Raab hatte diesmal eine Frauenrunde eingeladen, die Parteien hatten auch fast alle jemanden geschickt, nur die SPD hatte offenbar nicht einmal in einem Landtag eine Politikerin finden können. Dafür war dann einfach der Musiker Olli Schulz gekommen, der nach zwanzig Minuten immer noch vor Katja Dörner von den Grünen lag, obwohl er bis dahin kein einziges Wort gesagt hatte. Dafür führte Dorothee Bär von der CSU, die als einzige der Frauen ein Kleid und Absatzschuhe trug, die Wertung an. Gewonnen hat am Ende Linda Teuteberg von der FDP, womöglich kommt man in dieser Partei mit der Casting-Situation am besten klar.

Geredet wurde über die Quote, dann über Tugendrepublik Deutschland, dann über die Mietexplosion in den Städten. Aber ganz gleich, worum es ging, es war eigentlich immer wie damals bei „Herzblatt“, wo die Kandidaten auswendig gelernte Texte aufsagten und aus Angst, sie könnten die Pointe versemmeln, die ihnen der Redakteur aufgeschrieben hat, die Pointe versemmelten. Die Rolle der schönen Stimme, die am Ende das Gesagte noch einmal zusammenfasste, übernahm hier Peter Limbourg, der bei Pro Sieben Sat.1 als politischer Journalist („Informationsdirektor“) auftritt und auch schon mal das Fernsehduell moderierte.

Stefan Raab als Moderator gibt in dieser Show eine souveräne Mischung aus Sabine Christiansen und Thomas Gottschalk. Von der einen kannte er die Technik mit dem Knopf im Ohr, der einem jederzeit die passenden Informationen vorsagen kann, vom anderen die Technik, dass man, wenn es mal irgendwo nicht weitergeht, einfach jemand anderen fragt. So sprang Raab durch die Sendung, die immerhin über anderthalb Stunden geht und fasste die Ergebnisse, auf die man nicht gekommen war, mit einem Satz zusammen, der auch von Frank Plasberg kommen könnte: „Auch wenn wir heute Abend nicht alles ausdiskutieren konnten, so haben Sie hoffentlich einen Denkanstoß bekommen.“

Wenn das die Revolution des politischen Gesprächs im Fernsehen gewesen sein sollte, dann sollten Politiker in Zukunft besser Turmspringen, Boxen oder auf einem Wok eine Bob-Bahn hinunterfahren. Das interessiert dann noch mehr Nichtwähler.

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Quelle: FAZ.NET

 
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