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FAZ.NET-Fernsehkritik: Anne Will : Was machen wir mit der Kavallerie?

Diskutierte mit ihren Gästen über die Kanzlerin und ihren Herausforderer: Moderatorin Anne Will Bild: dpa

Wer ist glaubwürdiger – Angela Merkel oder Peer Steinbrück? Darum ging es in der Talkshow. An deren Ende stand ein Hinweis auf eine dubiose Party eines bekannten Eventmanagers.

          Haben wir da irgendetwas nicht mitbekommen? Hat der Journalist Heiner Bremer einen neuen Job? Wenn nicht, so hat der einstige „Stern“-Chefredakteur, RTL- und n-tv-Moderator sich in der Talkshow von Anne Will am Mittwochabend um einen beworben. Um den des Sprechers der SPD. Wobei die Partei mit ihm vielleicht nicht wirklich gut beraten wäre. So aufbrausend und laut und einer argumentativen Auseinandersetzung abgeneigt, wie er sich gibt, eindeutig in seinem Urteil und über jeden Zweifel erhaben. Für einen ehemaligen (sehr linken) FDP-Politiker vielleicht angebracht, für einen Journalisten eher eine erstaunliche Haltung.

          Wofür steht Angela Merkel?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Merkel gegen Steinbrück – Wer ist glaubwürdiger?“ lautete das Thema bei Anne Will, schön weich und unbestimmt formuliert, so unbestimmt, dass jeder mit Eindrücken und Gefühlslagen rüberkommen kann, wo früher Standpunkte formuliert wurden. Dass dies heute so schwierig scheint, kann nicht nur an der Bundeskanzlerin liegen, von der die einen – in diesem Fall Heiner Bremer und Gertrud Höhler – meinen, sie habe gar keine Überzeugungen; andere aber – bei Anne Will waren das Gerhart Baum und der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Nikolaus Blome – sehr wohl welche erkennen können. Das Bekenntnis zu Europa und zum Euro und zu einer engen Verbundenheit zwischen Frankreich und Deutschland zum Beispiel. Doch waren das, wie im Talkshowgewerbe üblich, einmal mehr nur Stichworte, keine Anhaltspunkte für eine Diskussion.

          Gerade um einen Politiker wie Gerhart Baum ist es in einem solchen Rahmen schade, um jemanden, der streiten will, nicht um der Äußerlichkeiten willen; dem übel wird, wenn er die Ausschnitte aus den Parteitagsreden und das Gerede darüber hört („müssen wir das jetzt wirklich ein Jahr lang ertragen?“); der zwischen Taktik, Strategie und programmatischen Grundwerten unterscheiden kann und zwischen Wahlversprechen und der Kompromissnotwendigkeit praktischer Politik. Wenn alle anderen sagen, dass sie den Politikern nichts mehr glauben, klingt das platt, wie an diesem Abend vor allem bei der Journalistin Kathrin Hartmann. Wenn Baum sagt, dass er nicht einmal mehr Koalitionsvereinbarungen traue, klingt das nicht einmal zynisch, sondern als Beschreibung der Politik als der Kunst des Machbaren.

          „Ich glaube nicht, dass er das selber glaubt“

          Und wie war das nun mit der Glaubwürdigkeit? Heiner Bremer glaubt Peer Steinbrück und dessen auf dem Parteitag formuliertem Bekenntnis zu sozialer Gerechtigkeit. Wobei zu definieren wäre, was das ist und wie man sie am besten erreicht. „Ich glaube nicht, dass er das selber glaubt“, sagte Nikolaus Blome und meinte die Diskrepanz zwischen dem früheren Regierungspolitiker und dem heutigen Wahlkämpfer Steinbrück.

          Damit beschreibt Blome eine der großen Herausforderungen für die Sozialdemokraten im Wahlkampf: Es gibt kaum noch Themen, mit denen die SPD gegen Merkel punkten kann, sie hat ihrer Partei in ihrer unnachahmlich unbestimmten Art das Programm der anderen verpasst. „Wir haben eine Sozialdemokratie ohne Sozialdemokraten“, sagte Gertrud Höhler, die den irrationalen Furor, mit dem sie bei anderen Gelegenheiten Angela Merkel und deren Regierungsstil beschrieben hat, ganz gut im Zaum hielt. Auf das Thema soziale Gerechtigkeit aber könne die SPD ihre Hoffnung setzen, meinte Heiner Bremer. Doch ist eben die Frage, ob die Wähler genau diese Botschaft dem Kanzlerkandidaten abnehmen, der sich dazu am heutigen Donnerstag eine ganze Stunde lang bei Reinhold Beckmann auslassen kann, im Einzelgespräch, wo wenig Widerworte zu erwarten sind und man kaum etwas zu verlieren hat.

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