http://www.faz.net/-gsb-92zpq

ARD-Serie „Das Verschwinden“ : Es ist alles zum Verzweifeln

Frau am Fenster: Julia Jentsch spielt in „Das Verschwinden“ eine Mutter, die ihre Tochter sucht. Bild: ARD Degeto/BR/WDR/NDR/23/5 Filmp

In der ARD-Miniserie „Das Verschwinden“ zeigt sich das deutsche Fernsehen von seiner schwermütigsten Seite. Es geht um Crystal Meth, kaputte Familien und eine Vermisste. Das ist harte Trauerarbeit.

          Damit beweist die ARD wirklich Mut: Viermal anderthalb Stunden zur fast besten Sendezeit hat sie dem vielfach preisgekrönten Regisseur und Drehbuchautor Hans-Christian Schmid im Ersten eingeräumt – für ein Drama, das auf alles verzichtet, was Attraktivität verspricht, ob in hiesigen „Event“-Filmen oder in internationalen Serien.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          In „Das Verschwinden“ gibt es keine detailverliebt reinszenierte Vergangenheit zu bestaunen; die Miniserie spielt in der Gegenwart, in einem Kaff in Bayern, unter Kleinbürgern in ausgeleierten Pullovern. Die Wolken hängen tief über dem Acker, bleierne Schwere liegt über dem Dorf, alles ist grau, es regnet. Bei Innenszenen sehen wir verschlossene Gesichter hinter vorgezogenen Gardinen. Statt mit einem dramatischen Auf und Ab der Emotionen zu fesseln, setzt Schmid auf allumfassende Depression. Es wird immer nur schlimmer, bis wir ganz unten, im tiefsten Schmerz angelangt sind. Trost spendet nicht einmal die Musik, stattdessen bedrängt Stille die Figuren, wenn nicht ein paar Gitarrentöne oder ein Klang wie von schwingenden Gläsern das nächste Leid ankündigen. Schauwerte in Gestalt nackter Körper, in Form von Liebesszenen, Action oder Gewalt – bis auf einen unmotivierten Überfall und einen sehr geordneten SEK-Einsatz – sind gleichfalls nicht geboten.

          Halb Mater dolorosa, halb Privatdetektivin

          Es gibt auch keinen Humor, nicht einmal schwarzen. Nur an einer Stelle blitzt er zaghaft auf. Da sagt der Dealer Tarik (Mehmet Atesci), der zarte Bande zum Junkie Laura (Saskia Rosendahl) knüpft – beide sind die sympathischsten Charaktere in dieser Tragödie, Romeo und Julia auf dem Dorfe gewissermaßen –, dies alles hier sei doch das Gegenteil einer Win-win-Situation. Also eine Lose-Lose-Lage. So ist es.

          Drei unglückliche junge Frauen: Janine (Elisa Schlott) und ihre Freundinnen.
          Drei unglückliche junge Frauen: Janine (Elisa Schlott) und ihre Freundinnen. : Bild: ARD Degeto/BR/WDR/NDR/23/5 Filmp

          Lauras Mutter hängt zu Hause an der Dialyse. Lässt ihre Tochter sie allein, hat Laura ein schlechtes Gewissen; bleibt Laura daheim, ist es umgekehrt. Und dann ist da noch der Vater (Michael Grimm), der Tarik hasst – wegen der Drogen, aber mehr noch, weil der Junge Türke ist. Fremde sind unerwünscht in dieser geschlossenen Gesellschaft, das bekommt auch die Frau vom LKA (Judith Engel) zu spüren, die wie der Zuschauer klären muss: Was zum Teufel ist hier eigentlich los? Warum dreht die Jugend scheinbar grundlos durch?

          Denn die Sache mit Tarik, Laura und dem Vater ist nur eine der unlösbaren Verknotungen, aus denen die Handlung gewebt ist. Alle Fäden laufen im Verschwinden einer jungen Frau zusammen. Dass die neunzehn Jahre alte Janine Grabowski (Elisa Schlott) plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist, reißt ein Loch in das Netz des Schweigens und der Lügen, in dem alle seit Jahrzehnten gefangen sind.

          Auf der Flucht: Der Dealer Tarik (Mehmet Atesci).
          Auf der Flucht: Der Dealer Tarik (Mehmet Atesci). : Bild: ARD Degeto/BR/WDR/NDR/23/5 Filmp

          Es ist an Julia Jentsch in der Rolle von Janines Mutter, das Gespinst zu zerreißen. Halb Mater dolorosa, halb Privatdetektivin, muss Michelle alles mühsam ans Licht zerren, inklusive ihres eigenen Versagens. Sie verzweifelt über ihre unauffindbare Tochter, reißt sich zusammen, leidet still, wird von der Wut gepackt, vom Schmerz gelähmt, zwingt sich zum Pragmatismus, stapft in ihren Miniröcken und mit zerzaustem Haar auf ihrer Suche von einem zum Nächsten, bis zum bitteren Ende. Julia Jentsch, die in einem exzellent besetzten Ensemble auftritt, beweist sich als herausragende Schauspielerin. Aber die Serie zusammenzuhalten, das ist selbst von ihr zu viel verlangt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Islamistische Gefahr in Berlin : Gewachsene Gewaltbereitschaft

          In Berlin ist eine beunruhigende Entwicklung zu beobachten: Die Zahl der Salafisten hat sich in den vergangenen sechs Jahren beinahe verdreifacht. Zur großen Mehrheit gehören keine Flüchtlinge.

          Nach der Katalonienwahl : Acht Sitze bleiben leer

          Die Separatisten dominieren auch das neue katalanische Regionalparlament – bei der Auftaktsitzung bieten sie aber kein Bild der Stärke. Und was ist mit Carles Puigdemont?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.