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„Kommissar Marthaler“ : Ihm liegen zu viele Leichen im Weg

Guckst du: Die Kommissare Döring (Jürgen Tonkel, links) und Marthaler (Matthias Koeberlin) macht eine Entdeckung sprachlos. Bild: © ZDF/Hans-Joachim Pfeiffer

Die Filme mit Matthias Koeberlin in der Rolle des „Kommissars Marthaler“ sind vielversprechend. Jetzt müsste es nur noch gelingen, aus der Romanvorlage von Jan Seghers gute Fernsehkrimis zu machen.

          Wer es gern kompliziert mag und gern bis zur letzten Minute rätselt, ob nun der dritte oder vierte Verdächtige der Schuldige sein könnte, ist bei „Kommissar Marthaler“ an der richtigen Adresse. Er kann die Haftbefehle gar nicht so schnell beantragen, wie das zwielichtige Personal wechselt. Wobei der Untersuchungsrichter vielversprechende Figuren mit Vorliebe zur falschen Zeit wieder nach Hause schickt. Damit Marthaler und seine Kollegen ihnen aufs Neue nachjagen. So etwas kann ganz schön anstrengend werden. Zum Glück gibt es zum Schluss bei Carlos, dem Mann von der Spurensicherung, der abends ein italienisches Restaurant führt, einen Grappa. Marthaler hat ihn meist nötig.

          Privatleben hat der Kommissar nicht

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Immer dann, wenn der Kommissar ein Fitzelchen Privatleben erhaschen und sich seiner schwangeren Freundin Tereza (Ellenie Salvo González) zuwenden will, klingelt das Telefon und liegt eine Leiche parat. Erst eine, dann die zweite, noch die dritte, zwischendurch springt ein Verdächtiger vor Marthalers Augen in den Tod. Da ist nichts mit Urlaub. Stattdessen bekommt der Kommissar bei seinen Ermittlungen am Rande mit, wie seine Liebste nächtens einen anderen trifft und küsst. Aber nicht einmal für Eifersucht hat Marthaler Zeit. Er hat den Blues des vom Schicksal Gebeutelten, wozu die Melancholie von Leonard Cohen als Soundtrack ganz gut passt.

          Der erste junge Mann, dessen Leiche Marthaler gewärtigt, sollte am nächsten Tag heiraten. Mit zwei Freunden feierte er einen Junggesellenabschied, dessen Umstände den Ermittlern ein einziges Rätsel sind. Es vergrößert sich noch, als ein weiterer Feierbruder gefunden wird. Marthalers Chef Hans Herrmann (Peter Lerchbaumer) geht alles zu schnell beziehungsweise nicht schnell genug. Er präsentiert der Presse selbstgewiss vermeintliche Täter, die sich im Nu als Opfer entpuppen, was selbstverständlich an Marthaler und dessen Kollegen hängenbleibt. Ansonsten ist der Chef für schlechte Witze zuständig. Kostprobe? „Wie heißt der Andi mit Nachnamen? Arbeit natürlich! An die Arbeit, Kollegen.“ Da fühlt man sich doch gleich urlaubsreif. Wie heißt Herr Urlaub mit Vornamen? Ab in den!

          Gruppenbild: Die Kommissare mit dem „allzu schönen Mädchen“.

          Beim nunmehr dritten Krimi nach den Marthaler-Romanen von Jan Seghers (hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Schriftsteller und Journalist Matthias Altenburg) gewinnt man den Eindruck, dass die Drehbuchautoren Lancelot von Naso (der auch Regie führt) und Kai-Uwe Hasenheit) gut daran täten, die Handlung zu entwirren, statt sie so zu verkomplizieren, dass sie in den Dialogen fortwährend erläutert werden müssen, damit noch jemand mitkommt.

          Er braucht noch mehr Grappa

          Der für das ZDF produzierte, bei Arte erstausgestrahlte Film versammelt bis in die Nebenrollen hinein ein ansehnliches Personal, gibt aber nicht einmal der Hauptbesetzung ausreichend Raum zu spielen. Matthias Koeberlin kann als Marthaler - unprätentiös wie immer - noch am meisten zeigen, doch schon die Kommissars-Rollen von Julia Jentsch, Jürgen Tonkel und Tim Seyfi und die der Sekretärin Elvira (Anke Sevenich) sind undankbar. Sie laufen nebenher oder hinterdrein und haben gerade einmal Gelegenheit, den jeweiligen Ermittlungsstand zu rapportieren.

          Im entscheidenden Moment zieht Marthaler dann doch wieder allein los, was, wie wir wissen, sich in einem derart gefährlichen Beruf ganz und gar nicht empfiehlt und nur dazu führt, dass man - bestenfalls - eins über die Rübe bekommt und sich anschließend an nichts mehr erinnert. Auf derlei Weise im Krimi für Spannung sorgen zu wollen ist ein wenig überholt. Schade ist das, denn mit der Besetzung und der dankbaren Krimi-Kulisse Frankfurt sollte sich mehr erreichen lassen als ein Quasi-Déjà-vu mit alten Folgen der ZDF-Serie „Ein Fall für zwei“.

          Wer ist das schöne Mädchen eigentlich?

          Das „allzu schöne Mädchen“, die neunzehnjährige Manon Schumann (Ella-June Henrard), um die sich in dieser Geschichte in Wahrheit alles dreht, gerät bei all dem zur blassen Schaufensterpuppe. Bei ihrem Anblick setzt bei allen Männern angeblich der Verstand aus, im Zweifel fallen sie sogar um dieser Sirene (die eine sehr schweigsame Schöne ist) willen mit Messern übereinander her. „Frauen, die so schön sind - man benimmt sich automatisch wie ein Idiot“, sagt Kommissar Döring (Jürgen Tonkel) bei der Vernehmung. Man könnte ergänzen: So benehmen sich einige hier (Untersuchungsrichter, Chef des Kommissariats) auch so schon. Nur gut, dass sich Marthalers private Probe aufs Exempel am Ende zum Guten fügt. Sonst hätte ihm Kollege Carlos (Claudio Caiolo) noch mehr Grappa verabreichen müssen.

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