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RTL zur Silvesternacht in Köln : „Die Hölle auf Erden“

Der Heiße Stuhl ist zurück: Diesmal mit Thilo Sarrazin und Moderator Steffen Hallachka Bild: ZB

Bei RTL geht es um die sexuellen Übergriffe an Silvester in Köln. Ein Film schildert dramatisch, wie der Staat versagte und die Opfer schutzlos waren. Danach sitzt Thilo Sarrazin auf dem „heißen Stuhl“, ihm gegenüber die Muslima Khola Mariam Hübsch - und das Unheil nimmt seinen Lauf.

          Wir erinnern uns an die Mitteilung der Kölner Polizei vom 1. Januar 2016 zu den Ereignissen der Silvesternacht auf dem Platz vor dem Dom, im Hauptbahnhof und auf der Hohenzollernbrücke: „Wie im Vorjahr“, hieß es da, „verliefen die meisten Silvesterfeierlichkeiten auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen friedlich. Die Polizisten schritten hauptsächlich bei Körperverletzungsdelikten und Ruhestörungen ein.“ Weiter schrieb die Polizei, „kurz vor Mitternacht“ habe der „Bahnhofsvorplatz im Bereich des Treppenaufgangs zum Dom durch Uniformierte geräumt werden“ müssen. „Um eine Massenpanik durch Zünden von pyrotechnischer Munition bei den circa 1000 Feiernden zu verhindern“, hätten die Beamten „kurzfristig“ begonnen, „die Platzfläche zu räumen. Trotz der ungeplanten Feierpause gestaltete sich die Einsatzlage entspannt – auch weil die Polizei sich an neuralgischen Orten gut aufgestellt und präsent zeigte.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Kurze Zeit später wusste jeder, der es wissen wollte, dass an dieser Einschätzung so gut wie nichts stimmte.

          In den Tagen darauf wurden rund 1200 Anzeigen zu Straftaten gestellt, rund 500 wegen sexuellen Übergriffen auf Frauen, begangen von Tätern, die vornehmlich aus Nordafrika stammten. Von „Ausgelassene Stimmung – Feiern weitgehend friedlich“, wie die um 8.57 Uhr abgesetzte Pressemeldung der Polizei am 1. Januar überschrieben war, keine Rede. Die Menschen am Dom erlebten vielmehr, wie es in der Dokumentation von RTL zur Silvesternacht in Köln fast ein Jahr später an diesem Montagabend heißt, „ein furchtbares Neues“, oder, wie im Film ein junger Mann sagt, der seine Cousine und seine Freundin nicht vor dem Männermob schützen konnte: „die Hölle auf Erden“. Es war ein Versagen des Staates, es war die Abwesenheit, Hilflosigkeit und Ignoranz der Schutzmacht Polizei. „Eine Nacht der Ohnmacht“, die für die Opfer der Straftaten, junge Frauen, bis heute nachwirkt.

          Große Polizeipräsenz : Köln stellt Sicherheitskonzept für Silvester vor

          „Bürgerkriegsähnliche Zustände“

          Was wirklich geschah, zeichnet die Dokumentation von RTL eindrucksvoll nach. Mit Bildern von den massenhaften Verbrechen, mit Aussagen von Opfern und mit Auszügen aus den Notrufen, die in dieser Nacht bei der Polizei eingingen, und aus dem Polizeifunk. Sie belegen die fatalen Fehler, die in Serie begangen wurden. Es war viel zu wenig Polizei vor Ort, die Kommunikation zwischen der Einsatzleitung in Köln und der Landespolizei war eine einzige Katastrophe, die Bereitschaftspolizei wurde nicht rechtzeitig angefordert und dann wurden die Menschen auch noch zusammengedrängt – die Opfer inmitten der Täter.

          Wendeten sich die jungen Frauen an die überforderten Beamten, wurden sie vertröstet: Man habe gerade anderes zu tun, sie könnten ja morgen wiederkommen. Eine einzige Anzeige wegen eines sexuellen Übergriffs nimmt eine Polizeibeamtin in der nahegelegenen Wache auf. Sie braucht zwei Stunden dafür, während andere Opfer weinend die Wache bevölkern und sie unverrichteter Dinge wieder verlassen. Um 21.22 Uhr geht der erste Notruf ein, um ein Uhr am Morgen hat die Polizei die Lage noch längst nicht unter Kontrolle. Stundenlang herrschen „bürgerkriegsähnliche Zustände“. „Keiner war da“, sagt ein junges Mädchen, das Opfer der Übergriffe wurde und von den vielen Männerhänden erzählt, die sie am ganzen Körper betaschten.

          Ein Fehler nach dem anderen

          Wie konnte das passieren? Das wird hoffentlich der Bericht des Untersuchungsausschusses des nordrhein-westfälischen Landtags erklären, der Mitte Januar vorgelegt worden soll und von dessen Ergebnissen wir bei RTL ansatzweise erfahren. Die Ausschussvorsitzende Ina Scharrenbach von der CDU, ein Abgeordneter der FDP und eine Abgeordnete der Piratenpartei sind sich in ihren Zuschreibungen weitgehend einig: Es gab einen Fehler nach dem anderen. Der Reporter Gerhard Voogt vom Kölner „Express“ wird deutlicher: Das Leid der Opfer hätte verhindert werden können, wenn nur irgend etwas in dieser Nacht bei den Sicherheitsbehörden nicht schief gelaufen wäre.

          Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) bekundet, dass es seine Phantasie überstiegen habe, „dass sich Männer zusammenrotten, um Frauen zu überfallen“. Das habe es in ganz Europa nicht gegeben. Der Leiter der später gebildeten Ermittlungsgruppe „Neujahr“ spricht von „Kriminalitätsflüchtlingen“ aus Nordafrika, die diese Taten verübten. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die ein paar Tag nach Silvester auf einer Pressekonferenz Frauen riet, eine „Armlänge“ Abstand zu halten, versichert, sie fühle mit den Opfern. Nichts zu hören und nichts zu sehen ist von der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die auch in den Tagen nach Silvester stumm geblieben war.

          Eine unsägliche Schreierei

          Das alles spricht für sich und wäre an diesem Themenabend bei RTL auch besser so stehen geblieben, doch leider muss der Sender ja seine Uralt-Talkshow „Der heiße Stuhl“ wiederbeleben, die auch nach all den Jahren nicht zu Unrecht in schlechter Erinnerung geblieben ist. Auf dem „heißen Stuhl“ nimmt Thilo Sarrazin Platz, ihm gegenüber stehen vier Kontrahenten, deren Ziel es ist, ihn als dumpfen Fremdenfeind und Muslim-Hasser zu überführen. Es wird, um es vorweg zu nehmen, eine unsägliche, blöde Schreierei mit einem hilflosen Moderator Steffen Hallaschka, der zwischen den Diskutanten herumturnt, während diese sich anbrüllen. Es gibt nicht nur keinen Erkenntniswert, all das, womit die vorhergehende Dokumentation zur vergangenen Silvesternacht in Köln zu einer vertiefenden Diskussion anregte, wird niedergetrampelt.

          Thilo Sarrazin hat daran seinen Anteil, der sich fortwährend als Weltmeister statistischer Gewissheiten geriert, aber nur sehr schwer zu verstehen ist und keine einzige Zahl parat hat, die irgend etwas aussagt. Noch mehr Anteil an dem sich entwickelnden Desaster aber haben Kai Gehring von den Grünen und Khola Mariam Hübsch. Gehring spricht von sexuellen Übergriffen als einem „Männerproblem“ an sich, vom Oktoberfest und von „bayerischen, katholischen Männern“ als vermeintlichen Vergewaltigern, von „bedauerlichen, schwerwiegenden Einzelfällen“ wie denen in Köln, und davon, dass sich Frauen im öffentlichen Raum in ganz Deutschland sicher fühlen könnten. Er nennt Sarrazin einen „postfaktischen Angstmacher“ und meint, die Zahl der schweren Straftaten sei in Deutschland zurückgegangen.

          „Vergewaltigung von einem Flüchtling getätigt“

          Khola Mariam Hübsch nennt Sarrazin einen „Rassisten“ und sagt, es sei schrecklich, wenn „eine Vergewaltigung von einem Flüchtling getätigt“ werde (sie sagt tatsächlich „getätigt“), in Deutschland werde aber alle zehn Minuten eine Frau vergewaltigt. Es gehe um strukturelle Probleme, um deutsche Männer, um Jahrzehnte voller sexualisierter Gewalt. Und schließlich müsse man bei der Berechnung der Statistik berücksichtigen, dass solche Taten eher von Ärmeren denn von Reicheren begangen würde, was man aber herausrechnen müsse. Das sei der Stand der Forschung. Da ist sie, während das Publikum anfängt, zu buhen, fast bei dem Publizisten Jakob Augstein angelangt, der die Sex-Überfälle in Köln mit dem Hinweis relativiert hatte, dass die Opfer – also die Mädchen und die jungen Frauen – den Tätern vor und nach der Tat ja sozial überlegen gewesen seien. Auf einen solchen vermeintlich mildernden Umstand bei schweren Straftaten muss man erst einmal kommen. Dass die Übergriffe nichts mit dem Islam oder dem Frauenbild von Muslimen zu tun hätten, behauptet Khola Mariam Hübsch selbstverständlich auch. So wird das Problem weggeredet.

          Am Rande sitzen derweil zwei junge Frauen, die nach der Aufforderung durch den Moderator Steffen Hallaschka davon berichten, wie sie in Oldenburg – ebenfalls an Silvester – von einem Afghanen sexuell belästigt wurden und ihnen die Polizei nur widerwillig half. Auf ihren Anzeige hin (die offenbar zu nichts führte) wurde einer der beiden jungen Frauen von der Staatsanwaltschaft mitgeteilt, es sei „durchaus denkbar, dass der junge Mann ihnen auf diese Weise sein Interesse mitteilen wollte“.

          Angewandter Zynismus und Opferverachtung

          An angewandtem Zynismus und Opferverachtung bekommt man in diesem zweiten Teil des RTL-Themenabend, der den ersten vollkommen zunichte macht, also einiges geboten. Nur eines gibt es nicht: Sinnstiftende Hinweise zu der Sache, über die zu reden ist und von der, wenn sie totgeschwiegen wird, nur die AfD profitiert. Wie verhält es sich mit der Kriminalität in Deutschland? Nimmt sie zu, nimmt sie ab? Werden prozentual mehr Straftaten von Nicht-Deutschen begangen als von Deutschen? Da gilt es, vorsichtig zu sein und sich vor Verallgemeinerungen zu hüten, wie in den vergangenen Tagen der in diesen Dingen vielgefragte Kriminologe Christian Pfeiffer bereits in verschiedenen Sendungen anmerkte.

          Aber man könnte zum Beispiel einen Blick in die „Polizeiliche Kriminalstatistik 2015“ des Bundeskriminalamts werfen, die, ganz unabhängig von der Diskussion um die Silvesternacht in Köln, nicht wirklich ein Grund zur Entwarnung ist. Sie zeigt, dass die Zahl der Straftaten in den vergangenen Jahren nur ganz leicht abgenommen hat, sie lag 2015 bei rund 5,9 Millionen angezeigten und von den Kriminalämtern verfolgten Delikten. 2116 Fälle von Mord und Totschlag waren darunter und 7022 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Etwa zwei Millionen Tatverdächtige nennt die Statistik, wenn man die Verstöße gegen das Ausländer- und Aufenthaltsrecht weglässt, darunter rund 1,45 Millionen deutsche und 555.000 nichtdeutsche mutmaßliche Täter, darunter wiederum etwa 114.000 Zuwanderer.

          Deutsche und nicht-deutsche Tatverdächtige

          Bei den deutschen Tatverdächtigen sei ein Rückgang um 4,9 Prozent, bei den nichtdeutschen mutmaßlichen Tätern ein Anstieg um 12,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Steigt man weiter in die im einzelnen aufgeführten Erhebungen zu Straftaten und Straftätern ein, in der 135 Seiten umfassenden Kurzfassungen der BKA-Kriminalstatistik 2015 oder in die knapp vierhundert Seiten starke Langfassung, wird man feststellen, dass der Anteil nichtdeutscher Täter bei schweren Straftaten in Relation zu ihrem Gesamtanteil an der Bevölkerung höher liegt als der Prozentsatz bei der übrigen Bevölkerung.

          Das erklärt noch längst nicht alles und sagt nichts über den religiösen Hintergrund von Tatverdächtigen aus. Es lässt sich interpretieren und, wenn man will, instrumentalisieren, passt aber auch nicht zu Beschönigungsformeln, wie wir sie allenthalben - und so auch an diesem Abend bei RTL von Sarrazins Gegnern in der Brüllrunde - zu hören bekommen, während der eine knappe Stunde lang vor sich hin nuschelt.

          Mit einer Dokumentation wie „Die Nacht der Ohnmacht - Wie Silvester in Köln außer Kontrolle geriet“ von Markus Brauckmann und Christian Wiermer, mit welcher der Abend beginnt, kann RTL gerne wieder aufwarten. Den „heißen Stuhl“ allerdings, auf den man Thilo Sarrazin als vermeintlichen Krachmacher setzte, sollte der Sender schleunigst wieder einmotten. Für ein derart unwürdiges Spektakel ist das Thema zu ernst.

          Quelle: FAZ.NET

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