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Film „Schwarzbrot in Thailand“ : Oh, wie schön ist Pattaya

Der Vermieter Stefan Beinle (Michael Kind) begrüßt Ottmar (Veit Stübner) und Tanja (Marie Gruber) in ihrem neuen Lebensabschnitt. Bild: NDR/Achim Poulheim

Mit der ARD in Rente: In dem Film „Schwarzbrot in Thailand“ wagt ein Paar den Neuanfang in Südostasien. Was fade klingt, wird spannender, als der Titel vermuten lässt.

          Am vergangenen Sonntag ist in Thailand das fünftägige Trauerzeremoniell für König Bhumibol zu Ende gegangen. Der konservierte Leichnam des schon im Oktober 2016 mit 88 Jahren gestorbenen Königs war zuvor in einem eigens errichteten Krematorium verbrannt worden. Auch in dem ARD-Film mit dem körnigen Titel „Schwarzbrot in Thailand“ wird es am Ende eine Feuerbestattung geben. Ganz ohne Pomp, kaum Gäste, wenig Worte, nur der Widerschein des offenen Feuers in den Gesichtern der Anwesenden. Es ist eine ruhige Angelegenheit, ohne viel Pathos. So wie – bis auf kurze Episoden des Übermuts – dieser ganze Film.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Plot, den Thorsten Näter und Susanna Salonen nach einer Buchvorlage von Gernot Gricksch ersonnen haben, wirkt zunächst einmal fade: Das Pärchen Tanja (Marie Gruber) und Ottmar (Veit Stübner) gibt seine Bäckerei in Hamburg auf, um in Thailand den Lebensabend zu verbringen. So weit, so bekannt: Bis zum Militärputsch im Jahr 2014 zog es jahrzehntelang Tausende Rentner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nach Thailand.

          Der Film spielt im einschlägig berüchtigten Pattaya, doch bis auf den Nachbarn Rüdiger – eine übertrieben widerwärtig dargestellte Randfigur – sind sonnenölglänzende Lustgreise in „Speedo“- Badehose die Ausnahme. Ottmar gehört zu den Zeitgenossen in Multifunktionshose, Sandalen und Karohemd, denen die Rituale und Dinge wichtig sind, die im Mutterland über Jahre hinweg ihren Alltag bestimmt haben. Hier nervt die entsetzliche Selbstbezogenheit der ARD gewaltig. Ottmar: „Das Erste läuft schon mal, der ,Tatort‘ am Sonntag ist gesichert.“ Tanja interessiert sich kaum für derlei verstaubte Relikte aus dem alten Leben. Sie will eine Expedition ins große Unbekannte starten.

          Der Film nimmt langsam Tempo auf, ohne dass die Bilder (Kamera Achim Poulheim) sich in Urlaubsparadiesklischees verlören. Ein Lebensabend in Thailand wie jener, den der Regisseur Florian Gärtner in Szene setzt, kann ganz schön unspektakulär sein. Allerdings nicht ohne Herausforderung: Tanja und Ottmar haben nach mehr als vierzig Jahren in der eigenen Bäckerei zum ersten Mal Zeit füreinander und also auch für die erste richtige Ehekrise. Selbstverständlich hat sich jeder seine Gedanken darüber gemacht, wie es in Thailand wohl würde. Leider sind die Pläne der beiden nicht deckungsgleich. Als Ottmar von dem vermeintlich freundlichen Max (Rolf Kanies) über den Tisch gezogen wird und sein ganzes Geld verliert, kommt Bewegung in die Geschichte. Plötzlich sind die überkandidelte Aussteigerin Becky (Leslie Malton) und Herr Lobinger (Peter Franke), der an Demenz erkrankte Richter a. D., mehr als Stichwortgeber für humoristische Einlagen.

          Der Film lebt vor allem vom Spiel von Marie Gruber als Tanja und Veit Stübner als Ottmar. Man nimmt ihren Figuren ab, dass sie ein gemeinsames Leben geführt haben, in dem kaum Zeit für Zweisamkeit war. Das drückt sich in Dialogen aus, die zwar nicht preisverdächtig sind, aber auch nicht so überakzentuiert, wie man es aus vielen Fernsehproduktionen kennt. Aus dieser zurückhaltenden Lebendigkeit entstehen mitunter rührende, leise Szenen. Dass der Film nicht auf ein flaches Happy End zusteuert, zeichnet ihn obendrein aus.

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