http://www.faz.net/-gsb-8gyrm

TV-Kritik: Maischberger : Religion und „Sexual-Druck“

Bei Sandra Maischberger geht diesmal einiges - oder schlicht alles - durcheinander. Alice Schwarzer versucht dem tapfer entgegenzutreten, indem sie sich vor Verallgemeinerungen hütet. Bild: WDR/Max Kohr

Das Motto ist provokant: „Mann, Muslim, Macho – Was hat das mit dem Islam zu tun?“. Die Debatte führt zu dem Punkt, an dem niemand mehr mit nichts zu tun hat. Alles wird weggeredet. Keine Verantwortung, keine Zusammenhänge, nirgends.

          „Es ist ein bisschen durcheinander gegangen“, sagt Sandra Maischberger am Ende ihrer Sendung. Aber dafür sei es differenziert gewesen. „Es bleiben Fragen offen, die diskutieren wir beim nächsten Mal.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ein „bisschen“ Durcheinander? Ein „paar“ Fragen offen? Sagen wir doch lieber: Es ist alles ein einziges Durcheinander und es bleiben – um mit Marcel Reich-Ranicki und Bertolt Brecht zu sprechen – alle Fragen offen, als der Vorhang fällt.

          Wir sehen eine Stunde und fünfzehn Minuten lang einem Theaterstück mit dem Titel „Mann, Muslim, Macho: Was hat das mit dem Islam zu tun?“, an dessen Ende klar ist: Nichts hat mit niemandem zu tun, der Islam hat nichts mit einem negativen Frauenbild, Muslime haben nichts mit den sexuellen Angriffen in der Silvesternacht in Köln zu tun, bei den Tätern mag es sich um Machos der übelsten Sorte gehandelt haben, aber waren es auch Männer?

          So zynisch könnte man die Quintessenz einer Rederunde ausdrücken, die zu keinem Zeitpunkt zu einer Debatte wird, weil drei von fünf Diskutanten den anderen nicht zuhören wollen, niemand den anderen ausreden lässt, Argumente des Gegenübers ignoriert werden und auf Fragen nicht zum Erfragten, sondern lieber über etwas anderes gesprochen wird.

          "Sexismus hat keine Religion"

          Die Essenz der Beiträge der Grünen-Bundesvorsitzenden Simone Peter erschöpft sich in einem Wort: Differenzierung. Ihr fällt zu den 1170 Anzeigen wegen sexuellen Angriffen und anderen Straftaten in Köln an Silvester als erstes ein, dass es für Frauen generell bitter sei, wenn sie sähen, dass Straftäter vor Gericht nicht überführt und verurteilt werden. „Sexismus hat keine Religion“, sagt Simone Peter, und Flüchtlinge seien unter den Tätern von Köln keine gewesen. Wichtig sei auch die Frage: „Hatten sie Zugang zu Integrationsmaßnahmen? Spätestens an dieser Stelle merkt man: Die „Differenzierung“ von Simone Peter ist Relativierung.

          Die Parteien haben ein Problem, wenn sie reden wie Simone Peter bei Sandra Maischberger. Die Grünen sollten zu solchen Runden besser Cem Özdemir schicken.
          Die Parteien haben ein Problem, wenn sie reden wie Simone Peter bei Sandra Maischberger. Die Grünen sollten zu solchen Runden besser Cem Özdemir schicken. : Bild: WDR/Max Kohr

          Dem früheren Nordafrika-Korrespondenten Samuel Schirmbeck lastet sie an, wie die Vertreter der AfD zu reden, nur weil er seine jahrzehntelangen Erfahrungen aus dem Alltagsleben in Algerien und in Marokko geschildert hat. Diese Erfahrung lautet, dass Frauen permanent sexuellen Übergriffen von Männergruppen ausgesetzt sind, die einen Grund in der rigiden Keuschheitslehren des Koran haben und in einem gesellschaftlichen Klima, in dem, wie Schirmbeck sagt, die Religion eine „Virulenz“ besitzt. Sie gilt als definitorische Größe und wird als solche auch durchgesetzt. Dies, verbunden mit dem „erniedrigenden Frauenbild“ und dem Druck unausgelebter Sexualität, führe zu dem Phänomen, das in Deutschland an Silvester nicht nur in Köln angekommen ist. Darüber müsse man reden, meint Schirmbeck, auch und gerade im Interesse der Muslime.

          Ist das islamfeindlich?

          Ist das islamfeindlich? Ist das AfD? Wenn das so ist, dann hat nicht die AfD ein Problem, sondern alle anderen Parteien haben eins, wenn sie reden wie Simone Peter an diesem Abend. (Die Grünen sollten zu solchen Runden besser Cem Özdemir schicken.) So verschafft man der AfD am Ende noch Mehrheiten. Man müsse endlich aufhören, Islam-Kritiker als Islam-Hasser zu denunzieren, sagt Schirmbeck. Doch das geschieht in der Sendung von Sandra Maischberger fortwährend.

          Weitere Themen

          Wenn Konfusion zur Methode wird

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Wenn Konfusion zur Methode wird

          Das Bild im Studio zeigt einen Flüchtlingstreck aus dem Jahr 2015 – musikalisch untermalt von der düsteren Melodie der amerikanischen Serie „House of Cards“. Die Sendung von Sandra Maischberger zum Thema „Einwanderungsgesetz“ stiftet große Verwirrung.

          Oscar-Akademie schließt Harvey Weinstein aus Video-Seite öffnen

          Sexuelle Belästigung : Oscar-Akademie schließt Harvey Weinstein aus

          Filmproduzent Harvey Weinstein wird wegen Vergewaltigungsvorwürfen mehr und mehr zum Geächteten in Hollywood. Die Oscar-Akademie schließt den 65-Jährigen aus ihren Reihen aus - „sexuell aggressives Verhalten“ werde in der Filmbranche nicht mehr geduldet, heißt es zur Begründung.

          Türkische Winzer haben es schwer Video-Seite öffnen

          Weinbau : Türkische Winzer haben es schwer

          In vielen Regionen der Türkei herrschen ideale Bedingungen für den Weinanbau, doch die zunehmend strengere Auslegung des Islams im Land macht es den Winzern schwer ihren Wein herzustellen und zu verkaufen.

          Topmeldungen

          Jamaika-Sondierung : Zwölf Themen, sie zu binden

          Jetzt wird es ernst: Am Nachmittag beginnen die Jamaika-Sondierungen in großer Runde, mit allen Parteien. Die zentralen Punkte für eine Einigung sind identifiziert – von den Bäumen runter sind die Unterhändler deshalb aber noch lange nicht.

          Chinas Präsident Xi Jinping : Der Große Vorsitzende

          Nur Wirtschaftsmacht war gestern. Jetzt will Chinas Präsident Xi Jinping das Land zur Weltmacht führen. In Chinas KP herrscht ein Klima der Angst.

          TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Wo ist die Mitte?

          Gestern Abend wurde deutlich, was FDP, Grünen und CSU bisher bei ihren Sondierungsgesprächen noch fehlt: Eine verbindende Idee. Die CDU kommt bekanntlich schon länger ohne Ideen aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.