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TV-Kritik: Hart aber fair : Was geschah in München?

  • -Aktualisiert am

Unaufgeregte Lichtgestalt: Marcus da Gloria Martins, Polizeirat und Pressesprecher der Münchner Polizei Bild: WDR/Oliver Ziebe

Das wusste niemand, über Stunden noch nicht einmal die Polizei. Erwartet wird Gewissheit, die niemand bieten kann. Das bietet erst den Raum für Gerüchte und haltlose Spekulationen.

          Die wichtigste Information wurde eher beiläufig vermittelt. Sie stammte vom Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer. Seit Mitte der 1990er Jahre sind die Opferzahlen durch den Einsatz von Schusswaffen um zwei Drittel gesunken. Diese Aussage macht das, was in diesen Zeiten nicht gerne gemacht wird, weil es wie eine Verharmlosung klingt: Sie relativiert, weil sie die aktuellen Ereignisse in einen historischen Zusammenhang einordnet, der nicht zur aktuellen Stimmungslage passt. Diese kam schon in dem Titel dieser Sonderausgabe von „Hart aber fair“ zum Ausdruck: „Amok in Zeiten des Terrors - wie verändert die Angst das Land?

          Es ging um die Morde an neun Menschen, die Tat, die München vom frühen Freitag Abend bis spät in die Nacht an die Grenze zur Panik versetzte. Der in den vergangenen Tagen viel gelobte Pressesprecher der Polizei München, Marcus da Gloria Martins, beschrieb die Atmosphäre in der Stadt eindringlich. Plötzlich fingen Menschen an zu laufen, ohne jeden erkennbaren Anlass, etwa wegen lauter Geräusche, die sich wie Explosionen oder Schüsse anhörten. Die Grundstimmung in der Stadt wurde von zahllosen Gerüchte geprägt, die ein Gefühl existentieller Unsicherheit auslösten.

          Der Hintergrund waren die bestätigten Schüsse und Toten in dem Münchner Einkaufszentrum. Aber es dominierte die Erwartung, den Terroranschlag eines IS-Kommandos erleben zu müssen, so Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin der „Süddeutschen Zeitung". Gerade deswegen reagieren Menschen so, wie am Freitag Abend in München geschehen. Jedes Geräusch wird damit in Verbindung gebracht, bisweilen brauchte es für die Menschen noch nicht einmal das, um scheinbar völlig kopflos agieren. Allerdings ist dieser Fluchtreflex eine rationale Verhaltensweise in solchen Situationen mit völliger Ungewissheit.

          Paris als Worst Case Szenario

          Daher ist es wenig erstaunlich, wenn die Münchener Polizei diese Ungewissheit ebenfalls als das zentrale Problem dieses Einsatzes definiert hat. Sie verfügte nämlich selbst über ein unklares Lagebild, das sich aus lauter „Fragmenten“ zusammensetzte, so da Gloria Martins. Er nannte es daher „äußerst unglücklich“, wenn in den ersten Notrufen von „ein bis drei Tätern“ gesprochen worden war. Zudem warnte die Polizei in ihren ersten Stellungnahmen vor Tätern „mit Langwaffen“, im üblichen Sprachgebrauch ist sonst von Gewehren die Rede. Beide Warnungen sollten sich im weiteren Verlauf als unzutreffend erweisen.

          Die Polizei gab selbst unzutreffende Informationen weiter, keineswegs nur die vom Polizeisprecher kritisierten „Gerüchtemacher“ in den sozialen Netzwerken. Allerdings wäre die Kritik daran wenig überzeugend. Auf Grundlage unvollständiger Information agiert sie vorsichtigerweise mit dem Worst Case Szenario, dass, wie im November vergangenen Jahres in Paris, ein IS-Kommando unterwegs sein könnte. Erst wenn die Einsatzleitung der Polizei dieses Szenario endgültig ausschließen kann, wird sie ihre Informationspolitik entsprechend ändern. Es gibt somit in solchen Situationen einen eklatanten Widerspruch. Niemand, einschließlich der Polizei, weiß wirklich, was gerade passiert, aber alle wollen möglichst sofort Gewissheit haben. Weil es diese nicht geben kann, kann am Ende niemand mehr zwischen Gerücht und nachprüfbarer Information unterscheiden.

          Politisches Kalkül im Netz

          In den sozialen Netzwerken gewannen die politischen Kalküle die Oberhand. Die einen erwarteten fast schon sehnsüchtig einen dschihadistischen Anschlag, um die Flüchtlingspolitik zu diskreditieren. Die anderen wollten unbedingt einen Rechtsextremisten als Täter, weil sich damit die Kritiker der Flüchtlingspolitik politisch unter Druck setzen lassen. Am Ende war der Täter ein 18 Jahre alter Deutsch-Iraner, womit immerhin beide Seiten hinreichend blamiert sind.

          Es kann daher wenig erstaunen, wenn Gloria Martins unter diesen Bedingungen wie eine Lichtgestalt erschien. Er vermittelte in diesen Stunden vor allem Gelassenheit, während viele Außenstehende mit hektischen Spekulationen auf Basis der selektiven Wahrnehmung von Gerüchten beschäftigt waren. Wenn in einer solchen Lage jemand sagt, er könne auf Grundlage unvollständiger Informationen eben nichts sagen, ist das schon fast außergewöhnlich zu nennen. Zudem war Gloria Martins gestern Abend bescheiden genug, den weithin gelobten Einsatz der Münchner Polizei nicht mit seiner Person in Verbindung zu bringen.

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