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Wahlabend im Fernsehen : Will denn überhaupt keiner regieren?

Anne Will und einige übliche Verdächtige diskutieren das Wahlergebnis. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Wir haben „ein politisches Beben“ erlebt, sagt einer der Kommentatoren, die den Untergang der großen Koalition und den Erfolg der AfD einzuordnen suchen. Das Erstaunen ist auf allen Kanälen groß. Aber war nicht genau das zu erwarten, was eingetreten ist?

          Wow, langweilig ist dieser Wahlabend in der ARD wahrlich nicht. Dabei geht es um 17:15 Uhr – übrigens nach dem gewitzten Vorprogramm „Falsch entschieden – und jetzt?“ – so betulich los wie stets in den vergangenen Jahren: Tina Hassel, Caren Miosga und Jörg Graf Zahl zu Schönenborn vertreiben sich die Wartezeit auf die Prognose mit dem bekannten Geplänkel zu den Zufriedenheitswerten der Spitzenkandidaten: Alle liegen in einem engen Korridor zwischen 44 und 64 Prozent, allein Alice Weidel von der AfD dümpelt bei mageren zwölf Prozent herum. Der Schulz-Hype (hab ihn selig) wird von Schönenborn mit einem Soufflé verglichen, das wieder in sich zusammengefallen sei. Man hat auch einen kindlichen Erklärfilm zum Zustandekommen der Prognose vorbereitet. Außerdem wurden wieder einmal mehrere vermutlich gut bezahlte Mitarbeiter dafür abgestellt, im Lauf des Abends zwei, drei komplett redundante Social-Media-Meldungen auszugraben. Die erste Frage aus den Tiefen des Internets richtet sich an den Politologen Everhard Holtmann und lautet ungefähr: „Was waren die Highlights im Wahlkampf?“ Da möchte man bereits abschalten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Aber dann ist es 18 Uhr – und die Welt, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Bei 20 Prozent sieht die Prognose die SPD, und Sabine Rau, die im Willy-Brandt-Haus die Stellung hält, trägt von nun an selbst Trauermiene, wenn sie von den „tief deprimierten“ Sozialdemokraten berichtet. Tatsächlich verwundert, wie schnell diese Partei die Verliererrolle annimmt, während nahezu alle Unionsvertreter über Stunden eisern wiederholen („und ich bitte da um Verständnis“), das für die CDU kaum schmeichelhaftere Ergebnis – falsch entschieden, was nun? – müsse erst einmal genau analysiert werden.

          Um 18:09 Uhr ist die SPD in der Opposition

          Bereits um 18:09 Uhr nämlich verkündet der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann in der ARD, dass seine Partei unter dem Vorsitzenden Martin Schulz in die Opposition gehen werde. Das ist so früh, dass die übrigen Parteivertreter sich überrumpelt fühlen. Wolfgang Kubicki, der sich damit zur schwarz-gelb-grünen Jamaika-Koalition um jeden Preis verdammt sieht, beschwert sich lautstark über die Frechheit, dass sich „die SPD vom Acker macht“. Auch die Grünen scheinen nicht sonderlich begeistert, obgleich Winfried Kretschmann sich angesichts anstehender Verhandlungen optimistisch gibt: „Kompromisse muss man immer eingehen.“

          Reden nach der Wahl : Merkel kleinlaut, Gauland obenauf

          Die zweite Konstante des Abends hat mit dem starken Abschneiden der AfD zu tun. Die bei einem solchen Ergebnis künftig wohl abgemeldete Frauke Petry gibt im Gespräch mit Caren Miosga zu, dass es eine Verrohung des Tons gegeben habe („aber nicht nur bei der AfD“), schmeißt jedoch zu Miosgas Verwunderung noch nicht hin. Erstaunlich ehrlich wirkt es, wenn die Vertreter nahezu aller übrigen Parteien voller Abscheu die „in Teilen rechtsradikalen und völkischen Positionen“ der AfD beklagen. Es sei zu viel über diese Partei geredet worden. Und dann macht man denselben Fehler wieder.

          Nach der verspannten, teils entglittenen „Berliner Runde“ mit einem polternden Martin Schulz schließt sich im Ersten Anne Wills Talkshow an, in der Ursula von der Leyen, Wolfgang Kubicki und Cem Özdemir zwar nebeneinander plaziert worden sind, aber so wenig koalitionär wirken wie nur möglich. Stattdessen teufeln sie allesamt auf Manuela Schwesig ein, weil es der SPD unwürdig sei, sich „in den Schmollwinkel“ der Oppositionsrolle zurückzuziehen. Will denn hierzulande überhaupt niemand mehr regieren?

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