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TV-Kritik: Schlussrunde : „Bleiben wir uns selbst treu“

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Große Runde mit Alexander Gauland auf Rechtsaußen. Bild: dpa

In der „Schlussrunde“ von ARD und ZDF fehlten die Kanzlerin und ihr Herausforderer. Sie verpassten damit eine gute Gelegenheit zum harten Schlagabtausch mit Alexander Gauland von der AfD.

          Sicherlich passiert es öfter, dass jemand eine Parteivorsitzende nicht versteht. Zumeist allerdings die einer anderen Partei. Wenn das aber der Spitzenkandidat einer Partei über seine eigene Parteivorsitzende sagt, ist das ein bemerkenswerter Vorgang. Dazu noch drei Tage vor einer Bundestagswahl und live im Fernsehen. So geschehen gestern Abend in der „Schlussrunde“ von ARD und ZDF. Es ging um den AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland, der auf die Äußerungen von Frauke Petry in der „Leipziger Volkszeitung“ reagieren musste. Sie hatte dort von „vielen bürgerlichen Wählern“ gesprochen, die sich „von der AfD abwenden“. Gauland konnte diese Äußerungen angesichts der steigenden Umfragezahlen nicht nachvollziehen, so formulierte er es gestern Abend.

          Nicht nachvollziehbar ist vor allem der Vorgang selbst. Für jede andere Partei bedeutete das den sofortigen Knockout. Das Medienecho über die Illoyalität der Parteivorsitzenden wäre verheerend, genauso wie der Absturz in den Wahlumfragen. Nur scheinen diese Mechanismen für die AfD nicht zu gelten, wenigstens nicht in diesem Wahlkampf. Deren Wähler erwarten nichts von ihr, außer eine Erwartung zu erfüllen: Mit der Wahl der AfD ihre Meinung über die anderen Parteien auszudrücken. So profitiert die AfD paradoxerweise von ihrem miserablen Image als Schmuddelkind der deutschen Politik. Nach den üblichen Kriterien zur Beurteilung politischer Parteien müsste sie längst als unwählbar gelten.

          Gelegenheit verpasst

          Oder will wirklich jemand von den Mitgliedern einer Partei regiert werden, deren Äußerungen sogar die eigene Vorsitzende Frauke Petry „entsetzen“? Wahrscheinlich noch nicht einmal Gauland selbst, der die AfD allerdings auch bloß als Vehikel zur Rache an der langjährigen CDU-Vorsitzenden Angela Merkel begreift. Diese verzichtete auf die Teilnahme an dieser Schlussrunde, genauso wie ihr sozialdemokratischer Herausforderer Martin Schulz. Dabei wäre das eine gute Gelegenheit gewesen, den Stier endlich bei den Hörnern zu packen.

          Merkel gegen Schulz : Endspurt im Wahlkampf

          Ob etwa Gauland der Meinung seiner subalternen Funktionäre ist, die in ihrem Wahn die Kanzlerin vor Gericht stellen wollen? Oder ob er sich weiterhin mit dem Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke solidarisiert, der in seiner Dresdner Rede sagte: „Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen deutschen Städte wollte man nichts anderes als uns unsere kollektive Identität rauben. Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft.“ Hier findet sich auch die Antwort auf die von Gauland gestern Abend gestellte Frage, ab wann man eigentlich ein Nazi ist. Das ist jemand wie Höcke, der das terroristische Naziregime mit unserer kollektiven Identität verwechselt. Der immer noch nicht begriffen hat, dass sich kein anständiger Deutscher mit solchen Gangstern gemein macht. Das galt übrigens auch schon vor dem Jahr 1945. Damit hätten die Kanzlerin und ihr Herausforderer von der SPD gestern Abend Gauland konfrontieren können. Ursula von der Leyen für die CDU und Manuela Schwesig für die SPD waren für diese Auseinandersetzung nur ein unzulänglicher Ersatz.

          Hilflos im Umgang mit der AfD

          Ob die Kanzlerin und Schulz die AfD mit ihrer Teilnahme aufgewertet hätten? Beide hätten lediglich der Bedeutung dieser Partei Rechnung getragen. Geht es doch am kommenden Sonntag längst um die Frage, wie dieses Konglomerat rechts von der Union abschneiden wird. Die anderen Parteien wirken weiterhin hilflos im Umgang mit der AfD. So kann man nicht die lautstarken Unmutsäußerungen bei den Veranstaltungen der Bundeskanzlerin kritisieren, aber die gleiche Praxis bei AfD-Veranstaltungen für selbstverständlich halten. Das war ein zutreffendes Argument Gaulands. Oder ihn selbst als Nazi zu bezeichnen, der er gerade nicht ist.

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