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Arte-Doku über Mahdi-Aufstand : Kreuzzug? Von wegen

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Der Aufständische: Eskindir Tesfay stellt in den Spielszenen der Dokumentation Muhammad Ahmad dar. Bild: © Bastian Barenbrock

Arte zeigt eine Dokumentation über den Mahdi-Aufstand, in dem von 1881 bis 1899 Briten und Ägypter gegen den Scheich Muhammad Ahmad kämpften. Drängen sich Parallelen zum zerfallenden „Kalifat“ des IS auf?

          Schon die ersten Sekunden dieser Dokumentation über die „Herrschaft des Mahdi“ lassen erahnen, dass hier jemand auf den heroischen Kulturkampf hinauswill: Die Augen Muhammad Ahmads, der sich 1881 in Sudan zum messianischen „Rechtgeleiteten“ erklärte, blitzen uns aus dem Dunkel an. Dramatisch die Musik, aufwühlend die Bilder von Feuer, Schwert und Wüstenkämpfen. Das Reich der Gotteskrieger in voller Blüte.

          Dann macht uns die Regie die Gegenfigur schmackhaft, den jungen Österreicher Rudolf Slatin, der in der damals Sudan beherrschenden, von britischen Generälen geführten ägyptischen Armee Karriere machte und – ebenfalls 1881 – zum Gouverneur der Großprovinz Darfur aufstieg. Das Ziel der Erzählung ist klar: „Schließlich führt England einen Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi. Mit dabei: Rudolf Slatin.“ In ihren tumben Spielszenen – der selbsternannte Prophet blickt einschüchternd auf seine Anhänger; Slatin blickt ahnungsvoll in die Wüste; ein Sklavenhändler streckt fliehende Schwarze nieder – gemahnt die Dokumentation freilich an eine drittklassige Verfilmung von Karl Mays „Im Lande des Mahdi“.

          Abgesehen von diesem turbanvernarrten Reenactment ist Robert Schotters Film über einen der großen Kolonialkonflikte des späten 19. Jahrhunderts durchaus interessant. Dass sich Parallelen zwischen dem gegen „Ungläubige“ gerichteten, Luxus und Lebensfreude verteufelnden Gottesstaat des Mahdi und dem gegenwärtig zerfallenden „Kalifat“ des IS aufdrängen, ist nachvollziehbar. Der Islamwissenschaftler Daniel Gerlach weist indes im Film die weiter gehende These einer Präformation zurück. Allenfalls im Hinblick auf die Unterwerfung von Muslimen seien Ähnlichkeiten auszumachen.

          Gut strukturiert wirkt der Überblick über die Machtverhältnisse in Sudan zu dieser Zeit. Die Ägypter forcierten den Sklavenhandel, nicht zuletzt weil sie aufgrund des teuren Suezkanals hochverschuldet bei den Briten waren, die in Ägypten mehr und mehr das Sagen hatten. Als Generalgouverneur Sudans agierte ab 1877 Charles Gordon, der auf Druck Londons gegen den Sklavenhandel vorging, womit dem Land ökonomische Verwerfungen drohten. Das trieb der antikolonialistischen, die Sklaverei aber befürwortenden Bewegung von Muhammad Ahmad zahlreiche Anhänger in die Arme. Als der 1881 losgebrochene Mahdi-Aufstand das Land überrannte, wollte Großbritannien Sudan aufgeben. Gordon, der die Evakuierung von Ausländern aus Khartum leiten sollte, hielt dem Angriff der Mahdisten nicht stand und wurde getötet – eine Schmach für das Empire.

          Der Wiener Rudolf Slatin (Felix Phönix Lehmann) wurde erst britischer Gouverneur im Sudan, später Sklave des Mahdi.

          Auch Rudolf Slatin geriet in Gefangenschaft. Er musste dem Christentum abschwören, lebte aber weiterhin privilegiert. Nach zwölf Jahren – der Mahdi war zwischenzeitlich gestorben, Kalif Abdullahi sein Nachfolger – gelang Slatin die Flucht. Er schrieb ein stark beachtetes Buch über die erlebten Schrecken in Sudan, das nicht zuletzt als Legitimation für den abermaligen, geopolitisch motivierten Einmarsch der Briten diente. An der für England siegreichen Entscheidungsschlacht unter Sir Herbert Kitchener im Jahre 1898 nahm übrigens auch Winston Churchill teil, der hernach im Gegensatz zu Slatins ausuferndem Abenteuerbericht eine hellsichtige Studie über Sudan verfasst hat. Im Film wird das nicht einmal erwähnt, was schade ist, weil Churchill sich trotz aller Reflexionen über den fanatisierten politischen Islam gegen die Interpretation vom „Kreuzzug“ sperrte.

          Das Maß aller Dinge waren im Imperialismus eben Wirtschaftsinteressen. Dass hier die spannendere Perspektive auf den Kampf gegen das Mahdi-Reich zu finden ist, ahnt auch Schotter, wenn er im Laufe des Films immer weiter von der großen Erzählung über den vermeintlichen Religionskrieg abweicht und etwa die Bedeutung des in Sudan gewonnenen Gummiarabikums für die aufkommende Industrie herausstellt. Hätte man nicht so viel Zeit mit den Spielszenen voller Abenteuerexotik und Schlachtenromantik verplempert, wären die Bezüge zur Gegenwart hier leicht herauszuarbeiten gewesen, denn beim Gummiarabikum ist Sudan noch heute Weltmarktführer. Öl, Gold, Magnesium, Uran und Baumwolle sind weitere Exportprodukte, um die oft schon vor einem Jahrhundert gerungen wurde.

          In dieser Hinsicht hätte sicher auch der nicht unbescholtene ehemalige Premierminister Sudans und Urenkel des Mahdi, Sadiq al-Mahdi, der heute hochbetagt den Islamisten im Land gegenübersteht, mehr zur Sache beizutragen gehabt als die Einschätzung, Rudolf Slatin habe damals einen guten Job gemacht beim Wiederaufbau der Region. Da rächt sich, dass mit dem Österreicher eine historisch-politisch allenfalls peripher bedeutsame Identifikationsfigur ins Zentrum dieser Dokumentation gestellt wurde.

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