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Arte zeigt „Jan Hus“ : Die reine Lehre kostet ihn das Leben

  • -Aktualisiert am

Hier steht er und kann nicht anders: Jan Hus (Matěj Hádek) im Kerker. Den Klerus hätte er besser nicht herausgefordert. Bild: ARTE/CT

Bilder wie gemalt und ein religiöses Ränkespiel mit tödlichem Ausgang: Der Zweiteiler „Jan Hus“ ist Bildungsfernsehen der Extraklasse – und leidet doch an einem Schönheitsfehler.

          Dieser Film, so ist im Nachspann zu „Jan Hus“ zu lesen, ist „keine genaue Rekonstruktion“ der Ereignisse, obwohl „aus historischen Quellen“ geschöpft. Nicht erhalten geblieben sind etwa die offiziellen Akten des Konstanzer Konzils von 1414, das vor allem der Aufhebung des kirchlichen Schismas dienen sollte und zu dem der böhmische Kirchenreformator Jan Hus trotz aller Warnungen freiwillig gereist war. Er wollte seine ebenso theologisch-kritischen wie hochpolitisch verstandenen Predigten verteidigen. Einsicht und Vernunft, so hoffte Hus, würden am Ende bei den kirchlichen Würdenträgern überwiegen.

          Trotz der Fürsprache von König Sigismund inhaftiert und angeklagt, wurde Hus in Konstanz im Juli 1415 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Volksaufstände in den böhmischen Ländern waren die Folge. Heute gilt Hus’ radikale Kirchen- oder besser Institutionenkritik als Vorläufer der Thesen Luthers. Sein Kampf für eine tschechische Übersetzung der Bibel, für die Laienpredigt, Bescheidenheit des Klerus und gegen den Ablasshandel bleiben legendär.

          Erlesene Bilder und Kostüme

          Das Drehbuch von Eva Kanturková, selbst einst als Dissidentin inhaftiert, zeichnet die Lebensgeschichte von Hus nicht mit dem Fokus auf den Ereignissen seines Lebens, sondern konzentriert auf die zeitgenössischen gelehrten Dispute und Debatten nach. Zitate aus dem Bericht von Peter von Mladoniowitz, der in Diensten des Ritters Johann von Chlum Hus beim Konstanzer Konzil begleitete und seinen Weg in den Tod verfolgte, sind ebenso eingearbeitet wie Urkunden, die päpstliche Bulle zum Ablasshandel und Schriften der Prager Karls-Universität, an der Jan Hus als Magister lehrte. Lange Dialogsequenzen lassen nicht nur die politische Lage, sondern auch ihre Spitzfindigkeiten im Machtkampf zwischen den königlichen Brüdern Wenzel und Sigismund, Erzbischof Zbynek und den drei Päpsten in Rom und Avignon lebendig werden. Schon in den Achtzigern hat Kanturková über den Dissidenten Hus geschrieben, und man merkt ihre profunden Kenntnisse und Analysen jeder Szene dieses Spielfilms an.

          Königin Sophie von Bayern (Marika Šoposká, li.) verteidigt Jan Hus vor dem Königshaus und ihrem Ehemann, König Wenzel. Bilderstrecke
          Königin Sophie von Bayern (Marika Šoposká, li.) verteidigt Jan Hus vor dem Königshaus und ihrem Ehemann, König Wenzel. :

          Äußerst gediegen ist in dieser Koproduktion zwischen dem tschechischen Fernsehen und Arte zudem die Ausstattung (Jiří Sternwald), die an spätmittelalterliche Tafelmalerei erinnert, erlesen sind die Bilder und Einstellungen der Kamera (Vladimir Smutny) und die Kostüme (Alena Schäferová). Regisseur Jiří Svoboda setzt auf wiederkehrende, detailsatte Szenenfolgen, in denen die theologischen Stellungen und politischen Verwerfungen sich allmählich manifestieren.

          Die Dramaturgie stimmt, die Länge nicht

          „Jan Hus“ ist glanzvolles Bildungsfernsehen von großer Ernsthaftigkeit, wie man es heute eigentlich nicht mehr zu sehen bekommt. Die Qualität des tschechischen Fernsehens in seinen besten Spielfilmangeboten wird hier eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Lateinisch gesprochene Passagen werden lediglich untertitelt. Auch die Schauspieler überzeugen auf ganzer Linie, allen voran Matěj Hádek als Jan Hus, Jan Dolanský als späterer Gegenspieler Stephan von Palec, Vladimir Javorský als König Wenzel IV., Michal Dlouhý als König Sigismund und Petr Lněnička als Erzbischof Zbynek Zajic. Marika Soposká verkörpert die Königin Sophie von Bayern, die ihren Gatten König Wenzel lange Zeit dazu bringt, seine Hand schützend über den Unruhestifter Hus zu halten, als ebenso liebreizende wie kluge Frau im goldenen Käfig.

          Auch dramaturgisch gibt es an „Jan Hus“ nichts auszusetzen. Wenn sich das Bildungsvergnügen trotz aller Meriten des Films gleichwohl in Grenzen hält, liegt das allein an der Entscheidung des Senders Arte, das Werk in seinen beiden je zweistündigen Teilen kommentarlos hintereinander wegzusenden. Häppchenfernsehen muss es nicht gerade sein. Aber wenn in der dritten oder vierten Stunde des Films einmal wieder ganz neue Aspekte der für häretisch erklärten Schriften des Engländers John Wyclif debattiert werden, fragt man sich doch, für welches hochgebildete Publikumssegment mit extrem langer, anscheinend durch entsprechende Gnade gesegnete Aufmerksamkeitsspanne Arte diesen Film an einem einzigen Stück zeigt. Vier Sechzigminüter, das wäre für diese hochkonzentrierte Form der filmischen Geschichtsauseinandersetzung die richtigere Aufteilung gewesen. So bleiben wohl nur der Festplattenrekorder oder die Mediathek des Senders. Und dann das Vergnügen, einer Art von Spielfilm zu folgen, die vielfach als ausgestorben beklagt worden ist.

          Jan Hus, heute um 20.15 Uhr bei Arte.

          Quelle: F.A.Z.

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