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Veröffentlicht: 19.04.2017, 20:39 Uhr

TV-Film „Nervöse Republik“ Hier kommt etwas ins Rutschen

Der Film „Nervöse Republik“ zeichnet ein Bild von Menschen in Erwartung einer Wende, von der sie nichts verstehen. Dem Regisseur gelingen erstaunliche Einsichten in die Gedanken seiner prominenten Gesprächspartner.

von Hans Hütt
© dpa Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht nach dem Angriff mit einer Sahnetorte beim Bundesparteitag der Partei Die Linke in Magdeburg

Diesen Dokumentarfilm rahmen zwei Chiffren: Bellinis „Casta Diva“, gesungen von Maria Callas, und die Lithographie „Das Gerücht“ (1943) von A. Paul Weber. Bellinis Cavatine, ein Gebet an die Göttin, sie möge die Wunden versorgen, Zwietracht beenden und Frieden gewähren, spannt einen Bogen aus der postheroischen Gegenwart ins vorchristliche Gallien. Doch Webers Bild verfehlt die Idee des Films. Es ist als Warnung gedacht, will algorithmische Kommunikation im politischen Raum illustrieren. Weber aber, der viele Jahre versucht hat, Hitler rechts zu überholen, benutzte 1943 für den Schlangenkopf des Gerüchts eine Fratze, die seinen antisemitischen Karikaturen sehr nahe kommt. Lamby benutzt das Bild quasi als visuelle Homöopathie, die Gleiches mit Gleichem aus dem Weg räumen will. Diese Idee geht nicht auf: Das Leitmotiv geht als Haben auf das Konto der Rechtspopulisten. Unbeabsichtigt bestätigt es ihren unüberlegten Blick auf Medien.

Über ein Jahr sprach Stephan Lamby mit Thomas de Maizière, Heiko Maas, Sahra Wagenknecht, Peter Tauber, Katarina Barley und Frauke Petry. Den Blick aus der Perspektive der Medien ermöglichen „Spiegel“- und Bild“-Leute, ein Kurznachrichtenprogrammierer und Tilo Jung, der Erfinder von „Jung & Naiv“.

Hydraulische Verhältnisse im Aufzug

Aufzugfahrten – fast immer nach oben, nur im „Spiegel“-Hochhaus am Morgen des Brexit-Ergebnisses zum Luftschnappen nach unten – sind ein weiteres Leitmotiv des Films. Sie zeigen ein hydraulisches Verhältnis, das kaum mehr etwas über „die da oben“ oder „die da unten“ mitteilt, bis auf ein unruhiges Warten der SPD-Generalsekretärin darauf, wieder nach oben zu schweben.

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Den Film zeichnet ein seismographisches Gespür dafür aus, dass gerade etwas ins Rutschen kommt. Wie eine Sonde verzeichnet er die Pegelausschläge einer Wendezeit. Unklar bleibt, wohin die Reise geht. Politikern und Journalisten bleibt nur die Ahnung, dass nichts so bleibt, wie es ist. Lamby wartet mit erstaunlicher Geduld auf Zeichen dafür, welchen Einfluss die Politik darauf zu nehmen versucht, die Richtung zu bestimmen, und wie die Medien gegen den Verlust ihrer Glaubwürdigkeit ankämpfen. Tatsächlich bleibt Politik und Medien kaum mehr übrig, als Pegelstände festzuhalten. Die Ereignisse, die in ihre Routinen hineingrätschen, entziehen sich der Kontrolle.

Das dicke Fell der Politiker

Es gibt zwei Ausnahmen. Heiko Maas stellt fest, die Politik habe es versäumt, Ziele und Legitimität ihrer Pläne zu vermitteln. Den anderen Befund liefert der Politikblogger Tilo Jung. Präziser als Kai Diekmann und Julian Reichelt beschreibt er die autosuggestive Wirkung von Filterblasen in den Sozialmedien. Sie entkoppelt sich von den Welten der Politik und der Medien. Das Ausmaß des Kontrollverlustes lässt sich nur erahnen. Wunderbar der Augenblick, in dem Julian Reichelt die Farbverteilung von „Bild“-Meldungen in den Social Media kommentiert. Er reklamiert Erfolg im Angesicht der Ohnmacht. „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis“.

Bedrückend postheroisch zitieren Lambys Gesprächspartner an sie gerichtete Morddrohungen und Hassnachrichten. Das dicke Fell der Politiker, die daran schon gewöhnt scheinen, fehlt den Journalisten. Thomas de Maizière lacht über seinen Befund. Es ist kein glückliches Lachen, auch keine Schadenfreude, eher eine erprobte Maske der Gefahrenabwehr. Der politische und journalistische Kampf um Öffentlichkeit zeigt ein Patt. In dem Spiel gibt es weder Gewinner noch Verlierer. Es zählt nurmehr der Versuch, den Ereignissen eine Deutung aufzudrücken, auch wenn sie nur noch hinkt.

Mehr Streitbarkeit, mehr Offenheit

Selbstkritisch konstatiert der Journalist Lutz Kinkel, dass die Medien die AfD durch ein Übermaß an Aufmerksamkeit größer gemacht haben, als sie tatsächlich ist. Die hämische Genugtuung des sächsischen AfD-Politikers Uwe Wurlitzer, dass es am 1. Mai in Zwickau Demonstranten gelungen sei, den Bundesjustizminister in die Flucht zu jagen, ist Grund genug dafür, diese Partei unter die Beobachtung des Verfassungsschutzes zu stellen.

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Es scheint schon ein Gewinn zu sein, dass Politiker der an sie gerichteten Hass-Poetik mit Gleichmut die Stirn bieten. Es könnte sein, dass sie mehr zeigen müssen. Das Überleben der Demokratie verträgt mehr öffentliche Streitbarkeit, mehr Offenheit für das Ungewisse, trefflichere Argumente. Nervosität ist ein gutes Vorzeichen dafür, dass der Lieferverzug ein Ende findet. In diesem Jahr steht zu viel auf dem Spiel, als dass ein einfaches „Weiter so“ ausreichte. Immerhin das macht Stephan Lambys Film deutlich.

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