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TV-Kritik „Anne Will“ : Wie der Brexit zu einem Neuanfang werden könnte

  • -Aktualisiert am

Anne Will nutzt die Zeit zwischen zwei Landtagswahlen und widmet sich zusammen mit ihren Gästen (hier Sigmar Gabriel) dem Brexit. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Europa ist das, was sich die Deutschen darunter vorstellen. Wirklich? Anne Will zeigt in ihrer Sendung, dass die vermeintliche Katastrophe Brexit ganz anders ausgehen könnte.

          Nach der Wahl in Bayern ist vor der Wahl in Hessen. Anne Will nutzt diese Pause, um in ihrer Sendung den Blick ins Ausland zu werfen: Es geht um den bevorstehenden Brexit.

          Die Briten betrachteten die europäische Einigung schon immer als eine Art Freihandelszone verbunden mit einer möglichst geringen Abgabe von Souveränitätsrechten an die supranationalen Institutionen in Brüssel. Insofern kann es niemanden erstaunen, wenn die Regierung in London den Brexit als Fortsetzung des Binnenmarktes auf Grundlage des freien Warenverkehrs definiert. Premierministerin Theresa May argumentiert somit in der Tradition der meisten ihrer Vorgänger.

          Doch vor allem die Gründungsstaaten der EWG sahen das anders. Sie betrachteten die europäische Integration als einen Prozess zunehmender Vergemeinschaftung politischer Handlungsfelder. In ferner Zukunft sollte es die Vereinigten Staaten von Europa geben, so die Vision. Dieser Widerspruch prägte das britische Verhältnis zu Europa seit den ersten Aufnahmeanträgen der Briten zur EWG in den 1960iger Jahren. Am Ende stand das Brexit-Referendum mit seinem für alle überraschenden Ergebnis.

          Mittlerweile stehen wir kurz vor dem offiziellen Austritt des Vereinigten Königreichs. Mit so einem historischen Ereignis sind entsprechende innenpolitische Kapriolen in London verbunden.

          Nur sind die deutschen Stabilitätsapostel längst selbst in den Strudel fortwährender innenpolitischer Turbulenzen geraten. So wird unsere Innenpolitik nach den Landtagswahlen in Hessen wieder alle Aufmerksamkeit beanspruchen. Für die europäische Misere hat dann angesichts der eigenen Misshelligheiten niemand mehr Zeit. Insofern war es eine gute Idee von Anne Will, die Gelegenheit zu nutzen, um über das Thema zu diskutieren. Viele gibt es nicht.

          Wider Londoner Inkompetenz

          Die Sendung war gelungen, nicht zuletzt wegen der vier Gäste. So versuchte der britische Botschafter Sir Sebastian Wood dem Eindruck fortwährender Londoner Inkompetenz in den Brexit-Verhandlungen etwas entgegenzusetzen. Das mag nicht immer gelungen sein, aber angesichts unserer eigenen Kleinkariertheit, etwa bei der Debatte um einen dem Bundesinnenministerium zugeordneten Behördenleiter, neigt der Beobachter zu einer gewissen Demut. Die wird dem früheren Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) zwar nur selten nachgesagt. Trotzdem hielt er die Londoner Kapriolen um „Machtversessenheit“ für kein spezifisch britisches Phänomen, wie er selbstkritisch anmerkte.

          Dirk Schümer, Europa-Korrespondent der „Welt“, und Anette Dittert, langjährige ARD-Korrespondentin in Warschau und London, brachten den Blick aus der Perspektive der anderen Europäer in die Sendung. Das ist bei uns ansonsten kaum noch zu erleben, wenigstens nicht außerhalb ehrenwerter publizistischer Nischen.

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