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Veröffentlicht: 09.08.2014, 21:17 Uhr

TV-Kritik „The Knick“ Die Kranken sind nicht so wichtig

Ein New Yorker Krankenhaus im Jahr 1900 und ein berühmter Regisseur: Steven Soderbergh, der vor kurzem seinen Abschied vom Kino verkündete, feiert mit der Serie „The Knick“ ein fulminantes Fernsehdebüt.

von Nina Rehfeld
© AP Achtung, Spritze! John Thackery (Clive Owen) ist kokainabhängig, was ihn aber nicht davon abhält, die Chirurgie im Knickerbocker-Krankenhaus zu leiten

Morgens um halb sieben in New York: Mühsam schält sich der Chirurg Dr. Thackery aus dem Rausch, stoppt auf der Straße ein Taxi und setzt sich auf der Fahrt in die Klinik erstmal einen Schuss. Kurz darauf misslingt ihm und seinen Kollegen – die Bilder sind drastisch – im Operationssaal ein Kaiserschnitt.

Mutter und Kind sterben, aber die Tragödie mag weniger dem Drogenkonsum von Dr. Thackery geschuldet sein (der Kokain-Cocktail in seinen Venen soll seine Konzentration schärfen) als der Tatsache, dass die Chirurgie noch in den Kinderschuhen steckt. Wir befinden uns im Jahr 1900, und einer der Ärzte sagt lakonisch: „Zumindest war es lehrreich.“

Chirurgie ist hier im Wortsinn ein Handwerk. Es wird mit bloßen Händen und ohne Masken in offenen Körpern gewühlt, das Blut sickert und spritzt und wird mit röchelnden mechanischen Pumpen abgesaugt, vor faszinierten Zuschauern in einem Hörsaal der Klinik. Die Medizin mag, wie Thackery (Clive Owen als exzentrische Koryphäe, angesiedelt auf halber Strecke zwischen Mick Jagger und Victor Frankenstein) dramatisch ausruft, in den vergangenen fünf Jahren größere Fortschritte gemacht haben als in den fünfhundert zuvor, aber der Preis ist hoch: Es wird zuhauf gestorben in seinem Hospital, dem fiktionalen „Knickerbocker“ inmitten der New Yorker Einwanderungsviertel.

Der Profitgedanke dominiert allles

Das Fleisch und seine Vergänglichkeit sind hier so anschaulich inszeniert wie noch nie in einem Krankenhausdrama, und dass hier ausgerechnet der für den Drogenthriller „Traffic“ oscargekrönte Steven Soderbergh am Werk ist, mag überraschen – der Mann hat sich schließlich mit cooler Ästhetik, wenn auch von enormer Vielseitigkeit, einen Namen gemacht.

Im vergangenen Jahr zog er sich aus der Kinobranche zurück, entmutigt von der „Zerstörung der Filmkunst“ durch enorm teure Actionschinken; nun taucht er im Fernsehen wieder auf – in einer seltsamen Konstellation: Geschrieben wurde Soderberghs zunächst zehnteilige, jetzt auf eine zweite Staffel verlängerte Serie von Jack Amiel und Michael Begler, Autoren von Feelgood-Dramen wie „Big Miracle“ und „Raising Helen“. Und auf Soderberghs Wunsch läuft „The Knick“ statt bei HBO bei der HBO-Tochter Cinemax, die dank eines Softporno-Programmsegments den Spottnamen „Skin-e-max“ trug und sich nun anspruchsvoller positionieren will.

30513192 © AP Vergrößern Szene aus „The Knick“ mit Andre Holland (links) und Clive Owen

Soderbergh inszeniert „The Knick“ zuweilen anti-historisch – elektronische Musik unterlegt das Geschehen – und drastisch. Die Serie reflektiert den Gründungspessimismus von David Milchs „Deadwood“, die Gier und Habsucht als prägende Elemente des Wilden Westens zeigte. In „The Knick“ ist das Wohl des Krankenhauses wichtiger als das der Kranken. Der Profitgedanke dominiert überall andere Erwägungen.

Der wieselige Klinikverwalter Herman Barrow (Jeremy Bobb) schiebt Geld von einer Tasche in die andere, die Ambulanzfahrer buhlen auch mal mit der Baseballkeule um Unfallopfer, für die es Kommission gibt. Und der Harvard-Absolvent Dr. Algernon Edwards (André Holland) sieht sich als schwarzer Chirurg weniger mit direktem Rassismus als mit dem Vorwurf konfrontiert, womöglich die wohlhabende Kundschaft zu verschrecken.

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Aber die Figuren rund um den düster strahlenden Thackery bleiben zunächst blass (das Frauenensemble umfasst mit der bärbeißigen Nonne, der karitativ inspirierten Industriellentochter und der blutjungen irischen Krankenschwester sogar lauter Kostümfilmklischees), und die Dialoge wiederholen bisweilen bloß das Offensichtliche: „Ich fürchte, dass sie mich nicht ernst nehmen“, klagt die Industriellentochter (Juliet Rylance) über ihre Arbeit im Krankenhausvorstand, Thackery sagt zur jungen Krankenschwester (Eve Hewson): „Ich haben einen Ruf zu verlieren.“

Soderberghs Name prangt groß über „The Knick“, aber man muss vielleicht bedenken, dass das Fernsehen als Autorenmedium stark wurde. Die großen Serien der letzten zehn Jahre lebten von faszinierenden Charakteren, nicht von Schauwerten. Da kann Steven Soderbergh noch so sehr mit ästhetischen Genre-Subversionen wuchern – die Prognose für „The Knick“ hängt am Ende von der handwerklichen Kunstfertigkeit seiner Autoren ab.

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