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TV-Kritik „Weihnachtsgeld“ : Mord ist noch das geringste Problem

  • -Aktualisiert am

Erst den Weihnachtsmann festnehmen, dann zum Abendmahl mit den Kollegen: Kommissar Stellbrink (Devid Striesow) bleibt nichts erspart. Bild: SR/Manuela Meyer

Das Saarland bietet genug Stoff für Kriminalgeschichten, der „Tatort“ aber hat genug mit sich selbst zu tun: Ein Weihnachtskrimi, der nicht gerade zum Nachdenken einlädt.

          Wenn ein Weihnachtsfilm mit einer Schwangeren beginnt, muss sie noch vor dem Abspann zur Niederkunft in den Stall. Das gilt selbst für den „Tatort“, der längst vom Krimi zu einer gesellschaftlichen Gesamterzählung mutiert ist, in der irgendwie jedes Thema vorkommt, mindestens für fünf Minuten.

          Wenn der Weihnachts-Tatort vom Saarländischen Rundfunk kommt, stellt das die Macher vor besondere Probleme, denn es gibt dort nicht mehr Ställe als in anderen Industrieregionen und keine Gründe, in einem solchen Fall keine medizinische Hilfe zu suchen. Aber da haben wir schon zu kompliziert gedacht: Wie Lametta baumeln die Handlungsstränge dieses „Tatorts“ im allzu lauen Winterwind: Ein Taschendieb auf dem Weihnachtsmarkt, eine Fahrerflucht, gestohlenes Weihnachtsgeld, Alltag im Provinzbordell sowie Glanz und Elend der saarländisch-italienischen Gastronomie. Richtig interessant ist keiner davon, es ist ein Krimi für den Post-Festessen-Dämmerzustand. Bloß nicht drüber nachdenken. Richtig gefährlich wird es darum, als einmal der von Devid Striesow gespielte Ermittler Jens Stellbrink mit sonorer Stimme ruft: „Was soll das denn?“

          Im Auftrag ihrer Majestät der saarländischen Ministerpräsidentin

          Wenn man so anfängt, bleibt von ganz Weihnachten nicht viel, geschweige denn von diesem Film. So wird diese Frage zum leitmotivischen Slogan des geprüften Zuschauers. Die Figur des Stellbrink selbst ist schon ein Missverständnis: Der lächelnde Mofafahrer könnte in allen möglichen Geschichten auftauchen, was er aber als Ermittler in einem Krimi soll, scheint ihm und den Autoren gleichermaßen schleierhaft. Immer solo und absurderweise ohne jegliche Ausrüstung oder Kollegen unterwegs, ruft er beliebige Fragmente der amerikanischen „Miranda“-Rechte in den Raum, wenn er jemanden festnehmen möchte. In der nächsten Folge könnte er behaupten, die Lizenz zum Töten zu haben und im Auftrag ihrer Majestät der saarländischen Ministerpräsidentin unterwegs zu sein.

          Stellbrink ist eine Kunstfigur, die allenfalls mal eine charmante Szene tragen kann, aber sicher keinen ganzen Film. Dass er einen Großteil der Geschichte verschläft, stört gar nicht weiter: Ein Lude hatte ihm K.o.-Tropfen ins Getränk gemischt, dabei war die ganze Szene eine derartige Klischeeparade und ein Attentat auf den Willen zur kohärenten Geschichte, dass man Stellbrink glatt beneiden konnte. Dem Zuschauer ist an diesem Punkt des Films ebenfalls nach einem sofort narkotisierenden Drink. Auch der an einer anderen Stelle der Geschichte entwickelte Plan, ein Taxi nach Sizilien zu nehmen, erscheint plötzlich nicht nur attraktiv, sondern grundvernünftig.

          Es fehlt nicht das Freudenmädchen mit Herz

          Die Basisgeschichte ist übrigens eine Fahrerflucht, die ohne Spannung bleibt, weil der Zuschauer gleich sieht, wer wessen Tod verschuldet. Und weil der Täter ein ausgemachter Widerling ist, bleiben dessen – übrigens armselige – Vertuschungsversuche völlig uninteressant. Ein weiterer Toter verliert sich im Gewirr der Nebenstränge und Lichterketten, Mord ist in diesem Film irgendwie noch das geringste Problem.

          Lange nicht mehr gesehen wurde übrigens die Genrefigur des Freudenmädchens mit Herz, hier feiert sie ein weihnachtliches Comeback. Das ist insofern passend, als die Sexindustrie im Saarland beträchtliche Ausmaße erreicht hat. Hier würde man vermutlich Stoff für Kriminalgeschichten finden. Oder auch in den Machenschaften des saarländischen Verfassungsschutzes, der in grenzüberschreitender Nachbarschaftshilfe unter Schlapphüten jahrelang für den skandalträchtigen luxemburgischen Geheimdienst die Autos gekauft hat. Dieser Film (Regie: Zoltan Spirandelli) aber hat genug mit sich selbst zu tun.

          Die am Anfang aufscheinende Mariengeschichte führt erwartungsgemäß in einen landwirtschaftlichen Betrieb, ob Scheune oder Stall ist längst egal. Man kann nur dankbar sein, dass nicht noch eine Volkszählungsgeschichte hinzu gedichtet wurde. Am Ende stellt das Ensemble das letzte Abendmahl in einer Pizzeria nach, aber das bleibt ohne besonderen Sinngewinn, es ist alles bloß ein Gag. Die tapferen Schauspielerinnen und Schauspieler stemmen sich gegen die unabweisbare Tendenz dieses Drehbuchs (Michael Illner), wieder zu einer losen Ideensammlung zu regredieren, doch sie sind chancenlos. Wenn es keine Geschichte gibt, die erzählt werden will, versagen Kunst und Handwerk.

          Man muss doch, wenn einem nichts einfällt, keinen Krimi drehen. Aber womöglich verfallen die Gelder, wenn man sie im laufenden Kalenderjahr nicht irgendwie wegfilmt. Manche Bundesländer schaffen zwei oder drei Tatort-Teams, hier ist es schon ein arger Kampf und Krampf, einen Film pro Jahr hinzubekommen. Das war mal anders, und es gibt keinen vernünftigen Grund, warum es nicht besser werden könnte.

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