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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Wir Voyeure

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Sandra Maischberger Bild: dpa

Frau Maischberger änderte nach dem Flugzeugabsturz in den Alpen ihr Thema. Nur wie spricht man über etwas, wenn man noch gar nichts weiß? Man weckt die voyeuristischen Phantasien der Zuschauer.

          Was sagt man einem Tag wie gestern? Wahrscheinlich reichte schon ein Satz von Niki Lauda: „Es gibt viele offene Fragen, die man heute nicht klären kann.“ Er fiel bei Frau Maischberger, die kurzfristig das Thema ihrer Sendung geändert hatte. Anstatt über Griechenland diskutierte sie über die Tragödie, die sich gestern Mittag in den französischen Alpen ereignet hat. Aber wie soll man man 75 Minuten lang über ein Ereignis diskutieren, das man gar nicht klären kann? Lauda wusste auch darauf eine Antwort: „Das kann man nicht ausschließen, weil man ja nichts weiß.“ Man kann somit alles für möglich halten, sollte aber nie vermeiden vorher zu sagen, man wolle jetzt nicht spekulieren. Nur worüber soll man sonst reden? Das brachte Sybille Jatzko, wenn auch ungewollt, auf den Begriff.

          „Gar nicht ausdenken, was dort mit den Opfern passiert.“

          Sie ist Gesprächstherapeutin und in der Katastrophenhilfe bei der Betreuung von Angehörigen und Hinterbliebenen aktiv. Eine Erklärung für solche tragischen Ereignisse sei wichtig, weil Angehörige „ihren Phantasien ausgesetzt sind“. Sie müssen wissen, was geschehen ist, um nicht der quälenden Ungewissheit regelrecht ausgeliefert zu werden. Solche Ereignisse einordnen zu können, ändert nichts an dem Schmerz, aber ermöglicht die Trauer über das, was einem mit dem Tod eines nahen Menschen widerfahren ist.

          Was passiert, wenn das nicht gelingt, konnte jeder an der bis heute verschwundenen Malaysia Airlines Maschine erleben. Aber Frau Jatzko sprach nicht mit Angehörigen in einer Gesprächssituation, sondern saß in einer Fernsehsendung. Deren Ziel, und das gilt für die Berichterstattung gestern generell, diente nur einem Zweck: Die Phantasie der Zuschauer zu bedienen, die allerdings weder einen nahen Menschen verloren haben, noch sonst von diesem Ereignis betroffen sind.

          Medien machen uns nicht zu Betroffenen, sondern zu Voyeuren. Diese wollen wissen, was passiert ist, und weil das niemand weiß, sind Medien gezwungen, sich in der Phantasie alle möglichen Erklärungen auszudenken. Ein interessantes Beispiel lieferte der ARD-Korrespondent Michael Heissen. Er berichtete aus Digne-les-Bains. Die Kleinstadt ist 30 km vom Unfallort entfernt. Dort gäbe es viele Wildtiere, auch Wölfe, und man könne sich „gar nicht ausdenken, was dort mit den Opfern passiert.“

          Damit hatte er allerdings schon die Phantasie der Zuschauer geweckt, die sich das sehr gut vorstellen können, selbst wenn wir hier auf detaillierte Beschreibungen verzichten. Ob das alles nur in der Vorstellungswelt des Reporters existiert; er es nur aufgeschnappt hat und Heissen dem Zuschauer bloß seine Assoziationen zum Wort „Wolf“ vermittelt, weiß niemand. Eine gesicherte Erkenntnis wäre der Hinweis auf eine Quelle gewesen und wie die Behörden vor Ort darauf reagieren wollen. Immerhin erfuhren wir nämlich von Heissen, dass fünf Polizisten an der Absturzstelle über Nacht geblieben sind. Man braucht übrigens nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie solche Mitteilungen bei den Angehörigen der Opfer wirken.

          „Schlimmste Erfahrung in meinem Leben“

          Weil der Berichterstatter vor Ort über das, was niemand weiß, nicht berichten kann, müsste er eigentlich schweigen bis sich das geändert hat. Aber das ist für Medien eine uneinlösbare Zumutung. Sie befriedigen ein Bedürfnis, dem sie sich offenkundig nicht entziehen können. Sofort Erklärungen zu liefern, weil die Ungewissheit unerträglich ist. Lauda machte das an dem Absturz einer Boeing 767 seiner Fluggesellschaft Lauda Air im Jahr 1991 deutlich, wenn auch aus anderer Perspektive. Er vermutete damals sofort einen Anschlag, weil er sich einen technischen Defekt nicht vorstellen konnte. Nach acht Monaten konnte man aber diese technische Absturzursache nachweisen, die er vorher ausgeschlossen hatte. Lauda nannte das die „schlimmste Erfahrung in meinem Leben“, trotz seines Unfalls am Nürburgring. Es ging um die mögliche Verantwortung für den Tod von mehr als 200 Passagieren, mit allen Konsequenzen, die das moralisch und rechtlich für ihn als Unternehmer haben kann.

          Solche Abstürze haben für Flugzeughersteller, Fluggesellschaften und Aufsichtsbehörden unter Umständen somit existentielle Konsequenzen. Entsprechend vorsichtig reagieren sie auf solche Ereignisse, wie am Beispiel von Bernd Gans deutlich wurde. Seine Tochter war 2009 bei einem Absturz eines Airbus der Air France gestorben. Bis heute ist er nicht davon überzeugt, was die französischen Untersuchungsbehörden in ihrem Absturzbericht als Unfallursache feststellten: Es habe sich um einen Pilotenfehler gehandelt. Während die Medien mit den Voyeuren vor den Bildschirmen munter auf Grundlage ihres Nicht-Wissens spekulieren, sind die am Unfall direkt Beteiligten schon längst damit beschäftigt, das voreilige Ziehen von Schlussfolgerungen zu verhindern. Allerdings im eigenen Interesse.

          Airbus-Philosophie

          Insofern war es durchaus konsequent, wenn der Pressesprecher der Pilotengewerkschaft Cockpit, Jörg Handwerg, auf die bisherigen „Designfehler“ in der Airbus-Philosophie hingewiesen hatte. Diese versuche, den Piloten als mögliche Fehlerquelle auszuschalten. Die Konsequenz ist das weitgehend automatisierte Fliegen. Nur könnten dann Situationen auftreten, die die Ingenieure bei Airbus nicht vorhergesehen hätten. Etwa wenn Sensoren den Computern falsche Daten lieferten, die den Piloten anschließend in völlige Verwirrung mit unter Umständen katastrophalen Folgen stürzten.

          Trotzdem werden am Ende immer Piloten für das Geschehen verantwortlich gemacht, sagte Handwerg. Selbst wenn sie im Cockpit von den Maschinen schon weitgehend entmachtet worden sind. Dass Handwerg den Optimismus des Luftfahrtunternehmers Laudas über die Sicherheit im europäischen Luftverkehr nicht in gleicher Weise teilen wollte, ergab sich dann fast schon von selbst.

          Mediale Dauerschleife

          So wurden bei Frau Maischberger Fragen geklärt, die allerdings nur ein Problem hatten: Sie hatten mit dem Absturz von gestern nichts zu tun. Man weiß ja nichts, wie Lauda feststellte. Insofern ist es völlig irrelevant, was es bisher an Erfahrungen mit anderen Abstürzen gegeben hat. Eigentlich verbietet sich damit jede weitere Diskussion über das Thema, solange man keine belastbaren Erkenntnisse hat. Aber die Medien werden trotzdem darüber berichten, selbst wenn sie nur die eigene Phantasie und die der Zuschauer bedienen können. Sie haben unter dem Konkurrenzdruck schlicht keine andere Wahl als in einer Dauerschleife auf die Bedürfnisse von uns Voyeuren zu reagieren. Wir wollen nämlich die Erklärungen für eines der schwersten Unglücke in der deutschen Luftfahrtgeschichte bekommen, die aber niemand nach noch nicht einmal 24 Stunden haben kann. 

          Den Angehörigen der Opfer wird das alles nichts nutzen, auch wenn ihnen von allen Seiten Anteilnahme ausgedrückt wird. Sie werden statt mit der von Frau Jatzko geforderten Erklärung nur mit allen möglichen Phantasien konfrontiert, was in den französischen Alpen passiert sein könnte. In Deutschland sind im vergangenen Dezember 299 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Das sind zumeist nur 299 Meldungen in der Regionalpresse. Aber den Angehörigen dieser Opfer bleibt eines erspart: Durch die Berichterstattung traumatisiert zu werden. Sie lässt man nämlich in Ruhe bei dem Versuch, mit einem schweren Schicksal fertig werden zu müssen.

          Quelle: FAZ.NET

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