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TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Vom Karrieristen zum Politiker

  • -Aktualisiert am

Sebastian Kurz, der Wunderknabe der europäischen Politik zu Gast bei Sandra Maischberger. Doch sein Geheimnis kann die Moderatorin nicht entschlüsseln. Bild: © WDR/Melanie Grande

Sebastian Kurz gilt als Wunderknabe der europäischen Politik. Sandra Maischberger will die Gründe für den Erfolg des österreichischen Bundeskanzlers offenlegen. Vergeblich. Denn allein an seinem Alter liegt es nicht.

          Alternativen gibt es immer. Eine war gestern Abend bei Sandra Maischberger zu Gast. Sie heißt Sebastian Kurz, ist Vorsitzender der konservativen ÖVP, einunddreißig Jahre alt und seit vier Wochen Bundeskanzler in Österreich. Kurz regiert mit der FPÖ eines Heinz-Christian Strache, dem er denkwürdige Worte widmete. So sprach er angesichts der früherer Nähe seines Vizekanzlers zu Rechtsextremisten von „Jugendsünden“. Zudem plädierte er dafür, „Menschen die Chance zu geben, sich weiterzuentwickeln.“

          Strache ist achtundvierzig Jahre alt und in den klassischen Kategorien des politischen Betriebes ebenfalls noch nicht alt zu nennen. Es hat aber etwas Unwirkliches, wenn ein so junger Mann von den „Jugendsünden“ seines Koalitionspartners sprechen muss. Die jungenhaften Gesichtszüge passen halt nicht zu solchen altväterlichen Verlautbarungen etablierter politischer Rhetorik. Immerhin wäre Strache nie ein „Neo-Nazi“ gewesen, so vermutet Kurz. Nicht jeder wird es übrigens für ein überzeugendes Argument halten, wenn jemand in seiner Jugend kein Nazi gewesen ist.

          Es war also wenig erstaunlich, wenn diese Diskrepanz bei Frau Maischberger einen so großen Raum einnahm. Sie versuchte den Lebensweg dieses Politikers zu entschlüsseln, der in so jungen Jahren gewissermaßen das Ende seiner politischen Laufbahn erreicht hat. Was soll man schließlich nach dem Amt des Bundeskanzlers noch werden? Selbst wenn er die Amtszeit eines Helmut Kohl erreichte, wäre er mit unter fünfzig Jahren schon ein „elder statesman“. Ist Kurz somit der „Wunderknabe“, oder doch nur der „politische Scharfmacher“, so der Titel der Sendung.

          Politisches Retortenbaby

          Es ist diese Verkürzung, die dem Kanzler nicht gerecht wird. Sie bleibt an der Oberfläche etablierter Politikbeobachtung stecken, die nur noch in Image- und PR-Kategorien denkt. Dort kommt er zwar her. Seine politische Karriere hatte er tatsächlich den Kalkülen einer blutleer gewordenen ÖVP zu verdanken. Sie erkannte in den jungen Mann den eloquenten Selbstdarsteller, der in die urbanen Milieus gut passte, und den sich trotzdem alle Eltern in der tiefsten Provinz als den perfekten Schwiegersohn vorstellen konnten. Dafür muss er noch nicht einmal heiraten. Kurz startete als politisches Retortenbaby in der passenden Konfektion des modernen Konservativen mit liberalem Weltbild.

          Damit wird aber niemand Bundeskanzler. Sein beispielloser Aufstieg ist vielmehr zwei klassischen politischen Tugenden zu verdanken: Mut und Machtbewusstsein. In der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 hatte er den Mut, sich der grotesken Handlungsunfähigkeit in Wien und Berlin zu widersetzen. Wo andere schwiegen, wagte er den offenen Konflikt, nicht zuletzt mit der Berliner Politik. Zudem bewies er als Außenminister bei der Schließung der Balkanroute ein bemerkenswertes diplomatisches Geschick. Kurz brach damit aus einem politischen Diskurs aus, der unsinnigerweise die Existenz von Grenzen als das Thema von Rechtspopulisten definierte.

          Er verband das schließlich mit einem Machtbewusstsein, das man wohl nicht nur in der österreichischen Konkordanzdemokratie nicht mehr gewöhnt war. Zuerst zwang er seinen Vorgänger im Vorsitz der ÖVP zum Rücktritt. Anschließend machte Kurz aus seiner bis dahin scheintoten Partei sogar dem Namen nach einen Kanzlerwahlverein, den nur er selbst zum Leben erwecken konnte. Das in der Flüchtlingskrise akkumulierte politische Kapital wusste er einzusetzen, nicht zuletzt zum Schaden der FPÖ. Statt das Kanzleramt zu erobern, landete sie bei den Nationalratswahlen auf dem dritten Platz.

          Wollte der heutige Kanzler nie Berufspolitiker werden?

          In dem Interview von Frau Maischberger wurde das jedoch nur selten deutlich, weil sie in seiner Biographie den Schlüssel für seinen Erfolg suchte. Dabei ist es belanglos, ob Kurz sein Studium beendet hat oder er seine Lebensgefährtin in Zukunft zu ehelichen beabsichtigt. Sein Lebensweg ist der eines Karrieristen, der die ansonsten übliche Ochsentour wegen seiner unbestrittenen Talente lediglich abkürzte.

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