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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Puritaner im feministischen Kostüm

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über Vorwürfe gegen Filmregisseur Dieter Wedel. Bild: ZDF/Harry Schnitger

Von sexueller Nötigung bis zur Vergewaltigung – die Vorwürfe gegen Filmregisseur Dieter Wedel wiegen schwer. Manche Erklärungen bei Maybrit Illner wirken wie Entschuldigungen von Feiglingen.

          Wo es Macht gibt, findet sich auch Machtmissbrauch. Auf dieser Einsicht beruhen moderne Demokratien. Sie haben deshalb institutionelle und rechtsstaatliche Sicherungen eingebaut, um den Machtmissbrauch gegebenenfalls zu sanktionieren. Das verhindert ihn nicht, setzt ihm aber Grenzen.

          Dieser Grundsatz ist im Laufe der vergangenen hundert Jahre auf immer mehr gesellschaftliche Teilsektoren ausgeweitet werden. So schützt das Betriebsverfassungsgesetz die Arbeitnehmer vor dem Machtmissbrauch durch Unternehmen. Sie sind damit nicht mehr von der Gnade des guten Patriarchen abhängig. Selbst ein Arbeitgeber mit menschlich zweifelhaften Charakter hat sich an das Gesetz zu halten, oder muss mit Konsequenzen rechnen.

          Welche Macht Medien haben, musste in den vergangenen Wochen Dieter Wedel erleben. Die Wochenzeitung „Zeit“ konfrontierte den Regisseur mit dem Vorwurf schwerer Straftaten, von der sexuellen Nötigung bis zur Vergewaltigung. Diese Straftaten liegen zwar zum Teil Jahrzehnte zurück, sind somit strafrechtlich längst verjährt. Aber das fehlende Strafverfolgungsinteresse des Staates erzwingt keineswegs eine Pflicht der Medien zum Verzicht auf Berichterstattung. Natürlich existiert ein öffentliches Interesse, wenn sich einer der bedeutendsten Fernsehregisseure der vergangenen fünfzig Jahre als ein notorischer Gewaltkrimineller herausstellen sollte.

          Frage des Anstands

          So machte Maybrit Illner den Regisseur unter dem Titel „Macht, Sex, Gewalt – der späte Aufschrei“ zum Thema. Womit gleichzeitig deutlich wurde, wie lächerlich die damalige „Aufschrei“-Debatte über den FDP-Politiker Rainer Brüderle mit seinen Tanzkarten gewesen war. Netzaktivisten beiderlei Geschlechts hatten seine Reputation zerstört, obwohl er schlicht unschuldig war. Der Fall Wedel ist damit nicht vergleichbar.

          Dafür mussten die Zuschauer nur Patricia Thielemann zuhören. Sie gehört zu den Frauen, die Wedel in der Wochenzeitung „Zeit“ belasteten. Ob sie mit ihrer Oberweite ein Dirndl ausfüllen konnte, war allerdings nicht ihr Problem. Vielmehr ging es um den Einsatz massiver Gewalt, um Geschlechtsverkehr zu erzwingen. Frau Thielemann machte deutlich, was diese exponierte Position in der öffentlichen Debatte für sie bedeutet. Wer will sich dem schon freiwillig aussetzen, wenn gleichzeitig die intimsten Details des eigenen Lebens öffentlich werden?

          Dem Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, waren seine Skrupel anzumerken. Schon vor der ersten Veröffentlichung wird ihm klar gewesen sein, dass er damit die Reputation Wedels zerstört. Er nannte es „eine Frage des Anstands, so gezielt wie möglich vorzugehen.“  Es ginge, so Di Lorenzo, um sieben recherchierte und der Kenntnis von zweiundzwanzig Fällen. Zudem hätten 160 Personen damit etwas zu tun gehabt. Wedel hat bisher auf die von ihm vorher angedrohten presserechtlichen Sanktionen verzichtet.

          Für den ZDF-Intendanten Thomas Bellut ist Wedel ein besonderes Problem. Schließlich war dieser für einige der erfolgreichsten Produktionen des Senders verantwortlich. Bellut habe daher „Untersuchungen angeordnet“, die aber noch nicht abgeschlossen sind. Allerdings wären in den Akten bisher nichts gefunden worden. Diese werden beim ZDF aber nach zehn Jahren geschreddert, wie Di Lorenzo deutlich machte. Wie soll man dort also etwas finden, was länger zurückliegt? Jenseits dessen berichtete Bellut von E-Mails, „auch von Schauspielerinnen.“ Letztere wollten anonym bleiben, aber „genau berichten“. Das war zweifellos eine der seltsamsten Bemerkungen des Abends, denn was sollen sie sonst tun? Ungenau berichten? Eine Falschaussage ankündigen?

          Da passte es gut, wenn Bellut zugleich ein gewisses Versäumnis des Senders einräumen konnte. Vor allem, wenn es niemanden weh tut. So wäre der Bereich der Auftrags-Filmproduktion in der fraglichen Zeit „unbeobachtet“ gewesen. Wedels Hotelzimmer sowieso. Wenn man etwas nicht beobachtet, bekommt man halt nichts mit. Gott seìs geklagt.

          Dass im ZDF aber niemand etwas von von Wedels tyrannischen Führungsstil mitbekommen haben will, ist kaum zu glauben. Dort stand auch schon vor den neuen Vorwürfen die Demütigung von Schauspielerinnen auf dem Programm, das galt bei Wedel wohl fast schon als Kunstform. Er machte daraus auch nie ein Geheimnis.

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