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Veröffentlicht: 15.07.2014, 18:29 Uhr

TV-Kritik: Empfang der Weltmeister So gehen Gauchos

Die Siegesfeier am Brandenburger Tor wird zum gigantischen Eigentor. Mit einer üblen Persiflage auf ihren Finalgegner verspielen die deutschen Weltmeister das Image der weltoffenen, toleranten Nation.

von Frank Lübberding
© REUTERS Sechs neue Weltmeister blamieren sich in Berlin

Die Privatsphäre ist ein zu schützendes Grundrecht. Der Hinweis darauf ist nicht nur am Brandenburger Tor wichtig, in direkter Nachbarschaft zur Botschaft der Vereinigten Staaten. Diese gratulierte, so wie es sich gehört, den heimkehrenden Weltmeistern mit einem Transparent. Selbst reflektierte Zeitgenossen kommentieren Fußballspiele privat in einer Weise, die nicht zitierfähig ist. Will daher wirklich jemand wissen, wie einige junge Männer, die gerade Weltmeister geworden sind, solch ein Erlebnis verarbeiten? Auf der Siegesfeier am Brandenburger Tor war das zu erleben. Vor mehreren hunderttausend Menschen auf der Fanmeile, über Stunden live übertragen in der ARD und im ZDF.

Es ist nicht ohne historische Ironie, die Siegesfeier für den „4. Stern“ auf den Trikots der Nationalmannschaft an diesem Ort abzuhalten. In unmittelbarer Nähe zu jenen Denkmälern, wo an Triumphe und Katastrophen der deutschen Geschichte erinnert wird. Über die Nationalmannschaft werden zwar zumeist nur noch Werbebotschaften wie „Fanhansa“ mitgeteilt, aber sie konnte sich heute trotzdem ein Denkmal setzen. Das wird allerdings nicht mehr in Stein gehauen, sondern als Video im Internet verewigt.

Dort wird jene Darbietung einiger Nationalspieler ihre Spuren hinterlassen, die den Unterschied zwischen Argentiniern, Gauchos genannt, und Deutschen deutlich machen. Die Gauchos gehen gebückt, zwischen Niedergeschlagenheit und Demütigung, während Deutsche aufrecht wie Hermann, der Cherusker, den Pokal gen Himmel strecken. „So sehen Sieger aus“, wird dazu gesungen. „Atemlos“ wäre das richtige Stichwort, um einmal Helene Fischer zu zitieren. Sie durfte sich auf dieser Veranstaltung bei ARD und ZDF als Fan aus der Abteilung Gesangskunst verewigen.

Ein Spott auf das neue Image

Immerhin ahnte der ARD-Moderator, Alexander Bommes, was dieser Auftritt für Spuren hinterlassen wird. Man hätte den Spielern das Mikro wohl besser nicht überlassen, so sein spontaner Kommentar. Man kann die Motive der jungen Männern durchaus nachvollziehen. Sie haben ihren Finalgegner nach einem harten Kampf sprichwörtlich niedergerungen. Ihr Spott über den Verlierer ist nachvollziehbar, aber er hätte nicht vor einem Millionenpublikum ausgebreitet werden müssen.

Diese Bilder, man ahnt es schon, werden nicht nur in Argentinien zum Symbol für den Umgang der Deutschen mit diesem Sieg werden. Die seit Wochen zu hörenden Floskeln vom „neuen Deutschland“, das sich im Spiel dieser Mannschaft verkörpere, werden zum Gespött geraten. Man muss die angebliche „Weltoffenheit“ und „Toleranz“ nur mit den „gehenden Gauchos“ der Nationalspieler kontrastieren.

Wir-Gefühl und Fußball

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat das Problem in einem ARD-Interview kurz vor der Ankunft der Mannschaft am Brandenburger Tor formuliert. Nichts könne mehr zum Wir-Gefühl beitragen als der Fußball. Teammanager Oliver Bierhoff wie Bundestrainer Joachim Löw brachten ihre Verbundenheit mit den Fans zum Ausdruck. Letztere seien auch Weltmeister geworden, nicht nur die Spieler auf dem Platz. Der Fußball erzeugt in einzigartiger Weise Begeisterung bei Millionen Menschen. Er schafft ein Identifikationspotential, wie es ansonsten nicht mehr zu erleben ist. Das war 1954 genauso wie heute. Aber den Fußball als Sinnstiftung in säkularen Gesellschaften sprichwörtlich als Marketingprodukt zu verkaufen, sollte mit diesem „Gang der Gauchos“ der Vergangenheit angehören. Oder will Deutschland wirklich dieses Bild der Demütigung als Ausdruck seiner Geistesverfassung begreifen?

Den Spielern ist das nicht zum Vorwurf zu machen. Sie saßen seit acht Wochen in einer Art Käseglocke und bekamen erst nach der Rückkehr wieder Kontakt zur Wirklichkeit. Da misslingt schon einmal der ewige Mertesacker-Spagat zwischen dem öffentlichen Menschen, der immer etwas repräsentiert, ob als Botschafter des Landes oder Werbeikone, und der Privatperson. Kaum waren die Spieler aus dem Flugzeug gestiegen, wurden sie schon in der ARD von einem als Nationalspieler verkleideten Reporter interviewt. Die Wand mit den Logos der Sponsoren stand schon dort, neben der Fluglinie und der Automobilmarke, die Weltmeister fährt.

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Jeder wollte ein Stück von dem Kuchen bekommen, der Begeisterung heißt und während der Fahrt durch Berlin zu spüren war. Die Vermarktung des Identifikationspotentials der Fußballhelden ist das Geschäftsmodell des DFB. Dafür wird diese Jubelfeier arrangiert, unter tätiger Mithilfe von ARD und ZDF. Das alles geschieht  heute in der Form einer privaten Party,  nicht mehr in der steifen Atmosphäre des öffentlichen Empfangs. Selbst der Berliner  Oberbürgermeister Klaus Wowereit war im Trikot erschienen, um die Einträge in das Goldene Buch der Stadt vornehmen zu lassen. Immerhin wurde das noch nicht getweetet. Ansonsten stand die Ausgelassenheit im Vordergrund, die auf der Fanmeile einen Bühnenmoderator brauchte, damit die ewig gleichen Bilder vom fahrenden Bus nicht zu eintönig wurden. Er hätte noch Heizdecken an die 400.000 Fans verkaufen sollen.

Wo alle Grenzen fallen

ARD und ZDF sehen sich in einer vergleichbaren Rolle wie der im Hintergrund zu hörende Moderator. Sie vermitteln nicht mehr nur die Begeisterung, wie etwa noch beim legendären Kennedy-Besuch 1963, sondern sind selbst zum Programmbestandteil geworden. Der Bühnenmoderator musste daher den Platz räumen als die Weltmeister endlich den 400.000 Fans vorgestellt wurden. An seine Stelle traten Bommes und der Kollege vom ZDF, Sven Voss, der sich als Stimmungskanone versuchte beim Versuch, Miroslav Klose zu feiern. Er gehörte zum Gaucho-Ensemble, aber hatte wie alle anderen schon längst vergessen, worum es hier eigentlich ging.

So kam dieser Auftritt zustande, der alle Grenzen überschritt. Die zwischen öffentlichem Raum und Privatsphäre wie die zwischen Journalismus und PR. Der hypertrophe Anspruch auf Sinnstiftung, der seit Sonntag die Berichterstattung in den Medien prägt, geriet dabei unter die Räder. Oder will jemand das deutsche Wir-Gefühl in einem  Video namens „So gehen Deutsche“ verkörpert sehen?

Der DFB will in Zukunft vergleichbare Siegesfeiern nur noch nach einem weiteren Titelgewinn ausrichten. Aber es geht ja nur um Fußball. Insofern war es eine gelungene Veranstaltung: Man hatte es schon fast vergessen.

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