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Veröffentlicht: 09.11.2016, 06:58 Uhr

TV-Kritik „ARD-Wahlnacht“ Erwartungen fallen in sich zusammen 

Was für ein ARD-Abend: Jörg Schönenborns Zahlen machen das Unfassbare sichtbar. Dass Trump lediglich weiße Männer mit niedriger Schulbildung erreiche, wird an diesem Abend eindrucksvoll widerlegt.

von Frank Lübberding
© WDR/Herby Sachs/Peter Rigaud/Ann Das ARD-Team für die amerikanische Wahlnacht: Susan Link, Jörg Schönenborn, Sandra Maischberger und Matthias Opdenhövel (von links nach rechts).

„Hillary Clintons Chancen sind viel größer“, so begann Jörg Schönenborn in der ARD diesen Wahlabend. Er ist für die Präsentation der Wahlergebnisse zuständig. Dafür sprach auch alles um kurz vor 23:00 Uhr, wenigstens wenn man den Annahmen der Meinungsforscher vertraute. Sie arbeiten auf der Grundlage historischer Daten, operieren mit Wahrscheinlichkeiten und verbinden das mit aktuellen Umfrageergebnissen. Die Leistungsfähigkeit der Meinungsforschung findet ihre Grenzen in ihrer Methodik. Deshalb ist sie auch eine Wissenschaft und kein Hellsehen.

Schönenborn war an diesem interessanten Wahlabend der wichtigste Mann der ARD. Er führte unaufgeregt durch einen langen Wahlabend in den Vereinigten Staaten, der in diesen Minuten noch keineswegs zu Ende ist. Er könnte mit einem Ergebnis enden, das viele Beobachter bis 23:00 Uhr noch für unmöglich gehalten haben: Einem Wahlsieg Donald Trumps.

Skepsis gegen 2:30 Uhr

Schönenborn war den ganzen Abend über vorsichtig in seinen Urteilen als er die Ergebnisse des ARD-Partnersenders ABC vorstellte. Erst gegen 2:30 Uhr ließ er erstmals eine vorsichtige Skepsis gegenüber einem Wahlsieg von Hillary Clinton erkennen. Die Zwischenergebnisse in Virginia waren in diesem für die demokratische Kandidatin sicher geglaubten Staat knapper als erwartet. Das bestätigte sich später mit dem Sieg Trumps in Florida und Ohio. Zahlen sprechen halt bei Wahlen eine klare Sprache, selbst wenn sie den Erwartungen der Meinungsforscher nicht entsprechen. Insofern hatte es Schönenborn vergleichsweise einfach. Er musste nicht mit seinen Gefühlen oder politischen Präferenzen umgehen, die ansonsten das Beurteilungsvermögen zu trüben vermögen.

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Da hatten es die anderen Moderatoren an diesem Wahlabend schon schwerer. So saßen im Publikum in Köln nur Anhänger Frau Clintons. Lediglich einer der Gäste bekannte sich auf Nachfrage als Republikaner. Allerdings machte er gleich danach seine Ablehnung von Donald Trump deutlich. So blieb lediglich die in New York lebende Nadja Atwal als bekennende Trump-Unterstützerin an diesem Abend übrig.

Nur die Clinton-Perspektive

Damit entsprach die Zusammensetzung weitgehend der Stimmung, die in unseren Medien schon seit Beginn dieses Wahlkampfes herrschte. Er wurde vor allem aus der Perspektive des Clinton-Lagers betrachtet. Man teilte weitgehend dessen Weltbild, womit man aber die tektonischen Verschiebungen in der amerikanischen Innenpolitik nicht verstand. Man musste gestern Abend nur dem Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen oder dem Schauspieler Hannes Jaenicke zuhören, um damit auch in Deutschland das Problem von Hillary Clinton zu verstehen. Fassungslosigkeit, Entsetzen, bisweilen eine Spur Verachtung für die Wähler Trumps. „White Trash“, so nennt man sie tatsächlich, was wohl heute niemand mehr über rassische Minoritäten in den Vereinigten Staaten zu sagen wagte. Feldenkirchen benannte dabei das Problem der amerikanischen Politik ziemlich genau: Ihre „Unfähigkeit zum Dialog“. Allerdings kam niemand auf die Idee, ob diese Dialogunfähigkeit wirklich nur etwas mit Donald Trump zu tun. Oder nicht doch auch etwas mit der eigenen Arroganz.

Erwartungen fallen in sich zusammen

So hinterließ der unerwartete Umschwung zugunsten Trumps im ARD-Wahlstudio eine seltsame Atmosphäre der Fassungslosigkeit. Es war passiert, was nicht passieren durfte. Und weil es nicht durfte, musste das wohl auch unmöglich sein. Wenigstens bis 23.00 Uhr. Dabei war auf Phoenix zu sehen, wie Erwartungen in sich zusammenfallen. Dort hatte man die Berichterstattung von CBS übernommen. Zwischendurch unterbrochen von Interviews mit Studiogästen. Auf CBS rang der Moderator mit der Frage, warum „wir gerade einige Dinge erleben, die wir so nicht erwartet haben.“ Eine Erklärung wurde allerdings auch geliefert. In Virginia hatten weiße Frauen mit College-Abschluss genauso häufig Trump gewählt wie seine Gegenkandidatin. Trump erreiche lediglich weiße Männer mit niedriger Schulbildung, so die im Wahlkampf gerne gehörte These von Meinungsforschern. An diesem Abend sollte sie eindrucksvoll widerlegt werden.

So war dieser Wahlabend in der ARD durchaus aufschlussreich. Es war viel von der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft die Rede. Jörg Schönenborn hatte genügend Datensätze zur Verfügung, um sie dem Zuschauer begreiflich zu machen. Was dort ebenfalls zu erleben war, betrifft ein grundsätzliches Problem. Was nämlich passieren kann, wenn der Zugang zu einem dieser Lager verloren geht. Schließlich ist man sich einig, worauf Donald Trump seinen Wahlsieg aufgebaut hat. Der Lüge in einem angeblich postfaktischen Zeitalter. So erspart man sich,eine mittlerweile fast schon ketzerisch anmutende Frage zu stellen. Ob es nicht tatsächlich gute Gründe für den Wahlsieg von Donald Trump gibt. Darauf wusste scheinbar auch Hillary Clinton keine Antwort.

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