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TV-Kritik „Anne Will“ : Quietschen als das Maß der Dinge

  • -Aktualisiert am

Auf der Suche nach der großen Überschrift für die kommende Koalition: Anne Will und Armin Laschet von der CDU. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will zückt das PR-Besteck und fragt nach der großen Überschrift der nächsten Bundesregierung. Das Ergebnis reicht von altem Liedergut über grelle Bremsgeräusche bis hin zu detailverliebten Irrwegen.

          Das Leitmotiv der jüngsten Sendung von Anne Will könnte ein Zitat von Andrea Nahles gewesen sein, die auf dem Bundesparteitag der SPD versprochen hatte, dass sie verhandeln werde, bis es quietscht. Das Quietschen scheint der sozialdemokratische Ernstfall zu sein. Denn auch der einstige Regierende Bürgermeister von Berlin gelobte im Jahr 2001 zu sparen, bis es quietscht. Ist das Quietschen inzwischen Ersatz für das langsame Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß geworden?

          Hubertus Heil hatte beim Bericht aus Berlin aus sozialdemokratischer Sicht mit „Erneuerung und Zusammenhalt“ eine ehrwürdige Überschrift recycelt, der auch die Union nicht widersprechen wird. Im ZDF vermeldete der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert aber, vom Quietschen sei noch nichts zu hören gewesen. Welches Quietschen hätte er denn gern? Á la carte gibt es kein Quietschen, nur als Menü.

          Den Unwillen der Wähler verstanden

          Mit diesem Handicap wird die SPD ihre Mitglieder behelligen und mit Ach und Krach eine Zustimmung zum Koalitionsvertrag erhalten. Umfrageergebnisse bezeugen Verärgerung über die lange Hängepartie seit dem 24. September. Von Wohlwollen kann keine Rede sein. Die drei Parteien haben schlechte Ergebnisse erzielt. Die kurzen Verhandlungen zwischen den Unionsparteien und der SPD zeigen, dass die Verhandelnden den Unwillen der Wähler verstanden haben.

          Die Koalitionsverträge seit 2009 hatten mit der politischen Realität der beiden Legislaturperioden im übrigen nur wenig zu tun. Die meisten Entscheidungen erzwang die politische Lage. Das dürfte auch für die kommenden vier Jahre kaum anders werden. Armin Laschet von der CDU versucht dennoch, eine umfassende Überschrift für die kommende Koalition zu finden, scheitert aber daran, weil sie viel zu lang und zu kompliziert wird. Warum geht er überhaupt darauf ein? Das Handicap im Spiel zwischen Medien und Politik wird dadurch nicht besser, dass man über jedes Stöckchen springt.

          Keine Begeisterung

          Heiko Maas (SPD) räumt ein, dass eine dritte Große Koalition keine Begeisterungsstürme auslösen werde. Vom Boden dieser Tatsache auszugehen, könnte heißen, durch die Umsetzung der Vorhaben wettzumachen, was zuvor an Vertrauen verspielt worden ist.

          Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD, ist in ihrem Amt noch nicht richtig angekommen. Sie behauptet, die wahren Probleme der Menschen zu kennen, verheddert sich aber immer wieder in Details bei dem Versuch, die aktuelle Lage im Arbeitsmarkt zu bewerten. Robert Habeck, neuer Parteichef der Grünen, geht zu forsch auf Anne Wills Frage nach der großen Idee ein, und vermisst auch nur sehr wolkig, dass die Verhandler keine großen Probleme angingen. Die rhetorische Struktur seiner Kritik verdankt er Tapeten-Kurt Hager und attestiert den neuen Koalitionären ausgelatschte Schuhe mit neuen Schnürsenkeln. Grüne konnten auch schon schärfer austeilen.

          Elisabeth Niejahr vom Magazin Wirtschaftswoche beklagt die Lustlosigkeit des Verfahrens. Aber das Regieren mit der Bundeskanzlerin unterliegt nicht der Vergnügungssteuer. Niejahr hält es für ausreichend, abstrakt davon zu reden, es ginge darum, wettbewerbsfähiger zu werden. Vielleicht erweist sich die Qualität des nächsten Koalitionsvertrags gerade dadurch, dass er so kleinteilig Regelungen verabredet, die auch tatsächlich umgesetzt werden. Die Versäumnisse im Bereich der Digitalisierung sind jedenfalls unbestritten.

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