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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

TV-Kritik: Anne Will Denkmalpflege

 ·  Anne Will beschäftigte sich gestern mit Helmut Kohl. Die Sendung zu nächtlicher Stunde brachte den ehemaligen Bundeskanzler ganz sicher nicht um seinen Schlaf.

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Von Helmut Kohl wussten wir in seiner Amtszeit, dass er den „Spiegel“ nicht gelesen hat, aber ganz sicher hat lesen lassen. Ob er nun am vergangenen Montag über dessen Titelgeschichte „Die Tragödie des Helmut Kohl“ die Lektüre wagte, wissen wir nicht. Vielleicht hat ihm auch nur seine Ehefrau Maike Richter darüber berichtet. Nun hat in dieser Spiegel-Ausgabe sein Ghostwriter bei seinen dreibändigen Erinnerungen, Heribert Schwan, ein „Enthüllungsbuch“ über den ehemaligen Bundeskanzler angekündigt.

„Ich habe einen Schatz, der wirklich einmalig ist“, so zitierte ihn der „Spiegel“ in seiner Vorabmeldung. 630 Stunden Interviews mit Kohl, Exzerpte aus den 15 Bänden Stasi-Akte, die bekanntlich bis heute gesperrt ist. Nach der Biographie Schwans über Kohls verstorbene erste Ehefrau Hannelore durfte man gespannt sein. Schließlich hat Schwan in diesem Buch durchaus Neues zu berichten gewusst. Ob der Alt-Bundeskanzler deshalb gestern Nacht aufgeblieben ist? Schwan war nämlich in der Runde von Anne Will zu Gast. Das Thema war „Jubeltage für Helmut Kohl – Zu viel der Ehre?“

Ein Meilenstein der Enthüllungsliteratur

Kohl müsste schallend gelacht haben, wenn es denn sein Gesundheitszustand erlauben sollte. Schwan hat das Erscheinen seines Buches nämlich für Kohls 90sten Geburtstag angekündigt, also für das Jahr 2020. Nun ist Kohl nicht der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und Schwan nicht Wolfgang Koeppen. Immerhin hatte die Frage nach dem nächsten Buch Koeppens einen Jahrzehntelangen Briefwechsel zwischen Verleger und Autor ermöglicht. Angesichts der seit 2009 abgebrochenen Beziehung zwischen Kohl und Schwan ist damit aber nicht zu rechnen.

Dafür ist die Vorankündigung eines „Enthüllungsbuches“ für das Jahr 2020 ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Enthüllungsliteratur. Zudem wolle Schwan die Kabinetts- und CDU-Bundesvorstandsprotokolle für sein Buch auswerten. „Heureka“, so möchte man rufen, wenn nicht der leichte Zweifel wäre, ob auf dieser Grundlage in den kommenden acht Jahren der Spannungsbogen zu erhalten sein wird.

Die Privatsphäre des Kanzlers

So haben wir zwar in der Sendung nichts Neues über Helmut Kohl, aber durchaus Enthüllendes über seinen ehemaligen Ghostwriter erfahren. Auch ansonsten wird sich der Altkanzler entspannt in seinem Fernsehsessel zurück gelehnt haben, wenn er denn nicht längst eingeschlafen war. Sein Schlafvermögen gilt übrigens als legendär und als einer der Gründe, warum er die Tretmühle im Amt des Bundeskanzlers 16 Jahre lang durchhalten konnte. Kohls unbestrittene historische Bedeutung wurde etwa von seinem ehemaligen Finanzminister und CSU-Vorsitzenden Theo Waigel herausgestellt. Er machte uns auch darauf aufmerksam, warum Kohl 13 Jahre nach dem Desaster um die bis heute verschwiegenen Spendernamen aus dem CDU-Parteifinanzierungsskandal „genügend gebüßt habe“. Er liege mit niemandem mehr im Streit, weshalb er tatsächlich wohl nur noch eine Person der jüngeren deutschen Geschichte ist.

Der PR-Berater Dirk Metz, bis 2010 Regierungssprecher des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, machte das mit dem Bild der Waage anschaulich. Auf der einen Seite die bekannten Verdienste, auf der Anderen die ominösen Spenden. Und die „jüdischen Vermächtnisse“ zugunsten der hessischen CDU waren nun wirklich nicht Kohls Idee. Deshalb brauchte Metz nicht darüber zu reden. Auch der Verleger des „Freitag“, Jakob Augstein, vermochte sich der historischen Bedeutung Kohls nicht zu entziehen. Selbst die bisweilen die Öffentlichkeit und den „Spiegel“ beschäftigende Frage, ob es sich denn bei der zweiten Ehefrau Kohls um seinen bösen Geist oder einen „Glücksfall“ (Metz) für Kohl handele, wurde schließlich mit Zustimmung aller Beteiligten der Privatsphäre des Altkanzlers überantwortet. Wahrscheinlich bis zum nächsten Buch aus seinem privaten Umfeld.

Warten auf Heribert Schwan

So plätscherte die Sendung dahin und Kohls Erholungsschlaf war nicht gefährdet. Schließlich sind die derzeitigen Feierlichkeiten zu seiner Versöhnung mit der CDU kräftezehrend. Allerdings überraschte Augstein mit einer Erkenntnis: Die Ära Kohl zeige, dass Intellektuelle dem Intellektuellen eine zu große Bedeutung gegeben hätten. Neu ist diese These nicht. Der mittlerweile im Bermuda-Dreieck namens Trendforschung verschwundene Matthias Horx betrachtete Kohl schon in den 80er Jahren als Sinnbild für den „Bebraismus“, benannt nach der nordhessischen Kleinstadt an der ehemaligen Zonengrenze. Der Bebraist als Synonym des früheren Spießers habe sich damals in Kohl wiedererkannt: „Ziemlich dick, ziemlich peinlich, ziemlich dämlich. Sehr mächtig, aber auch wieder sehr hilflos.“

Diese damaligen Kritiker sehen heute ziemlich alt aus. Aber jenseits dessen war Kohl alles, nur nie hilflos. Das brachte seine ehemalige Ministerin und spätere Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth zum Ausdruck. Sie berichtete von dem 1989 blamabel gescheiterten Versuch einiger führender CDU-Politiker, Helmut Kohl im Amt des CDU-Parteivorsitzenden abzulösen. Nach der Wiedervereinigung sei ihr Versuch, in Thüringen Ministerpräsidentin zu werden, an Kohl gescheitert. Er habe sie wortlos im Vorzimmer sitzen gelassen. Interessant ist nicht Kohls Reaktion, sondern eher die Erwartung Süßmuths mit Hilfe Kohls in ein solches Amt zu kommen. Schließlich gehörte sie zu den Politikern, die ihn stürzen wollten. Waigel wirkte übrigens so als fände er diese Erwartung Frau Süßmuths auch recht überraschend.

Es sollte bis zum Jahr 1999 dauern, bis eine bis dahin unscheinbare Ostdeutsche namens Angela Merkel den Mut fand, den Machtpolitiker Kohl herauszufordern. Merkel stürzte ihn schließlich mit einem Artikel in dieser Zeitung. Kohls Stärke war vor allem in der Schwäche seiner Rivalen zu finden. Und in seinem fehlenden Sinn für Loyalität. Wolfgang Schäuble sollte das schmerzlich erfahren. So blieb die Sendung ein Beitrag zur Pflege eines Denkmals namens Kohl. Der Bundeskanzlerin wird er damit einen Dienst erweisen. Für eine kritische Würdigung des Denkmals müssen wir auf das Jahr 2020 warten. Bis dahin wird Schwan sicherlich die Kabinettsprotokolle der Jahre 1982 bis 1998 ausgewertet haben.
 

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