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TV-Kritik: „Altersglühen“ : Zum Verlieben sind sie alle

Gruppenbild mit Hund: Hier sucht nur eine/r keine/n neue/n Partner/in. Bild: WDR/Georges Pauly

Was passiert, wenn sieben ältere Damen und sechs ältere Herren sich zum Speeddating treffen? „Altersglühen“! Sieben Minuten entscheiden. Werden dabei nur die Herzen der Senioren schwach?

          Es dauert nur Minuten, dann hält es Johann Schäfer nicht mehr aus. Der Witwer, dem Mario Adorf eine zaghafte Spielart seines Altherrencharmes leiht, hat seiner Frau auf dem Sterbebett versprechen müssen, gleich nach ihrem Tod eine Neue zu suchen. „Völlig lebensunfähig“ sei er ja allein. Nun sitzt er da, eine zu bunte Krawatte zu kurz um den Hals gebunden, an Tisch Nummer eins und weiß nicht mehr, welcher Teufel ihn geritten hat, an dieser Speeddating-Runde für ältere Herrschaften teilzunehmen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dreizehn einsame Herzen im Rentenalter flattern an den Tischen in diesem Raum, sieben Minuten haben je eine Dame und ein Herr Zeit, einander kennenzulernen, dann ertönt die Glocke, und die nächste Frau rückt auf. Johann gegenüber nimmt Hilde (Ilse Strambowski) Platz, Blumenbluse, fluffiges Haar, und legt los: Also, all ihre Katzen und Hunde daheim, die armen „Verreckerli“, die sie aus Tierheimen und Labors gerettet habe... Johann ringt nach Atem, stößt den Stuhl zurück und flüchtet Richtung Garderobe. Speeddating für Senioren! Was für eine Schnapsidee.

          Kein Film über alte Leute

          Was für eine Idee in der Tat, die der Regisseur Jan Georg Schütte hatte: Mehr als ein Dutzend namhafter deutscher Schauspieler hat er für zwei Drehtage in einen großen Raum gesteckt und ohne Drehbuch vor neunzehn Kameras frei improvisieren lassen, wovon sein abendfüllender Film „Altersglühen“ nun handelt: von zweiundvierzig Kurzbegegnungen, in denen Zufallspaare sich für die Dauer von ein paar Sätzen und Blicken annähern oder abstoßen, Umrisse von Lebensläufen und Charakteren sichtbar werden, zwei einander vielleicht finden, verfehlen oder einfach nur nett unterhalten. Zwischen den Stühlen im Saal spaziert Schütte in der Rolle des Veranstalters hin und her, fängt Johann wieder ein, und was aussieht wie kleine Pläusche da und dort, sind in Wahrheit Regieanweisungen. Schütte hat „Altersglühen“ zunächst für das Radio konzipiert und mit dem Stück in anderer Besetzung den Deutschen Hörspielpreis gewonnen. Für die Fernsehadaption, die erst alle Figuren in einem abendfüllenden Film im Ersten, dann einzelne in Serie im WDR und NDR zeigt, musste er Überzeugungsarbeit leisten. Sie hat sich gelohnt.

          Was dieses Star-Ensemble zur Aufführung bringt, bewegt sich auf einer völlig anderen Umlaufbahn als all das, was wir normalerweise als Romantikprogramm rund um Darsteller jenseits der Lebensmitte zu sehen bekommen. „Altersglühen“ ist kein Film über alte Leute. Es ist auch kein Film für alte Leute - sondern schlicht großes Theater im Fernsehformat.

          Im Wildtier-Print auf der Jagd nach Abenteuern

          Denn wenn die Funken zwischen den Darstellern fliegen - wie für Augenaufschläge zwischen der ihre Gegenüber regelmäßig überstrahlenden Hildegard Schmahl als ehemaliger Verlegerin Martha und Johann - , dann sind diese Momente tatsächlich aus dem Moment heraus entstanden und so überraschend für die Zuschauer wie für die Akteure, die nicht wussten, welche Rollenbiographien sich ihre Kollegen zurechtgelegt hatten. Das verleiht dem Ganzen eine Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit, die einen immer weiter schauen und zuhören lassen will, obwohl doch nur Varianten des immer Gleichen geschickt aneinandergeschnitten wurden.

          Mit jeder Paarung hat auch der Zuschauer ein neues Date, und nach einiger Zeit, wenn er die Figuren besser kennt, wächst der Reiz, zu sehen, wer da aneinandergerät. Senta Berger gibt die ehemalige Geschäftsfrau, der alle Männer zu Füßen liegen müssten, angefangen vom feschen Russen Sergej (Victor Choulman). Doch nein, mit jedem Tête-à-tête wird sie einsamer. Brigitte Janner sucht als agile Alte im Wildtier-Print erotische Abenteuer, Matthias Habich als pensionierter Lehrer eher sich selbst, und das fulminante Freundeduo Kurt und Michael (Jörg Gudzuhn und Michael Gwisdek) braucht für seine Lauben-WG eher eine Frau zum Kochen, Putzen, Kuscheln. Christine Schorn als Edith könnte trotzdem glatt schwach werden. Die Gärtnerin Clara (wunderbar: Angela Winkler) sagt dem Mittachtziger Hartmut (Jochen Stern) auf den Kopf zu, dass sie ihn nicht attraktiv finde, und Gisela Keiner als Leni macht sich auf alles einen Reim.

          In den kurzen Pausen schauen wir den Charakteren beim Frischmachen vor dem Spiegel ins Gesicht. Wen sie suchen? Jemanden, der eine Lücke füllt? Im Bett? In der Küche? Der mit nach Russland reist? Oder einfach neben einem atmet? Die dreizehn straffen ihre Züge, werfen Wasser ins Gesicht oder ziehen den Lidstrich nach, dann geht es auf zur nächsten Runde. Zum Verlieben ist jeder Einzelne von ihnen.

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