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„Endlich Gardasee!“ im Ersten : Hummeln im Bauch

  • -Aktualisiert am

Italienreisende: Cornelia Froboess und Julia Nachtmann als Großmutter und Enkelin. Bild: ARD Degeto/Hans Joachim Pfeiffer

Cornelia Froboess muss man einfach für jede Rolle lieben. Selbst wenn sie als reife Dame ihr Leben durch die flotte Lotte dreht, um sich doch noch in eine Bella Signorina zu verwandeln, wie in der Komödie „Endlich Gardasee!“.

          Wer bitte braucht den Gardasee, wenn man in Hamburg lebt? Aber gut, so platt ist das mit den Sehnsüchten ja tatsächlich. Überhaupt ist im Leben vieles exakt so wie in diesem Film, was ganz und gar verwundert, denn die Beziehungskomödie nach einem Buch von Sophia Krapoth, das wiederum einem sentimental-humoristischen Wühltischroman der Moderatorin Sabine Heinrich folgt, überfällt uns mit einer restlos herzkinokonformen Ältere-Frau-will-es-noch-einmal-wissen-Handlung fernsehdeutschen Zuschnitts.

          Allein die Namen: Lotti! Heinz! Eva! Hannes! Tobias! Der Film bietet sogar einen Klischee-Gigolo mit eigenem Weinlokal auf. Auch ästhetisch bewegt sich der Streifen keinen Zentimeter über das Erwartbare hinaus. Und trotzdem ist da von der ersten Minute an eine Faszination, denn ständig fallen Sätze, die man allesamt glaubt. Das liegt an der phänomenalen Leistung der beiden Darstellerinnen Cornelia Froboess als Oma Lotti und Julia Nachtmann als ihre erfrischend planlose Enkelin Eva – und vielleicht an der Entschlossenheit der Regisseurin Ulrike Grote, den Schauspielerinnen derart viel Freiraum zu geben.

          Es geht los mit einem brauntonigen Ausstattertraum zwischen Nachkriegseleganz und piefiger Rentnertristesse, denn in Oma Lottis Wohnung ist vom irren Porzellanwandteller über eine mordshässliche Scherenlampe und getäfelte Durchreiche bis zu heute Höchstpreise erzielenden Midcentury-Möbeln alles vorhanden, was in gutem oder schlechtem Sinn Reife ausstrahlt. Sophia Loren schmettert dazu ihre Evergreens, „Mambo Mambo Italiano“, „You wanna be Americano, ‘mericano“, und die nicht so wesentlich jüngere Protagonistin schwingt eine flotte Sohle beim Abräumen des musealen Frühstückstischs. Ach ja, und in der Ecke, nicht zufällig leicht zu übersehen und meist in der dritten Person adressiert („Ich will ohne ihn zur Beerdigung“), hockt Opa Heinz (Willem Menne) vor seinem Regal voller Funktechnik, ein knuffiger Nerd im Analogformat.

          Beerdigt übrigens wird allen Ernstes „Herr Schmidt“, seinerzeit offenbar ein heißer Feger und Lottis große verpasste Affäre, so groß, dass sie abrupt beschließt, ihre offenbar ins Funkloch gestürzte Ehe hinter sich zu lassen, um neu zu beginnen. Da ist dann wieder so ein Dialog: „Heinz, ich trenn mich von dir.“ „Wieso?“ „Ich will so nicht weitermachen.“ „Ja, uns geht’s doch gut.“ „Du merkst auch gar nichts, was?“ Wer kennt solche Sätze nicht, all das banal Grausame daran? Gespiegelt wird die Ehekrise ganz nach Degeto-Lehrbuch in der Beziehungskrise der Enkelin, die sich ihrem nervig verliebten Hannes (Bernhard Piesk) entzieht, weil sie sich in besagten Gigolo (Ulrich Friedrich Brandhoff) verguckt hat.

          Lotti hat noch viel vor, zunächst mit ihren Haaren.

          Die wildgewordenen Weiber treten die Flucht nach vorn an. Lotti packt die Badehose ein (den Gag konnte man nicht liegenlassen), sie will endlich ans Meer. Usedom denkt sie, dann aber soll es Italien sein, vielleicht in Erinnerung an einen anderen Gassenhauer der Sehnsuchts-Chanteuse Cornelia Froboess: „Zwei kleine Italiener vergessen die Heimat nie/ Die Palmen und die Mädchen am Strande von Napoli.“ Selbst das Meer ist plötzlich gar nicht mehr so wichtig, Hauptsache, viel dolce und heinzfreie vita. Gern lässt sie sich also auf Evas Vorschlag Meran ein, zumal Lottis Sehnsuchtsort, der Gardasee, in der Nähe liegt. Die Enkelin verschweigt freilich den wahren Grund für diese Wahl: dass ihr neuer Schwarm dort weilt. Zurück bleiben Hannes, der Wanderer, und Heinz, der traurige Funker.

          Da hat sich die Frisur doch etwas verändert: Cornelia Froboess und Willem Menne in „Endlich Gardasee!“

          Krapoth und Grote fiel nichts Originelleres ein, als den deprimierten Strickwestenrentner in Hamburg am Aufwärmen seines Dosenfutters scheitern zu lassen. Auch im Süden kommt alles so, wie man es kennt und amüsant finden soll, ein wenig Erfüllung, ein wenig Desillusion (Portemonnaie weg!), zudem steht bald Evas Liebesleben kopf.  Aber immerhin explodiert Oma Lottis Wischmoppfrisur zu einer veritablen Sophia-Loren-Mähne, „der Knaller“, sagt Eva treffend zu dem rotgoldenen Dauerwellenhelm. Derweil läuft, man hätte darauf wetten können, die Operation Erbsensuppe an: Reconquista Mädelherzen mit allen üblichen Zutaten (aber vor allem Erbsen).

          Ob die suppigen Nordlichter jedoch noch einmal gegen die Verlockungen des Südens ankommen, muss schon jeder selbst herausfinden. Die Lässigkeit im Auftreten von Froboess wie Nachtmann, ihre stets ganz in der Situation gründende Ehrlichkeit, die schön zwischen Melancholie und Lebensfreude changiert, machen jedenfalls selbst das erzählerisch etwas billige Ende gut erträglich.

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