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TV-Film mit Heinz Strunk : Er ist der König aller Luftschlösser

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Ihm kann kein Zacken aus der Krone brechen: Jürgen Dose (Heinz Strunk) im Partytrubel. Bild: WDR/Georges Pauly

Kann Spuren von Polt, Schneider und Jaeger enthalten: Mit „Jürgen – Heute wird gelebt“ zeigt die ARD einen ungewöhnlich guten Film von und mit Heinz Strunk.

          Es ist ein kleinlautes Leben, das Leben von Jürgen Dose, gespielt vom Autor Heinz Strunk. Groß ist nur das Ausmaß seiner Tristesse. Gekleidet in strapazierfähiges Altherrenbeige und praktische Beutelhosen in unauffälliger Farbe, gehört Jürgen zu den Verlierern, die schon allein ihrer laschen Körperhaltung wegen chronisch übersehen werden. Aber er ist auch ein schüchtern Geborener aus miefigen Verhältnissen, der gar nicht ungern mit dem Hintergrund verschmilzt. „Bin mehr so der Ravioli-Typ“, sagt er, „Außen weich, innen auch.“ Fade, finden nicht nur die meisten Frauen. In seinem Job als Tiefgaragenpförtner könnte er Herr der Schranke sein, lässt sich jedoch von jedem herrisch auftretenden Fahrer (Olli Schulz in einer Gastrolle) in den Senkel stellen.

          Wenn er nach Schichtende das Tageslicht sieht, ist es vorwiegend grau. Wenig erfreulich auch der Block, in dem er eine kleine Wohnung im Gelsenkirchner Barockstil mit seiner bettlägerigen Mutter (die nur als dauernölende Stimme präsent ist) bewohnt. Vergeblich versucht Jürgen auf ungelenke Art mit der Pflegekraft Petra (Katja Danowski) anzubändeln. Ein Problem: Bis zur Pointe hat Jürgen immer schon gemerkt, dass sein Witz nicht ankommen wird, also verzichtet er darauf.

          Unsterbliches Duo: wie Don Quixote und Sancho Pansa

          Zu Jürgens Glück gibt es seinen Freund Bernd Würmer (Charly Hübner). Der sitzt im Rollstuhl, will ständig bemitleidet werden und klagt alle und jeden der Diskriminierung an. Zusammen bilden sie ein unsterbliches Duo wie Don Quixote und Sancho Pansa (worauf auch schon einer der früheren Titel des Films „Arme Ritter“ hinweist). Und doch ist Jürgen Dose ein Held für sich. „Luftschlösser brauchen keine Baugenehmigung“, das gilt für seine ausschweifenden Phantasievorstellungen, in denen er sich in bunte Farben und liebevolle Begegnungen hineinträumt.

          Der Multikünstler Heinz Strunk hat Jürgen Dose 1994 erfunden. Bereits auf seiner zweiten Soloplatte „Der Mettwurstpapst“ taucht sie auf, auch im Radio war Jürgen später zu hören. 2005 erhielt die Figur, der man, hat man sie einmal in all ihrer ungeschützten Lebensausgesetztheit kennengelernt, kaum anders als mit entwaffneter Zärtlichkeit begegnen kann, ihre eigene CD „Trittschall im Kriechkeller“ (28 Kurzhörspiel-Erzählungen). 2011 entstand der gleichnamige Kurzfilm mit Regisseur Lars Jessen, schon mit der Hauptrollenverteilung von „Jürgen – heute wird gelebt“.

          Was begehrt das „Reptilienhirn“ der Frau?

          In ihrem ersten Spielfilm sind Jürgen und Charly auf Brautschau, erst beim Speeddating mit Klaas Heufer-Umlauf als Moderator Hansen und einem mit fiesem Gebiss entstellten Rocko Schamoni als Dickie, bevor sie mit der Agentur „Europ Love“ für teures Geld im Kleinbus nach Stettin fahren, um dort, so verspricht ihnen der schmierige Manager Schindelmeister (Peter Heinrich Brix), liebeshungrige Polinnen auf dem Tablett angeboten zu bekommen (Motto: „Im Osten sind noch Herzen frei“). Anja (Friederike Kempter) gehört nicht zur Auswahl im Katalog, sondern ist die Dolmetscherin, lässt aber beider Herzen höher schlagen.

          „Zwei ganz arme Willis“ nennt Heinz Strunk seine Zuneigung suchenden Männer, mit „extremer Chancenlosigkeit und in fortgeschrittenem Alter“. Sein Humor treibt sie nicht absichtlich in peinliche Situationen, noch das Hanebüchenste scheint sich zwingend von selbst zu ergeben. Allein die traurige Männerparade, der Schindelmeister bei seiner Verkaufspräsentation das „Reptiliengehirn“ von Frauen erklärt und daraus folgende sexistische Flirttips mit auf den Weg in ihre Einzeldates gibt, oder das spezielle Gastgeschenk, das Jürgen seiner Zugeteilten im Stettiner Devotionalienladen kauft, lassen einen wundern, dass die Menschheit überhaupt noch ab und an in die Verlegenheit kommt, sich fortzupflanzen. Lars Jessen scheint Jürgens Leben weder dramatisch zu vergrößern, noch mit Absicht kleinzuinszenieren. Auch die Kamera von Kristian Leschner ist eher dem Dokumentarischen verpflichtet und folgt dem realistischen Prinzip „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“.

          Für den ARD-Mittwochsfilmplatz ist „Jürgen – Heute wird gelebt“, dessen Verwirklichung dem Vernehmen nach zehn Jahre gedauert hat, ein ungewöhnlicher Film, so als würde Gerhard Polt jetzt „Herzkino“ machen. Mit Formatfernsehen hat dieser Film nichts gemein, er ist nach seiner „höchsten Bestimmung“ (im Sinne der Hegelschen Ästhetik) ein Kunstwerk der Komik. Eckhard Henscheid hat Heinz Strunk nicht nur mit Polt, sondern auch mit dem großen Heino Jaeger (siehe die Doku von Gerd Kroske: „Look before you kuck“) und Helge Schneider verglichen.

          Da ist viel daran. Wie Jaeger erschafft Strunk seine Figuren meist aus der stimmlichen Individualisierung. Wie bei Polt liegt im Alltag das Abgründige. Und wie bei Helge Schneider übernimmt das spielerisch Absurde die Zügel. Wer Heinz Strunk, der zuletzt eher als Bestsellerautor („Fleisch ist mein Gemüse“, „Der goldene Handschuh“) wahrgenommen wurde, in voller komödiantischer Statur erleben möchte, kann hier ein Fest erleben.

          Fernsehtrailer : „Jürgen – heute wird gelebt“

          Jürgen – Heute wird gelebt, 20.15 Uhr im Ersten

          Quelle: F.A.Z.

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