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TV-Film: „Keine zweite Chance“ : Sie ist auf sich allein gestellt

Da ist noch alles in Ordnung: Nora (Petra Schmidt-Schaller) mit ihrer sechs Monate alten Tochter. Bild: Sat.1

In dem Sat.1-Film „Keine zweite Chance“, nach einer Vorlage von Harlan Coben, kämpft eine Mutter um ihr entführtes Kind. Von der ersten Szene an ist klar: In diesem Thriller läuft nichts wie zu erwarten.

          Ob es noch viele Zuschauer gibt, die erwarten, das Fernsehprogramm werde sie in irgendeiner Weise überraschen? Zumal zur besten Sendezeit? Man meint, die Sender zu kennen; zu wissen, worauf sie sich einlassen und nach welchen Kriterien sie produzieren. Und dann kommt ein Fernsehzweiteiler wie „Keine zweite Chance“: ein Film, der die Kenn-Ich-Schon-Haltung unterläuft, mit erzählerischer Wucht und beeindruckender, filmischer Zurückhaltung.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Vorlage des Drehbuchs von Hannah Hollinger diente der gleichnamige Roman des amerikanischen Thriller-Autors Harlan Coben. Der hatte schon mit „The Five“ eine packende Krimiserie über das Verschwinden eines Kindes geschaffen, die zuletzt zu später Stunde im ZDF lief.

          Auch in „Keine zweite Chance“ geht es um Kindesentführung. Doch mutet die Geschichte uns noch einiges mehr zu: Die Ärztin Nora Schwarz (Petra Schmidt-Schaller) hat einen Überfall auf ihre Familie schwerverletzt überlebt. Die Täter trafen sie mit zwei Schüssen in den Bauch. Im Krankenhaus erwacht sie aus dem Koma und muss feststellen, dass ihr Mann Michael, genannt Mickey (Golo Euler), tot ist und ihre einjährige Tochter Jella verschwunden. Das ist mehr, als ein Mensch aushalten kann – vor allem, wenn einem nicht jeder glaubt, was für ein Verbrechen hier geschah. Nora liegt nachts wach auf dem Sofa. Sie kann nicht schlafen, riecht am Bademantel ihres Mannes und liest immer wieder die Vermisstenanzeige ihrer Tochter auf der Internetseite der Polizei.

          Ganz schön viel Drama: Als Zuschauer leidet man mit Nora

          Dann melden sich plötzlich Entführer. Sie fordern ein Lösegeld von zwei Millionen Euro. Keine Polizei! Wer würde nicht darauf eingehen? Und trotzdem die Polizei rufen? Genauso macht es Nora. Ihr Schwiegervater, der in einer prächtigen alten Villa wohnt, hat das Geld schon bereitgestellt. Doch die Übergabe scheitert – vor allem, weil die beiden LKA-Beamten, Sarah Bäumler (Inez Bjørg David) und Peter Leyen (André Szymanski), sich mitsamt ihrer Mannschaft so dämlich benehmen, dass man es als Zuschauer kaum fassen mag: Seit wann fährt die Polizei mit drei total auffällig unauffälligen Autos nebst Blaulicht zu einer Lösegeld-Übergabe, die ohne Polizei stattfinden soll? Aber so erklärt sich hinreichend schlüssig, warum Nora fortan lieber alleine um ihre Tochter kämpft und der Polizei misstraut. Mit ihrem Anwalt Leo Korwatsch (Sebastian Bezzel) und ihrer alten Flamme Robert (Murathan Muslu), der zufällig ehemaliger BKA-Beamter ist, versucht sie den Entführern auf die Spur zu kommen.

          Das ist natürlich etwas viel. Sowohl für Nora, als auch für den Zuschauer. Es könnte leicht zu viel des Dramas und zu wenig glaubwürdig sein. Dass dem nicht so ist, verdankt der Film allem voran dem Spiel von Petra Schmidt-Schaller und der Regie von Alexander Dierbach. Petra Schmidt-Schaller spielt mitunter fast schmerzlich mitreißend und trifft doch den Ton in jeder Situation. Überzeugend sind auch die Dialoge. Ihre Qualität liegt weniger in dem, was gesagt wird, sondern, wie es gesagt wird.

          Josefine Preuß als Castingshow-Sternchen auf Abwegen

          Als Zweiteiler hat „Keine zweite Chance“ gerade so genug Zeit, um die vielschichtige Erzählung von Harlan Coben in bewegenden Bildern zu erzählen. Zeit heißt auch, dass man Nora Schwarz, der Mutter, die zunächst völlig hilflos und einsam scheint, dabei zusieht, wie sie mit der Leere und Einsamkeit umgeht. Das Team von Alexander Dierbach schafft vor allem im ersten Teil des Films viele kleine Momente, die uns das vor Augen führen. Das Figuren-Tableau wird im Lauf der Geschichte zunehmend unübersichtlich. Doch das kann in diesem Wer-war-es-Thriller auch gar nicht anders sein. Denn wem zu trauen ist, und wer sein eigenes Spiel spielt, das wissen weder Nora noch die beiden Polizisten. Und auch hier unterläuft „Keine zweite Chance“ die Erwartungen. Denn wir sehen unter anderem Josefine Preuß ausnahmsweise mal nicht in der Rolle der verfolgten Unschuld oder Gepeinigten. Ganz im Gegenteil. Als abgestürztes Castingshow-Sternchen auf Abwegen ist sie hart im Nehmen, eiskalt und berechnend. Lediglich ihre Geschichte in dieser Geschichte bleibt bis zuletzt etwas blass.

          Schnörkellos ist die Kameraarbeit von Ian Blumers. Es gibt in den gesamten knapp drei Stunden des Zweiteilers kaum ein Bild, das nicht im wahrsten Sinn des Wortes auf Augenhöhe mit den Darstellerin ist. Gleiches gilt für den anspruchsvollen Schnitt (Raimund Vienken und Simon Blasi). Denn obwohl in vielen Situationen ein Stakkato an Einstellungen auf den Zuschauer einprasselt, fällt das kaum auf, weil der Schnitt den Blick des Zuschauers so sicher und flüssig durch das Geschehen lenkt, als wäre das selbstverständlich. Hervorzuheben ist aber auch das Szenenbild (Jerome Latour) mitsamt seiner detailreichen Ausstattung (Außenrequisiteur Konstantin Ness, Setrequisiteur Markus Wegner). Noras Haus, Schwiegervaters Villa und der einsame Brandenburger Bauernhof, zu dem eine heiße Spur führt; alle Orte stecken voller Leben und sehen nicht aus, als habe man im Ausstellungsraum eines schwedischen Möbelhauses gefilmt.

          Dieses Zusammenspiel der Gewerke, die hier jedes für sich einmal ernst genommen werden, trägt dazu bei, dass man Nora bis zum bitteren Ende folgt und hofft, dass es doch noch eine zweite Chance gibt.

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