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TV-Film „Dead Man Working“ : Eine Rechnung bleibt offen

Zahlen sind ein Hexenwerk: Jochen Walther (Wolfram Koch, links) und sein Zögling Tom Slezak (Benjamin Lillie) rechnen sich gute Chancen aus. Bild: HR/Börres Weiffenbach

Vor Investmentbankern wird gewarnt: Der Film „Dead Man Working“ taucht in die Welt der Finanzjongleure ein und zeigt Frankfurt in kalten Farben. Das ist ein Wirtschaftsthriller mit Stil.

          Die Bank der Deutschen hat sich einem Kulturwandel verschrieben: Das Wohl des Einzelnen und das der Gesellschaft stehen vorne an, es geht um Disziplin und Partnerschaft, jeder achte auf jeden, wie in einer Familie, erzählt die Chefpsychologin Frau Sonnebach (Jenny Schily), als sie die neuen Rekruten über die Büroflure führt wie durch eine Kathedrale. Beim „Investmentbanker des Jahres“ Jochen Walther (Wolfram Koch) fallen die jungen High Potentials durch. Glotzend stehen sie vor ihm, seine kalte Autorität macht sie sprachlos, nicht einmal auf die Frage nach ihrer Lieblingsmusik wagen sie eine Antwort.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Jochen Walther ist die Nummer eins, er ist der Zampano, er verschafft seiner Bank den großen Coup: Das Emirat Qatar will mit einer feindlichen Übernahme das neue Finanzviertel von London an sich reißen. Auf mehr als eine Milliarde Euro beläuft sich der Anteil, welcher der Bank der Deutschen bei dem Deal winkt. Jochen Walther gewinnt ihn, er schreibt ihm seinem Ziehsohn, dem Mathe-Genie Tom Slezak (Benjamin Lillie), zu. Als sich die anderen ins Nachtleben zur Siegesorgie stürzen, klettert Jochen Walther aufs Dach seiner Bank und - springt in den Tod.

          Warum ist er gesprungen?

          Warum nimmt sich einer das Leben, der gerade alles erreicht hat? Tom Slezak will es wissen. Wilfried von Bensen (Manfred Zapatka), der Vorstandsvorsitzende der Bank, gibt sich in der Pressekonferenz betroffen, spult Beileidsfloskeln ab („allseits geschätzte Persönlichkeit“), streut aber perfide einen Verdacht: „Familie“, sagt er, „ist nicht selten das größte Opfer, das wir alle bringen.“ Ein Journalist hatte nach vermeintlichen Eheproblemen Jochen Walthers gefragt. Seine Witwe Nora (Jördis Triebel) kapiert, was da läuft und geht in die Gegenoffensive: Die Bank habe ihrem Mann auf dem Gewissen, sagt sie im Fernsehen. „Er hatte in der Bank keine Freunde, nur Fressfeinde und Opportunisten.“ Der junge Tom Slezak, dem der Tod seines Mentors den Boden unter den Füßen wegzieht, will weder das eine noch das andere glauben. Hat sich Jochen Walther vielleicht gar nicht selbst getötet?

          „Die Bank hat meinen Mann auf dem Gewissen“: Nora Walther (Jördis Triebel) lässt sich nicht den schwarzen Peter zuschieben.

          Das Szenario, das Marc Bauder nach dem Buch von Dörte Franke und Khyana el Bitar entwickelt, erinnert nicht zufällig an die Deutsche Bank und an die zahlreichen Suizide, die es nach der Finanzkrise unter Bankern in den Vereinigten Staaten wie in Europa gab. Es handelt von der hermetischen Welt der Investmentbanker, zu welcher der Regisseur schon mit seinem Dokumentarfilm „Der Banker - Master of the Universe“ einen intimen Zugang fand. Damals erzählte der einstige Banker Rainer Voss von dieser Welt, in der man sich durch Gefolgschaft „Schulterklappen“ verdienen muss, in der aufsteigt, wer rücksichtslos gegen sich und andere ist und seine Existenz der höheren Ehre der Bank verschreibt. Selbst wenn niemand mehr die Geschäfte versteht, in denen es um Milliardensummen geht und die Volkswirtschaften in den Abgrund reißen, machen alle weiter mit. Wenn alles auffliegt, muss einer eben den Sündenbock spielen, sagt Bankchef von Bensen. Als Sündenbock lebe es sich, mit „vergoldeter Abfindung“, unter Umständen gar nicht schlecht. Nur die Bank, das System - das muss weitergehen, nur das zählt. Wollte Jochen Walther bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen?

          Marc Bauder spielt geschickt mit den möglichen Motiven, er inszeniert einen Wirtschaftsthriller, den der Kameramann Börres Weiffenbach mit eindrucksvoll kalten Bildern aus der Bankenstadt Frankfurt ausstattet und in dem das Ensemble groß aufspielt. Wolfram Koch gibt den innerlich erstarrten Investmentbanker, der von seinem Büro aus mit dem Fernglas Menschen beobachtet, als seien es Lemminge. Er ist der „Dead Man Working“, den der Titel des Films nennt. Benjamin Lillie ist als arroganter, dann verunsicherter Nachwuchsschnösel eine Entdeckung, Jördis Triebel eine schicksalskluge Witwe. Jenny Schily gibt ihre Figur mit gefährlich anheimelnder Bosheit, und Manfred Zapatka nimmt man den Bankboss, der zu allen Mitteln greift, in jeder Szene ab. Gegen Ende müht sich „Dead Man Working“ etwas, die Spannung zu halten. Die Auflösung, die uns zeigt, wieso wir zu Beginn Tom Slezak in Handschellen sehen, entschädigt. „Frankfurt war schon immer Krönungsstadt“, sagt er, „für Könige und Kaiser.“ Für solche halten sich die Banker, um die es hier geht, mit größter Selbstverständlichkeit.

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