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TV-Film „Aufbruch ins Ungewisse“ : Europa ist nicht mehr sicher

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Zu Hause droht ihm Folter: Jan Schneider (Fabian Busch) wartet mit seiner Familie in einem afrikanischen Auffanglager. Bild: WDR/Anika Molnár

Flucht unter umgekehrten Vorzeichen: Im ARD-Film „Aufbruch ins Ungewisse“ flüchtet eine deutsche Familie aus einem dystopischen Deutschland. Dass nun einige finden, der Film sei ein Skandal, ist wohl kalkuliert.

          Angekommen. Vorläufig sicher in Südafrika, der wirtschaftlich wohlhabenden „Rainbow Nation“ mit dem strengen Asylverfahren, flippt Nora Schneider (Athena Strates) erst recht aus. Sie musste ihr Smartphone in Deutschland zurücklassen, wegen der Ortung. Ihr jüngerer Bruder Nick (Ben Gertz) ist beim Kentern des überfüllten Schlauchbootes vor der Küste Namibias verlorengegangen und vielleicht tot. Den überlebenden Schiffbrüchigen, am Strand von schwarzen Sanitätern aus einer chaotischen Ansammlung angespülter Habe und mit Rettungsfolie abgedeckter Leichen geborgen, wurden die Haare geschoren, sie mussten in Unterwäsche zur entwürdigenden Desinfektionsbehandlung. Schlepper haben sie und ihre Eltern Jan (Fabian Busch) und Sarah (Maria Simon) nach langer Fahrt im verschlossenen LKW halbverdurstet in der Wüste ausgesetzt und an andere Schlepper weiter verkauft. Sie sind menschliche Ware, zumindest für einige Wochen.

          Ihr Asylantrag wird voraussichtlich scheitern, weil Namibia zwar als sicheres Drittland gilt, aber alle Flüchtlinge umgehend nach Deutschland abschiebt. Das Flüchtlingsheim in der Nähe von Springbok erinnert mit Maschendrahtzaun an ein Internierungslager, von den Mitarbeitern werden sie roh behandelt. Es gibt eine einzige engagierte Person, aber Michelle Keysers (Naima Sebe) mitfühlende Menschlichkeit täuscht nicht über den Sachverhalt hinweg: Die Geflüchteten sind lästige Verwaltungsvorgänge.

          Wer hat Schuld am Aufstieg der Rechten?

          Zum Duschen stellen sich graugesichtige Frauen mit dumpfen Mienen stumm in langen Schlangen an, die gespendete Kleidung ist unförmig, die Familie lebt in einem kahlen Raum mit Metallstockbetten. Alles ist Transit, Warten, Untätigkeit. An der Pinnwand hängen die Suchanzeigen wie früher beim Roten Kreuz. Bei der Essensausgabe gibt es üblen Eintopfmatsch.

          Nun reicht es Nora. Nicht nur ihre eigene, auch die politisch-historische Gesamtsituation Europas, das seine Grenzen inzwischen gegen Flucht nach außen dicht gemacht hat: „Wenn die nicht alle früher zu uns gekommen wären, dann hätte es in Deutschland gar keine Probleme gegeben.“ Mutter Sarah, Lehrerin für Deutsch und Geschichte, will den Aufstieg der Rechten in Deutschland und die Säuberungsaktionen der Regierung unter Kanzler Meyer, die sie in die Ferne gezwungen haben, nicht den Flüchtlingen aus Afrika nach Europa anlasten: „Das haben wir schon selbst hingekriegt, Deutschland zu ruinieren.“ Ihr neuer Bekannter Dirk Kaufmann (Michael A. Grimm), als Schwuler verfolgt, steuert die nächste Position bei. Das eigentliche Problem sei, „dass eine Handvoll Menschen inzwischen ebenso viel besitzen wie der Rest der Menschheit.“ Über die Fluchtursachen weiß in der düsteren Dystopie „Aufbruch ins Ungewisse“ dieser jenes zu sagen und jener das. Es sind lauter bekannte populistische Meinungen. Innerhalb der Logik des Films, der vorwiegend die Flucht selbst emotional nachvollziehbar machen will (Regie Kai Wessel), sind sie fast unerheblich.

          Für die ARD ist Relevanz das Zauberwort der Stunde

          Ganz anders sieht das zurzeit in den sozialen Netzwerken und einigen Vorabrezensionen aus. Dieser Film sei ein Skandal, befand zuerst Bild.de. Und ein schlagendes Beispiel für Rassismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ob man bei der ARD der Ansicht sei, dass uns nur Weiße in Schlauchbooten zu Tränen rührten? Der Film wurde vorab in der Mediathek zur Verfügung gestellt. Die Kommentare der User reichen von „einfältige Propaganda“ über sarkastische Hochschätzung des Geschichtsbewusstseins der Sender bis zum vorsichtigen Lob. Die Kontroverse dürften die Verantwortlichen durchaus ins Kalkül gezogen haben. Relevanz lautet das Zauberwort der Stunde für das gebührenfinanzierte Fernsehen, das schließt die Provokation von Streit ein.

          Im Grunde aber interessieren sich die Autoren Eva Zahn, Volker A. Zahn und Gabriela Zerhau (Buchüberarbeitung Astrid Ströher) kaum für die politischen Grundlagen ihrer Schreckensvision. Ihr Entwurf hat wenig überzogen Futuristisches. Anders als in Michel Houellebecqs umstrittenen Roman „Unterwerfung“ geht das Szenario nicht von einer Islamisierung Europas aus, sondern von der Ausmerzung der Muslime und aller aufrechten Demokraten, um dann ein aus der didaktischen Satire altbekanntes Verfahren, das der spiegelbildlichen Vertauschung, anzuwenden.

          Hier wird aus der Flucht nach Europa die Flucht aus Europa, aus geflüchteten Afrikanern werden flüchtende Europäer. Der Film eröffnet bezeichnenderweise mit Fernsehnachrichten. Mit Bildern schreiender Menschen, Redakteure der oppositionellen „Süddeutschen Post“, wie man erfährt, die sich im Keller des Verlagsgebäudes verschanzt haben und nun abtransportiert werden. Familie Schneider beschließt, Hals über Kopf zu fliehen. Zurück bleibt die Katze, die in der nächtlichen Wohnung miaut.

          Fast unvermittelt schließen Bilder an, die in den letzten Jahren unser Nachrichtengedächtnis geprägt haben (Kamera Nicolay Gutscher). Ein überfülltes Schlauchboot, Menschen mit Rettungswesten. Strandgut, Verletzte, Leichen. Man spart sich und uns das Bild des ertrunkenen kleinen Jungen, das eine Debatte um die Grenzen von emotionaler Obszönität und aufrüttelnder Notwendigkeit des journalistischen Bildes ausgelöst hat. Nur um dem Schluss ein etwas spezielles Familienzusammenführungsende anzukleben, welches den vorherigen Schrecken in vorsichtigen, gleichwohl gefühligen Optimismus überführt. Höchstens darin, nicht im angeblichen Rassismus, liegt der Skandal dieses Films.

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