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TV-Debatte Clinton gegen Trump : Das Skript muss sitzen

  • -Aktualisiert am

Donald Trump und Hillary Clinton nach ihrem ersten TV-Duell an der Hofstra Universität in Hempstead. Bild: Reuters

Im TV-Duell zwischen Clinton und Trump scheinen Fakten kaum zu zählen. Es geht eigentlich um zwei Fragen: In welchem Land wollen die Amerikaner leben? In welchem Land leben sie tatsächlich?

          Wie die Politik sich selbst beobachtet, welche Schlüsse sie zieht und ziehen lässt, hat sich im Lauf von Jahrtausenden kaum geändert. Die Trends bei Twitter und Facebook unterscheiden sich nur graduell von der Deutung des Vogelflugs oder einer Eingeweideschau. Gefühl führt Regie. Fakten dienen als Dekoration. Die Debatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump fand statt auf dem Campus der Hofstra-Universität auf Long Island. Zu ihren Studenten gehörte Francis Ford Coppola. Wie hätte der Regisseur die Debatte inszeniert?

          Das Vorspiel ist dem Publikum aus Serien wie „The West Wing“ oder „House of Cards“ vertraut. Die Ankunft der handverlesenen Gäste in schweren SUVs, die Sicherheitsschleusen, die abgeschirmten Kellergänge für die Kandidaten, die furchtbaren Anzüge der Secret-Service-Agenten, die Großaufnahme von Prominenten. Die beiden Kandidaten begaben sich auf den Laufsteg einer politischen Modeschau.

          „Auferstanden aus Ruinen“

          Was zählt in dieser Show? Die Fragen des Moderators Lester Holt von NBC und die Antworten der Kandidaten? So wird das die Commission on Presidential Debates sehen. So kann man sich täuschen. Tatsächlich zählen Fakten kaum. Es geht um zwei Fragen: In welchem Land wollen die Amerikaner leben? In welchem Land leben sie tatsächlich? Sie können ihr Vertrauen einer Kandidatin schenken, die, an der Seite ihres Mannes, dann als Senatorin und Außenministerin, zum Establishment zählt. Oder sie bevorzugen einen Kandidaten, der auch Teil des Establishments ist, sich aber als Außenseiter des Betriebs darstellt und wie ein Redneck daherkommt.

          Hillary Clinton folgt dem Skript einer erfahrenen Politikerin, die auf Erfolgen aufbaut, Kurs hält und leichte Korrekturen vornehmen will, vor allem bei der Einkommensverteilung. Das haben die Chefökonomen der Demokratischen Partei weitsichtig vorbereitet. Das klingt nach Fortsetzung einer Politik, die Versprechungen macht, sich aber etwas schwerhörig bei der Frage stellt, was aus früheren Versprechen geworden ist.

          Donald Trump hat ein anderes Skript. Er setzt auf die Arbeiter im Rostgürtel des Mittleren Westens, auf die Not in den großen Städten, auf die Erfahrung einer zerstörten Infrastruktur. Trumps Gospel „Make America great again“ heißt tatsächlich „Auferstanden aus Ruinen“. Sein Gospel verwandelt Amerika in ein rückständiges Entwicklungsland. Damit holt er Leute an die Wahlurnen, die ihr Vertrauen in den politischen Betrieb verloren haben. Trump mobilisiert Stimmen der Rachsucht. Ob seine Versprechungen haltbar sind, spielt weniger eine Rolle als die Chance, dem Establishment in die Suppe zu spucken.

          Barack Obama als wild card?

          Clinton diskreditiert Trumps Steuerpläne. Damit sei kein Wachstum zu erzielen. Sie dienten Leuten wie Trump, die mit goldenem Löffel im Mund geboren worden seien. Sie kratzt an seiner Glaubwürdigkeit, setzt auf ihre Herkunft aus der Mittelschicht, verweist auf die Erfolge ihres Mannes mit Millionen neuen Jobs und einem ausgeglichenen Haushalt. Trump braucht nur „Ohio, Michigan und Pennsylvania“ zu sagen, seine Gefolgschaft fühlt sich verstanden.

          Gegen die Rassenunruhen setzt Trump auf Law & Order, verweist auf die Erfolge der „stop, question & frisk“-Praxis der New Yorker Polizei, die Kapitalverbrechen gesenkt habe. Dem widerspricht via Twitter die Polizei von New York. Die Praxis sei seit 2011 fast ganz aufgegeben und die Zahl der Kapitalverbrechen weiter gesunken. Trumps Strategie scheint nach dieser Intervention die falsche Antwort auf die Rassenunruhen, bestärkt aber das Unsicherheitsempfinden vieler Amerikaner. Zum Ende wird es persönlich. Trump sei zu unberechenbar, um ihn auch nur in die Nähe des nuklearen Kommandos kommen zu lassen (Clinton). Clinton mangele es an Ausdauer und Aussehen (Trump). Die Vorwürfe gegen Trumps Sexismus schienen nach diesem Austausch fast überflüssig. Er desavouierte sich selbst.

          Die erste Debatte rückt den Amerikanischen Traum in ein flackerndes Licht. Mal erklingen darin Fanfaren, häufiger ein Trauermarsch. Wenn die Behauptung Trumps zutrifft, dass Clinton schon 200 Millionen Dollar in ihre Kampagne gesteckt habe, er aber fast gar nichts, dann ist der vor diesem Abend erreichte Stimmengleichstand ein beunruhigendes Signal. Es wird auch durch den Eindruck nicht gemindert, dass eine große Mehrheit der Zuschauer Hillary Clinton zur Siegerin der Debatte erklärte. Denn Trump deutete an, dass er zu schmutzigen Vorwürfen greifen werde.

          Nichts passt zusammen. Wieso erkennt sich Amerika in Trumps Gospel eher wieder als in Clintons technokratischem Fortschrittsversprechen? Francis Ford Coppolas letzte Filme waren „Jugend ohne Jugend“ und das Horrorstück „Twixt“. Von Coppola ist nach diesen Filmen kaum eine Wiederbelebung des amerikanischen Traums zu erwarten. Die verstörten Träumer befinden sich, trotz Clintons technischem K.-o.-Sieg, auf dem Weg ins Pflegeheim. In diesem düsteren Bild gibt es nur einen blinden Fleck: Wird Barack Obama sein politisches Vermächtnis kampflos Trump überlassen? Das ist unwahrscheinlich. Obama könnte zur wild card in diesem Rennen werden.

          Quelle: F.A.Z.

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