18.02.2012 · In Tunesien gehen Sittenwächter gegen die Presse vor. Nach Abdruck eines Fotos mit dem deutsch-tunesischen Fußballspieler Sami Khedira und seiner unbekleideten Freundin Lena Gercke erhält die Redaktion Morddrohungen.
Von Joseph CroitoruDer Kampf um die Medienfreiheit in Tunesien verschärft sich. Bislang konzentrierte er sich auf den Prozess des wegen Gotteslästerung angeklagten Direktors des Fernsehsenders „Nessma TV“, der im April wiederaufgenommen werden soll. Jetzt sind auch die Printmedien des Landes ins Visier selbsternannter islamistischer Sittenwächter geraten, die von den Behörden offenbar Rückendeckung erhalten.
Nachdem das tunesische Blatt „Attounissia“ am Mittwoch auf seiner Titelseite das Foto der Männerzeitschrift „GQ“ mit dem deutschtunesischen Fußballspieler Sami Khedira und seiner unbekleideten Freundin Lena Gercke abgedruckt hatte (er hält jedoch seine Hände vor ihre entblößte Brust), erhielt die Redaktion Morddrohungen. Am Donnerstag wurden der Chefredakteur, ein leitendes Redaktionsmitglied und der Herausgeber Nasreddine Ben Saïda verhaftet mit der Begründung, die Zeitung habe gegen Sitte und Moral verstoßen.
Heftige Proteste des tunesischen Journalistenverbandes wie auch aus dem Ausland waren wohl ausschlaggebend dafür, dass zwei der Festgenommenen wieder auf freien Fuß kamen. Herausgeber Nasreddine Ben Saïda jedoch befand sich am Freitagmittag immer noch in Haft.
Sein Anwalt Khaled Krichi teilte dem tunesischen Radiosender „Mosaique FM“ mit, man versuche, seinen Mandanten auf der Grundlage eines alten Gesetzes zu kriminalisieren, das seit der Verabschiedung des neuen tunesischen Mediengesetzes am 2. November vergangenen Jahres im Grunde keine Anwendung mehr finden dürfe. Tatsächlich scheint der Vorfall den Kritikern der von der islamistischen Ennahda-Partei dominierten Regierung recht zu geben, dass die Machthaber das neue Mediengesetz nicht wirklich anwenden wollten.
Dass ausgerechnet „Attounissia“ der spektakulären Verhaftungsaktion - der ersten ihrer Art seit Ausbruch der tunesischen Revolution - zum Opfer fiel, ist wohl kaum Zufall. Die arabischsprachige Zeitung, eine Neugründung, die als Onlinepublikation begann und erst seit Jahresanfang auch in gedruckter Form erscheint, scheut nicht die offene Konfrontation mit dem islamistischen Lager im Land. In der Mittwochsausgabe beispielsweise meldete sie unter dem umstrittenen Foto des Liebespaars, dass libysche Salafisten drohten, Angehörige der tunesischen Sicherheitskräfte zu entführen - allerdings ohne Quellenangabe.
Anfang Februar unterstellte das Blatt Rachid Ghannouchi, dem Kopf der Ennahda-Bewegung, trotz seines Verzichts auf alle politischen Ämter das Land aus dem Hintergrund regieren zu wollen. Auch sprach ihm „Attounissia“ durchaus polemisch das Recht ab, im Namen aller Tunesier zu sprechen und auf seinen Auslandsreisen so zu tun, als sei er ihr Vertreter. „Attounissia“ kommentierte die Repressionsmaßnahmen gegen ihre Redaktion mit der Schlagzeile: „Revolution im Rückwärtsgang“.