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Regisseur Klaus Lemke : Champagner für die Augen, Gift für den Rest

Ein großer Inszenator des eigenen Rebellentums: Klaus Lemke Bild: People Picture /Jens Hartmann

Sein Ego gegen den Rest der Welt: Der Regisseur Klaus Lemke mischt das Münchner Filmfest noch einmal auf. Treffen mit einem Verrückten.

          Es sind kaum zwei Minuten vergangen, als Klaus Lemke sagt: „Was machen wir jetzt eigentlich?“ Noch sucht Lemke nach einem geeigneten Sitzplatz. In ein Café will er nicht, „das ist doch Scheiße“. Lemke geht durch die Eingangstüren der Kunsthochschule München wie ein jugendlicher Kraftprotz, den Mantelkragen hochgeschlagen, seine Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen. Er sieht aus wie eine Mischung aus Schutzpolizist, Beatnik und Hipster. „Eigentlich darf man hier ja nicht rein“, sagt Lemke. „Aber ich sag dir was: Diese ganzen institutionellen Wichser sollen sich eh ersaufen.“ Lemke steigt einige Treppenstufen hoch, wohin sie führen, ist nicht ganz klar, Hauptsache nach oben. Er will jetzt wissen, was wir machen. Ich mache Anstalten, ein Aufnahmegerät hervorzuholen, und lege mir einen Satz zurecht. „Digger, lass das Ding stecken, macht doch nur Arbeit.“ Wir halten an einer Holzbank nebst einem Schild mit dem Aufdruck: „Rauchen verboten“. Lemke zündet sich keine Zigarette an, sondern holt einen großen Zettel hervor. Darauf eine Explosion aus Pfeilen, Unterstreichungen und in Rot hingekritzelten Wörtern. Er habe da einige Sätze vorbereitet, die „Bombe“ seien, die werde er mir nun diktieren, ich solle also aufmerksam mitschreiben.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Eigentlich begann das Treffen mit dem Regisseur und Bad Boy des deutschen Films schon früher. Gegen 7 Uhr 30 liefen zehn SMS gleichzeitig ein. Lemke hatte seine Thesen zum deutschen Film freundlicherweise schon einmal formuliert. „Der Film“, heißt es da, „ist eine schlafwandelnde Göttin. Champagner für die Augen, Gift für den Rest. Lemke.“ „Die Chefin der Filmakademie fordert mehr Mut, ihre Mitglieder mehr Staatsknete“, schreibt Lemke in SMS Nummer sechs.

          Viel zu aufgeregt

          „Dass sich das gegenseitig ausschließt, ist in vierzig Jahren Obrigkeitskino niemandem aufgefallen. Wenn das feudalistische Staatskino nicht innerhalb der nächsten hundert Jahre abgeschafft wird, bleiben wir weltweit die Top-Langweiler: brav, banal, begütigend, verbeamtet, frigide, käuflich, museal und selber Schuld. K.“ Ob ich die SMS auch wirklich erhalten habe, fragt Lemke. Ich lese sie vor. Lemke nickt bei jedem Adjektiv wie bei einem Treffer ins Herz. „Bombe“, sagt er.

          Wenn es in Deutschland jemanden gibt, der solche Dinge schreiben kann, ohne seine Glaubwürdigkeit zu verlieren, dann vielleicht Lemke. 1940 in Landsberg an der Warthe geboren, schlug er sich nach dem Abitur mit Gelegenheitsjobs durch, ein wandelndes Kraftpaket, ungeduldig, dreist, mit dem Willen beseelt, die ganze Bundesrepublik in die Luft zu sprengen und neu aufzubauen. Im Studium hielt er es nicht lange aus, beim Theater auch nicht, also fing er irgendwann an, Filme zu drehen. Er und seine Münchener Kumpels hatten jeden Film von Robert Mitchum gesehen, sie hatten seine Bewegungen studiert und die Bewegung der Kamera. Sie hatten nur leider kein Geld. 1967 fuhren sie nach Acapulco, eigentlich nur, um möglichst viel Marihuana zu rauchen. Aber keiner verkaufte den jungen Münchenern was. „Wir waren einfach zu deutsch, wir haben viel zu aufgeregt danach gefragt. Die dachten, wir sind von der Drogenfahndung.“ Deswegen drehten sie einen Film, „48 Stunden nach Acapulco“, einen deutschen Thriller, der möglichst amerikanisch aussehen will. Dafür bekam Lemke 1967 den Bambi.

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