24.02.2009 · Sie hat vor den Kameras gelebt und wird nun vor ihnen sterben: Jade Goody, ehemalige englische Big Brother-Teilnehmerin, ist unheilbar an Krebs erkrankt. In ihren letzten Lebensmonaten wird sie minutiös von den britischen Medien begleitet. Das sorgt für Unbehagen.
Von Gina Thomas, LondonEs gab eine Zeit, da konnte Jade Goody den britischen Medien nichts recht machen. Nun, da sie in aller Öffentlichkeit an Krebs stirbt, kann sie nichts falsch machen. Die ehemalige Zahnarzthelferin aus London, die vor sieben Jahren durch die Reality-Show „Big Brother“ ins Rampenlicht kam, ist ein Medienphänomen geworden. Sie hat nach eigenem Bekunden vor den Kameras gelebt und wird, wie sie sagt, wohl auch vor ihnen sterben.
Jade Goody enstammt der britischen Unterklasse. Sie ist ein Inbegriff des „chav“, jenes Typus der neuen britischen Gesellschaft, den das „Oxford English Dictionary“ euphemistisch definiert als „einen jungen Menschen, oft ohne einen hohen Grad an Bildung, der einer bestimmten Mode folgt“. Sie fallen durch schlechte Manieren auf und haben eine Vorliebe für protzigen Billigschmuck und nachgemachte Labels. Früher hießen sie „yobs“ oder Rüpel. Der trügerische Wohlstand der Kreditkartengesellschaft, die jetzt in Trümmern liegt, drang auch in die Welt des sozialen Wohnungsbaus vor und brachte eben die „chavies“ hervor: Rüpel in Designerkleidung.
Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Monate
Jade Goodys Vater war ein drogensüchtiger Dieb, der in der Toilette einer Fast-Food-Filiale an einer Überdosis starb. Ihre Mutter, eine ehemalige Crack-Süchtige, die bei einem Motorradunfall einen Arm und ein Auge verlor, ließ sich von der kleinen Tochter die Joints drehen. Als Jade Goody das erste Mal bei „Big Brother“ auftrat, wurde sie von der Journaille „Miss Piggy“ genannt. Aus ihrem negativen Image aber hat sie Kapital geschlagen. Eine von Fernsehprominenz besessene Öffentlichkeit kürte Jade Goody zunächst zum Superstar und machte sie dann zur Millionärin.
Die ganze Nation debattierte über sie, als sie vor zwei Jahren in der „Celebrity-Big-Brother-Show“ vermeintlich rassistische Bemerkungen über das Bollywood-Starlet Shilpa Shetty machte. Mit einem Auftritt in der indischen Fassung der Sendung wollte Jade Goody im vergangenen Sommer Abbitte leisten - und freilich auch kassieren. Vor den Fernsehkameras erfuhr sie auch, dass die Ärzte bei ihr Gebärmutterhalskrebs festgestellt hatten. Inzwischen geben sie der 27 Jahre alten Goody nur noch wenige Lebensmonate. Dem mitleiderregenden Anblick ihres kahlen Kopfes und ihres blassen Gesichts ist nicht zu entgehen. Jade Goody und der Zirkus um sie herum machen alle zu Voyeuren.
Der Premier lobt ihren Mut
Gordon Brown lobt ihren Mut im Angesicht des Todes, der Justizminister Jack Straw hob zur Hochzeit am vergangenen Wochenende die Bewährungauflage des Bräutigams auf, der seit seiner Haftentlassung nach neunzehn Uhr Ausgehverbot hat.
Andere überschlagen sich mit Sympathiebekundungen: Die „Sun“ sammelt Unterschriften, um das Alter für Vorsorgeuntersuchungen gegen Gebärmutterhalskrebs zu senken, der Besitzer von Harrods hat das Hochzeitskleid gespendet, das Londoner Gourmetrestaurant Sketch schenkte den Hochzeitskuchen, und eine Kosmetiklinik verabreichte eine Zahnweißbehandlung. Die Rechte an den Hochzeitsbildern sind für 750.000 Pfund verkauft worden. Jade Goody will Vorsorge treffen für ihre beiden Söhne. Das kann ihr niemand verdenken. Ihre Verteidiger verweisen auch auf die wachsende Zahl junger Frauen, die sich ihretwegen Vorsorgeuntersuchungen anmelden. Dennoch weckt das Spektakel Unbehagen.