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Tod in Afghanistan : Der Weg nach Bamian

In diesem Fahrzeug wurden die Journalisten ermordet Bild: AP

Warum waren die beiden in Afghanistan ermordeten Journalisten Karen Fischer und Christian Struwe ohne Begleitung nördlich von Kabul unterwegs? Es gibt zwar Verdächtige, bislang aber noch keine Festnahmen.

          Wer nach Afghanistan reist, geht ein Risiko ein; ein hohes Risiko, das sich schwer kalkulieren, aber doch reduzieren läßt. Außerhalb Kabuls, das raten einem die Sicherheitsbehörden genauso wie Hilfsorganisationen, sollte man als Ausländer nicht ohne kundige Führer und möglichst nicht ohne Sicherheitsleute unterwegs sein. Deshalb rätseln die afghanischen Behörden, das Auswärtige Amt und die Deutsche Welle, warum die beiden Journalisten Karen Fischer und Christian Struwe auf eigene Faust und ohne Begleitung in der nördlich von Kabul gelegenen Region zwischen Baghlan und Bamian unterwegs waren.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es habe sich um eine private Reise gehandelt, teilte die Deutsche Welle mit. In der Nacht zu Samstag wurden die beiden Journalisten in ihrem Zelt, das sie unweit einer Straße aufgeschlagen hatten, erschossen. „Unbekannte Aufständische haben ihr Fahrzeug mit Kugeln regelrecht durchsiebt“, sagte der afghanische Sicherheitschef Asim Haschimi. Am Sonntag gab die Regierung der Provinz Baghlan bekannt, daß die Polizei Hinweise auf die Täter habe. Fünf bis sechs Verdächtige seien identifiziert worden, sagte der Gouverneur Sayed Ekram Masumi. Man sei „fast sicher“, daß sie die beiden Mitarbeiter der Deutschen Welle ermordet hätten.

          Taliban erklären sich für unschuldig

          Zu Festnahmen sei es noch nicht gekommen, dies werde in Koordination mit dem Innenministerium geschehen, sagte der Gouverneur. Vor den Festnahmen könne er die Namen der Verdächtigen und eventuelle Verbindungen zu kriminellen oder radikalen Gruppen nicht bekanntgeben. Am Sonntag, einen Tag nach dem Mord, wurden die Leichen von Karen Fischer und Christian Struwe nach Kabul überführt. Der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Semarai Baschari, sagte, die Leichname würden der deutschen Botschaft übergeben. Die Taliban schloß Baschari als Täter aus. Die Korankämpfer seien in der Region nicht aktiv.

          Die Taliban, die sich in den vergangenen Monaten im gesamten Süden des Landes bis hinauf nach Kabul ausgebreitet haben, hatten eine Verantwortung für die Tat bereits am Samstag zurückgewiesen. „Unsere Mudschahedin greifen keine Journalisten an“, sagte ein Sprecher der Korankämpfer. Doch gab es nach Erkenntnissen des Auswärtigen Amts zunächst auch keine Hinweise darauf, daß die Journalisten einem Raubmord zum Opfer gefallen sind. Die beiden freien Mitarbeiter der Deutschen Welle sind die ersten deutschen Journalisten, die seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 in Afghanistan getötet wurden.

          Seit langem in Afghanistan tätig

          Karen Fischer und Christian Struwe waren als freie Mitarbeiter seit langem für die Deutsche Welle in Afghanistan unterwegs. Die Journalistin berichtete für den deutschen Auslandssender wiederholt aus dem Nahen Osten, zuletzt aus dem Libanon, ihr Lebensgefährte betreute als Rundfunktechniker afghanische Journalisten des öffentlich-rechtlichen Senders RTA in Kabul. Bis vor einem Jahr trainierte er dort junge Journalisten, als Trainer der Akademie der Deutschen Welle war er in zahlreichen Ländern im Nahen Osten und in Südostasien tätig, zuletzt in Palästina. Im August dieses Jahres hatten der Intendant der Deutschen Welle, Erik Bettermann, und Außenminister Frank-Walter Steinmeier den Start der eigenständigen internationalen Nachrichten des afghanischen Fernsehens begleitet. Die Deutsche Welle hatte zuvor seit Mitte 2002 die Weltnachrichten für RTA in Berlin produziert und nach Kabul überspielt.

          „Es ist tragisch, daß Karen Fischer und Christian Struwe in dem Land sterben mußten, das sie in den vergangenen Jahren mit hohem persönlichen Einsatz unterstützt haben“, sagte der Intendant der Deutschen Welle, Erik Bettermann. „Karen Fischer und Christian Struwe haben Pionierleistungen beim Wiederaufbau eines funktionierenden Mediensystems in Afghanistan vollbracht. Die Deutsche Welle wird trotz dieses tragischen Ereignisses ihre Bemühungen um den Dialog der Kulturen fortsetzen.“ Ebenso wie Bettermann drückte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. Er verurteilte die Tat „auf das schärfste“. „Dieses schreckliche Verbrechen muß aufgeklärt, die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, teilte Steinmeier mit.

          Die Nachricht von der Ermordung der beiden Journalisten hatte die Deutsche Welle am Morgen des Samstags erreicht. Das Auswärtige Amt hatte durch die deutsche Botschaft in Kabul zunächst erfahren, daß zwei Mitarbeiter des Senders in der Nacht zuvor getötet worden waren. Im Laufe des Tages konkretisierten sich die Angaben. Demzufolge hatten die beiden Journalisten kurz vor Beginn ihrer Reise noch Kontakt zu den deutschen Truppen in Mazar-i-Sharif und waren dann ohne Begleitung aufgebrochen.

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