03.08.2009 · Die berühmte britische Sonntagszeitung „The Observer“ ist bedroht. Womöglich wird sie künftig in erheblich reduziertem Umfang erscheinen - oder durch ein neues Nachrichtenmagazin ersetzt werden.
Von Gina Thomas, LondonDer „Observer“ ist im Laufe seiner langen Geschichte schon mehrfach totgesagt worden. Sein Gründer W. S. Bourne lieh sich einhundert Pfund, um die Sonntagszeitung 1791 lancieren zu können. Er glaubte, ein „schnelles Vermögen“ machen zu können. Stattdessen verschuldete er sich und suchte bereits nach drei Jahren einen Käufer. Damals willigte die Regierung William Pitts des Jüngeren ein, den „Observer“ unter der Bedingung politischer Einflussnahme zu subventionieren - eine Lösung, die heute undenkbar wäre. Seitdem ist die inzwischen dem linksliberalen Lager zugeordnete Zeitung immer wieder in die Bredouille geraten. Trotzdem hat sie mehr als zweihundert Jahre überstanden.
Sie rühmt sich nicht nur ihrer berühmten Federn von einst - darunter George Orwell, Arthur Koestler sowie die in der Hitler-Zeit nach England emigrierten Deutschen Sebastian Haffner und Richard Löwenthal, vorübergehend auch Marion Dönhoff -, sondern auch dessen, die älteste Sonntagszeitung der Welt zu sein. Mit einer Auflage von 420.000 Exemplaren (geschrumpft von 1,3 Millionen Ende der siebziger Jahre) beherrscht sie rund siebzehn Prozent des sonntäglichen Marktes.
Erheblich reduzierte Fassung
Nun meldet die Konkurrenz, dass der Scott Trust, Besitzer des „Guardian“ und seit 1993 auch des „Observer“, im Lichte der heftigen Anzeigen- und Auflageneinbrüche bei der Mediengruppe erwägt, das Blatt einzustellen. Die „Sunday Times“ will sogar wissen, dass den Stiftungsmitgliedern Probeexemplare eines Nachrichtenmagazins vorgelegt wurden, das statt der Sonntagszeitung donnerstags herausgebracht werden soll, einen Tag vor dem „Economist“ und am selben Tag wie die wöchentlich erscheinenden Zeitschriften „Spectator“ und „New Statesman“. Die Alternative wäre, so behauptet die „Sunday Times“ unter Berufung auf nicht genannte Eingeweihte, eine erheblich reduzierte Fassung des jetzigen Blattes.
Die Guardian-Mediengruppe, die an Lokalzeitungen und Rundfunkunternehmen beteiligt ist, meldete in der vergangenen Woche Verluste in Höhe von neunzig Millionen Pfund. Sie hat bislang nicht Stellung bezogen zu dem Bericht. Doch zitiert die „Sunday Times“ eine Quelle beim „Observer“ mit der Bemerkung, die Chancen für ein Wochenmagazin oder die Beibehaltung einer gestrafften Zeitung stünden fünfzig zu fünfzig. Unter den Stiftungsmitgliedern herrsche Uneinigkeit, eine Entscheidung sei auf eine Sitzung im September vertagt worden. Neben der Einschränkung von Bordexemplaren und anderen verbilligten Abgaben ist die eigenständige Fernsehbeilage des „Observer“ eingestellt worden. Der Verlag hat einhundertdreißig Stellen gestrichen. Die Auszahlungen schlagen freilich ebenso zu Buche wie der Umzug der Redaktionen des „Guardian“ und des „Observer“ in ein neues Gebäude neben dem King's-Cross-Bahnhof. Anstelle von Lohnkürzungen werden jetzt unbezahlte Urlaube in Aussicht gestellt.
Geschäftsmodelle überprüfen
Als die Gruppe ihre Jahresergebnisse veröffentlichte, begründete die Geschäftsführerin den Verlust mit der Wirtschaftskrise und den „langfristigen strukturellen Veränderungen“ in der Zeitungsindustrie. Carolyn McCall gestand, dass es notwendig sei, viele der jetzigen Geschäftsmodelle zu überprüfen und umzustellen. Die Einbußen dieses Jahres ließen sich verkraften, aber drei weitere Jahre dieser Art seien nicht tragbar. Obwohl die Anzeigeneinnahmen bei der Guardian-Gruppe steiler gefallen sind als anderswo, steht sie in ihrer gegenwärtigen Not keineswegs allein. Die Zukunft des „Independent“ und seiner Schwesterzeitung „Independent on Sunday“ ist ebenfalls ungewiss. Es wäre weniger überraschend gewesen, hätte man in der „Sunday Times“ von der Einstellung des „Independent on Sunday“ gelesen als von der des „Observer“.
Noch heute zehrt die Zeitung von dem Ansehen, zu dem sie vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter der unabhängigen Chefredaktion von David Astor gelangte, dessen Großvater, der amerikanisch-britische Finanzier William Waldorf Astor, sie 1911 Lord Northcliffe abgekauft hatte. Anthony Sampson, der dem Blatt jahrzehntelang verbunden blieb, schilderte anlässlich des Todes von David Astor vor acht Jahren, wie die Sonntagszeitung Mitte der fünfziger Jahre „auf dem Gipfel ihres Einflusses als anspruchsvolles politisches und kulturelles Organ stand, von linker und von rechter Seite fast gleichermaßen respektiert“. Bei seinem ersten Besuch in der Redaktion war Sampson verblüfft über die Gelassenheit: „Sie wirkte eher wie eine Familienstiftung oder ein exzentrisches College als wie eine kommerzielle Zeitung.“ Der Jahresausflug der Mitarbeiter fand im Sommer in Cliveden statt, dem Anwesen der Astors an der Themse, wo John Profumo seine verhängnisvolle Begegnung mit Christine Keeler haben sollte.
David Astor konnte sich eine nonchalante Einstellung zur Auflage leisten, die, wie Sampson bemerkte, damals ohne sichtbare Mühe zu steigen schien. Durch ihre Kritik an der Suez-Politik Edens büßte die Zeitung jedoch konservative Leser ein. Unter Astors ungehobeltem Nachfolger Donald Trelford setzte eine Talfahrt ein. Aber es fand sich immer wieder ein Retter. Auch jetzt ist, im Sinne Mark Twains, zu hoffen, dass Berichte über den Tod stark übertrieben sind.
Was ist so schlimm daran, wenn sich etwas überlebt hat und verschwindet?
d. o. (rodeo)
- 04.08.2009, 02:07 Uhr