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Mittwoch, 15. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Titanic“ Die harte Arbeit im Bergwerk des Humors

01.09.2007 ·  Roland Koch als Schweinchen Babe und Helmut Kohl als Birne: nichts und niemand ist sicher vor den derben Späßen des Satiremagazins „Titanic“. Ein Besuch der Redaktion im Frankfurter Stadtteil Bockenheim.

Von David Klaubert
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„Bussi Beck“ will endlich nach ganz oben. Vor einem Spiegel übt der rosarote, pummelige Bär seine Rolle, träumt vom Auftritt im großen Theater. Als er endlich die Leiter des Erfolgs nach oben klettert, bläst er stolz seine knuddeligen Pausbäckchen auf. Und dann?

Mark-Stefan Tietze starrt durch seine eiförmigen Brillengläser auf den Flachbildschirm vor sich. Neben ihm sitzt Stephan Rürup und kratzt mit einem Bleistift hektisch über ein Blatt Papier, macht Skizzen. Die beiden brauchen noch einen Schluss-Gag für ihren neuen Comic „Bussi Beck: Die Rampensau“. Und bisher steht für die beiden nur eines fest: „Hauptsache, es sieht total doof aus.“

Die erste Gurke für Zonen-Gabi

Frankfurt-Bockenheim, zwischen Palmengarten und türkischem Generalkonsulat, in einem Mietshaus, Altbauwohnung mit ausgeblichenem Klingelschild: Hier versteckt sich also das Flaggschiff des deutschen Humors. Hier liegt die Redaktion von „Titanic“, Deutschlands endgültigem Satiremagazin. „Titanic“, das Magazin, das Kohl zur Birne machte, Björn Engholm zu Barschel in die Wanne legte, Zonen-Gabi die erste Gurke in die Hand drückte, Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass ...?“ betrog und mit Fresskorb und Kuckucksuhr die Fußball-WM nach Deutschland holte. Seit 28 Jahren teilt „Titanic“ aus, nichts und niemand ist sicher vor ihren derben Späßen. „Wir schießen zurück“, sagt Chefredakteur Thomas Gsella. „All diese Belästigungen, Raffgier, Dummheit und Lügen – alles, was die anderen in sich hineinfressen und runterschlucken – darauf antworten wir.“

Aus sicherer Deckung schießt die „Titanic“-Besatzung um sich. Die Redaktionsräume im Erdgeschoss des Mietshauses haben das Flair einer Studentenbude. Im Flur lehnen drei Fahrräder mit braunen Ledersätteln und Einkaufskörbchen. Die ursprüngliche Farbe des Teppichbodens lässt sich nur noch erraten, mittlerweile ist er jedenfalls dreckbraun-beige gescheckt. Auf dem Klo hängt ein Lindenstraßen-Poster, neben der Schüssel stapeln sich vergilbte Zeitschriften. Gegenüber steht die Tür zum Büro des Chefredakteurs immer offen. „Präsident“ prangt auf einem weißen Schild.

Auf dem Schreibtischstuhl im Chefbüro sitzt Thomas Gsella, der seit zwei Jahren die „Titanic“-Truppe anführt. Er ist Nachfolger von Martin Sonneborn, der vor allem durch seine realsatirischen Aktionen für allerlei Wirbel sorgte. Sonneborn gründete „Die Partei“ (wichtigste Forderung: Wiederaufbau der Mauer), nahm an der Bundestagswahl 2005 teil und versteigerte die der Partei in ARD und ZDF zustehende Wahlwerbezeit im Internet.

Angela Merkel mit „Arschgeweih“

Am Vorabend der Fifa-Entscheidung zur Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 schickte Sonneborn Bestechungsfaxe an einige Delegierte, bot ihnen Schwarzwälder Schinken, einen Bierkrug und eine Kuckucksuhr an. Der neuseeländische Abgeordnete Charles Dempsey fühlte sich unter Druck gesetzt und enthielt sich am nächsten Tag seiner Stimme, die er ursprünglich für Südafrika abgeben wollte – Deutschland siegte mit zwölf zu elf Stimmen, das Sommermärchen konnte beginnen, und Sonneborn kam in die Schlagzeilen.

Thomas Gsella ist ruhiger, literarischer. „Satire ist eine Kunstform“, sagt er. Wenn er über einem Text brütet oder sich Witze ausdenkt, legt sich eine senkrechte Falte zwischen seine Augenbrauen. Gsella trägt eine Brille mit schwarzem Rahmen, seine Stirn ist hoch, die kurzen Haare stehen licht. Hätte er sich nach dem Staatsexamen nicht für den Beruf des Satirikers entschieden – er würde einen prima Oberstudienrat abgeben. Rein optisch. An Gsellas breitem Holzschreibtisch hängt ein Warnschild: „Bulgarisches Generalkonsulat – Vorsicht Taschendiebe“. Von dem gewebten Teppich daneben grinst Gaddafi aus seiner Revolutionsuniform. „Braucht Demokratie nicht ein bisschen Humor?“, fragt Gsella. Erst klingt er ein bisschen staatstragend, dann verzieht er die Mundwinkel zu seinem verschmitzten Lächeln.

Hinter Gsella hängen die „Titanic“- Titel der vergangenen Jahre: Angela Merkel mit „Arschgeweih“, Roland Koch als Schweinchen Babe, Stoiber im Sex-Test und ein Schweinebraten mit Soße. Schweinebraten mit Soße? „Das war der am schlechtesten verkaufte Titel aller Zeiten“, sagt Gsella. „Der Witz war, dass es keinen Witz gab. Wir wollten avantgardistisch sein und waren begeistert. Unsere Leser waren überfordert.“ Am besten verkaufen sich Titel mit bekannten Persönlichkeiten. Die höchste Auflage im vergangenen Jahr erzielte Angela Merkel mit einem Natascha-Kampusch-Kopftuch. Daneben stand: „Kohls Mädchen packt aus: ,Ich musste Kanzler zu ihm sagen.‘“

„Pimmel-Witze und niveauvoller Satire“

In der Ecke neben Gsella sitzt der Praktikant hinter einer weißen Pressspanplatte, die auf zwei klapprigen Holzböcken liegt: Leo Fischer, 26, Nachwuchs-Satiriker. In Berlin hat er vergleichende Literaturwissenschaft studiert, jetzt schreibt er an seiner Doktorarbeit. Er trägt einen schwarzen Baumwoll-Pullover mit V-Ausschnitt und eine graue Stoffhose. Bei Schwiegermüttern käme er sicher gut an, wäre da nicht diese Ausdrucksweise: „,Titanic‘ hat mich schon immer fasziniert. Da stehen Pimmel-Witze neben niveauvoller Satire.“

Seit der fünften Klasse liest Fischer „Titanic“. Vor einem halben Jahr hat er seinen ersten Text eingeschickt, der auch prompt gedruckt wurde. Nun macht er ein Probepraktikum, um danach voraussichtlich als Redakteur anzufangen. „Wir bekommen sehr viele Texte und Zeichnungen geschickt“, sagt Gsella. „Aber der größte Teil ist unbrauchbar.“ Guter Nachwuchs ist selten im Witzegeschäft.

Arbeitsbeginn bei „Titanic“ ist morgens um elf, gegen zwölf Uhr trudeln die Letzten ein. „Dann fängt sie an, die harte Arbeit im Bergwerk des Humors“, sagt Gsella. Und zieht sein Lächeln. Elf Leute arbeiten in der Altbauwohnungsredaktion: der Chef, der Praktikant, drei Redakteure, zwei Layouter, ein Zeichner, ein Technikassistent, ein Webmaster und eine Sekretärin. Auf ihren Schreibtischen stapeln sich Zeitungen, Zeitschriften, Bücher.

Engholm als toter Uwe Barschel

Die Feuilletons von Taz bis F.A.Z., Nachrichtenmagazine, der „Metzgermeister – Fachzeitschrift für das Metzgerhandwerk“, und das Schmuddelheftchen „Supermöpse“: Überall findet sich Stoff für Satire. „Es ist nicht so, wie es sich viele Leser vorstellen, dass wir bekifft zur Arbeit kommen, Bier trinken und den ganzen Tag lachen“, sagt Gsella. Keine Drogen also? In der Redaktionsküche stehen acht Kisten Mineralwasser, zwei Kisten Licher Premium-Pilsner, eine angefangene Flasche Bordeaux. Der lettische Kräuterlikör und der polnische Wodka auf dem Kühlschrank sind noch fast voll.

Am frühen Nachmittag versammelt sich die Redaktion um einen kreisrunden Tisch. Konferenz. Für das nächste Heft muss noch ein Titel her. „Ich glaube, China ist gerade das Thema“, meint Layouterin Martina Werner. Die anderen blättern in „Bild am Sonntag“, Taz und der „Bunten“. „Wenn ich an China denke, fällt mir nur Hundefleisch ein.“ Erste Lacher. „Panik in China: Hunde immer teurer.“ Verhaltenes Grinsen, Stirnrunzeln und schweifende Blicke aus dem Fenster. „Sieht nicht der Steinmeier aus wie ein Chinese?“ Gsella denkt laut nach. „Oder wir machen irgendwas mit Mixa. Hat schon jemand den Witz vom Küchen-Mixa gemacht?“ „Nein, Gott sei Dank, nein.“ „Entführungen sind gerade in“, meldet sich der Praktikant zu Wort. „Ich würde gerne mal entführt werden.“ „Echt?“ „Nee.“ Einer verteilt Schoko-Bonbons. Dann wird die Titelfindung verschoben. Einen Witz kann man eben nicht erzwingen. Und Gsella: „Haben wir eigentlich eine Anzeige für die Heft-Rückseite?“ Die Layouter grinsen nur und wackeln müde mit den Köpfen.

Die „Titanic“, Druckauflage laut Impressum 99.760 Exemplare, finanziert sich fast ausschließlich über den Verkauf. „Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir keine Rücksicht auf Anzeigenkunden nehmen müssen – wir haben nämlich fast keine“, sagt Gsella. Und zieht sein Lächeln. Ums Geld kümmern sich die Satiriker nicht – das macht der Verlag im fernen Berlin. Die Redaktion macht, was sie will. Ohne Rücksicht. Im Sekretariat stehen die Leitz-Ordner „Prozesse I bis V“ und jeweils einer für die gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Markwort und Engholm. „Engholm hat uns mit Gerichtskosten rund 190.000 Mark gekostet“, sagt Gsella. „Da waren wir nahe an der Pleite.“ Die Witzemacher hatten Björn Engholms Kopf in das Foto des toten Uwe Barschel montiert, mit gelbem Quietsche-Entchen. Eingeplant sind die Gerichtsverfahren nicht, auch wenn sie für das Satiremagazin gute Werbung sind. „Man weiß nie, wie teuer es wird“, sagt Gsella.

Kurt Beck, der „Problembär“

Die Rechtsanwältin der „Titanic“ steht sogar im Impressum. Nicht alle beleidigten Satire-Opfer suchen Wiedergutmachung über ein Gerichtsverfahren. Manche sind direkter: „Meine Organisation mag Leute wie Sie. Ihr macht Satire, wir machen ernst. Wir sehen uns bald, wenn es abends dunkel wird“, steht auf einem Fax, das an der Wand hängt. „Das beste anonyme Fax, das ich je bekommen habe“, sagt Redakteur Stefan Gärtner und grinst. Im Kopf des Faxes stehen Name und Nummer des Absenders. „Die Beschwerde, die wir zuletzt mit Freude erhalten haben, kam im vergangenen Jahr von Kurt Beck“, erzählt Gsella. Beck erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen das Titelbild, von dem er breit grinste. Darunter stand: „Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!“ „Titanic“ darf das Bild nun nicht weiterverbreiten. Macht nichts – gute Witze macht man sowieso nur einmal. Schlechte auch.

Und was wird nun aus „Bussi Beck“? Redakteur Mark-Stefan Tietze dreht sich eine Zigarette. „,Bussi Becks‘ Abenteuer entstehen immer in dialektischer Abstimmung mit der Realität“, sagt der Lockenkopf. „Wir versuchen die Geschichte des Kurt Beck zu deuten und Prognosen aufzustellen“, sagt Stephan Rürup mit der belehrenden Stimme eines Märchenonkels. Seinen Bart am Kinn hat der Zeichner zu drei Zöpfchen verzwirbelt. Er sieht aus wie der Scheinriese Herr Tur Tur bei Jim Knopf. Nur, dass Rürup wirklich groß ist.

Er muss sich tief über den Schreibtisch beugen, um das Ende von „Bussi Becks“ Traum zu zeichnen: Das bärtige Bärchen klettert die Leiter des Erfolgs nach oben, immer weiter, Stufe um Stufe. Und endlich erreicht „Bussi Beck“ seinen Platz im großen Theater, weit über der Bühne. Er greift nach oben, zu den Sternen, und – verbrennt sich die Tatzen an einem Scheinwerfer. „Bussi Beck“ arbeitet als Beleuchter. Enttäuscht lässt der rosa Bär seine dicken Bäckchen hängen und verzieht das Gesicht. Total doof.

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