http://www.faz.net/-gqz-8o6cq

„Titanic“-Chef Tim Wolff : „Facebook ist komplett ironieunfähig“

Das inkriminierte Foto: Zu viel nackte Brust für Facebook. Bild: Tim Wolff

Satiriker Wolff verbüßt eine Facebook-Zwangspause, weil er „Bild“-Zeitungsseiten fotografiert hat. Das soziale Netzwerk kümmert es wenig, in welchem Kontext entblößte Körperteile stehen.

          Herr Wolff, was ist Ihnen da passiert? Sie wurden wegen ein paar Brüsten auf Facebook gesperrt?

          Ich habe gestern, wie vermutlich viele, bei der Schlagzeile der „Bild“-Zeitung, die da lautete „Die große Debatte um das Frauenbild von Flüchtlingen!“, gedacht: „Haha! Das müssen die ja gerade sagen!“ Ich habe dann ein paar Zeitungsseiten aus der letzten Woche zusammengelegt, auf denen diverse Nacktmodels, Paparazzi-Fotos und dergleichen zu sehen waren, und die Bild-Schlagzeile von gestern dazu. Das fotografiert, den Hashtag #frauenbilder drüber geschrieben und auf Facebook und Twitter verbreitet.

          Der Post wurde dann über fünftausend Mal geteilt.

          Genau. Und an den daraufhin ausbrechenden Diskussionen sah man schon, dass bei Sexismus und Rassismus jeder eine Meinung hat, vor allem Männer, die sie dann auch entsprechend laut mitteilen müssen. Da dachte ich mir schon, wenn jetzt Facebook mit seiner amerikanischen Prüderie noch ankommt, und mich sperrt oder das Bild löscht, dann ist der Quatsch perfekt.

          Und die haben Ihnen den Gefallen prompt getan.

          Ja. Sehr nett.

          Was wurde Ihnen denn genau mitgeteilt?

          Ich bin heute morgen aufgewacht, war ausgeloggt, wollte mich wieder einloggen und da hieß es, dass ich mit diesem Foto gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßen habe und dass ich für 24 Stunden nicht mehr posten könne, keine Nachrichten mehr beantworten dürfe und dergleichen. Es stand nicht dabei, ob das Bild gelöscht wird, da bin ich gespannt, das dauert ja manchmal auch etwas länger.

          „Titanic“-Chefredakteur Tim Wolff

          Ist das Ihr erster Nackt-Content, oder ist das bei der Titanic schon einmal passiert?

          Uns wurden schon mehrfach Postings gelöscht, vor allem Brüste. Oder ein Titel: „Mit nackter Gewalt – Merkel zerstört Islamischen Staat“, auf dem man die nackte Kanzlerin sieht. Auch ein Fall, in dem wir Facebook erwähnt haben, und zwar auf einem kleinen Bildchen, auf dem steht: „Dummes Gewäsch wirkt sehr viel bedeutsamer, wenn man es als kleines Bildchen auf Facebook postet“. Das hat Facebook interessanterweise auch mehrfach gelöscht, wahrscheinlich, weil Facebook erwähnt wurde.

          Anscheinend hat Facebook grundsätzlich ein Problem mit Satire, weil es die Ironie nicht erfasst.

          Facebook ist komplett ironieunfähig, während sehr hetzerische Inhalte ganz gut funktionieren. Da muss man auch nicht länger drüber nachdenken. Offenbar darf man nicht mehrdeutig sein, Eindeutigkeit wird verlangt. Selbst wenn die Eindeutigkeit dann sexistisch oder rassistisch ist, bleibt sie stehen. Wenn sie, wie in meinem Fall, eher ein Infragestellen als ein Feststellen ist, dann ist man irgendwann dran.

          Was machen Sie denn jetzt einen ganzen Tag ohne Facebook?

          Ach, ich twitter ein bisschen, ich schreibe Pressemitteilungen, ich schreib die Titanic voll. Ich habe ja noch genügend Möglichkeiten, mich zu äußern. Und ich lehne mich jetzt zurück, trinke in Ruhe einen Kaffee und freue mich, dass ich es einmal im Leben so leicht hatte, dass alle Beteiligten sich so verhalten haben wie man es erwartet. Das hätte man als Satiriker gerne häufiger.

          Weitere Themen

          Kleine Dinge - ganz groß rausgebracht Video-Seite öffnen

          Miniatur-Kunst : Kleine Dinge - ganz groß rausgebracht

          Größenverhältnisse auf den Kopf stellen, das ist die Spezialität von Fotograf Vincent Bousserez. Er fotografiert Kinderspielzeug und Miniaturen in realen Welten so, dass sich alles zu einem perfekten Bild fügt.

          Topmeldungen

          Kommunikationschef : Trumps neuer Mann im Weißen Haus

          Bill Shine ist Donald Trumps neuer Kommunikationschef. Der ehemalige Vize-Präsident von Fox News wird in Gerichtsverfahren beschuldigt, im Sender eine frauenfeindliche Kultur gefördert zu haben.

          Salvini verklagt Saviano : Minister der Unterwelt

          Der italienische Innenminister Matteo Salvini von der Lega verklagt den Mafia-Rechercheur Roberto Saviano. Seine Klage kündigt er per Twitter an, als sei das alles sehr spaßig. Dabei ist es todernst. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.