Home
http://www.faz.net/-gsb-77gkp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Til Schweigers „Tatort“-Debüt Vom Frühstücksei in den Kugelhagel

 ·  Jede Menge Action, forsche Dialoge, viel Zeitgeist-Pädagogik und schon wieder Zwangsprostitution: Das „Tatort“-Debüt des Kinostars Til Schweiger ist passabel. Als Co-Ermittler zeigt Fahri Yardim eine klasse Partie.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (69)
© NDR Vergrößern So kehrt er heim und soll auch gleich das Frühstück machen: Hoodie-Kommissar Nick Tschiller (Til Schweiger), verschrammt und verpflastert nach dem Kampf gegen die Kurden-Mafia.

Haben fünfzehnjährige Töchter Anspruch darauf, jeden Morgen ein weichgekochtes Frühstücksei vorgesetzt zu bekommen? „Willkommen in Hamburg“, der erste „Tatort“ mit Til Schweiger in der Rolle des Kommissars Nick Tschiller, macht viel Wesen um diese Frage - und bejaht sie eindeutig.

Egal, wie spät in der Nacht dieser so gradlinige wie erbarmungslose Ermittler nach Hause kommt, egal, wie verschrammt, verbeult und verpflastert er nach seinen Kämpfen mit der hanseatischen Kurden-Mafia auch aussieht: Töchterchen Lenny, gespielt von Schweigers Tochter Luna, will bedient sein und dabei am besten noch ein paar flapsige Sprüche über Vaters Unbeholfenheit loswerden.

Aber wenn sie, vor Liebeskummer schluchzend, an dessen tröstender Schulter davon erzählt, mit welcher Begründung ihr in Frankfurt am Main lebender Freund Schluss gemacht hat, hilft nur die aktuell geläufige Sprachschlamperei: „Unsere Beziehung macht keinen Sinn“, hat er ihr übermittelt - naturgemäß per Skype.

Ebenso naturgemäß hat Tschiller keinerlei Problem mit dem anglisierenden Jargon seines Kindes, ist aber, des immer wieder missratenen Frühstückseis wegen, voller Selbstzweifel über seine eigene Befähigung zum (beinahe) alleinerziehenden Vater. So viel zur Zeitgeist-Pädagogik dieses „Tatorts“.

Der lässt es ansonsten krachen und knallen, was das Zeug hält. Gleich zu Beginn beschert dieses Action-Spektakel dem Profiboxer Arthur Abraham, WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht, einen kurzen Gastauftritt, bei dem er Schweigers Tschiller schlagtechnisch nur knapp Paroli bieten kann, ihm aber überlebensstrategisch klar unterlegen ist - wie zwei andere Gorillas des den Kiez terrorisierenden Clans der Familie Astan wird er in der Eingangsszene erschossen.

„Dreifacher letaler Schusswaffengebrauch“ heißt im Polizei- und Justizdeutsch, was für Tschiller „Notwehr“ war und dem Regisseur Christian Alvart einen Einstieg im Kugelhagel ermöglicht.

Er kündigt den „Kiezfrieden“ auf

Dieser Einstieg birgt schon fast alle Stärken und Schwächen der ersten Schweiger-Folge. Stark sind das rasante Tempo, die unsentimentalen Figurenprofile, die klare Handlungsfolge - und vor allem der Verzicht auf eine das Verbrechen relativierende Täterpsychologie: Die Astans sind schlicht Profi-Kriminelle, wollen Geld, Macht und dabei ihre Ruhe vor der Polizei.

Just diesen bisher praktizierten „Kiezfrieden“ kündigt der Neue, kündigt Nick Tschiller auf - das Drehbuch von Christian Darnstädt überzeugt immer dann, wenn es die daraus resultierenden Kriegsfolgen im Hamburger Milieu einfach konsequenzlogisch entwickelt und aneinanderreiht.

Dass wir es nach Dominik Grafs Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) und dem erst im vergangenen Dezember ausgestrahlten Furtwängler-“Tatort“ über die „Wegwerfmädchen“ thematisch aufs Neue mit der Zwangsprostitution osteuropäischer Mädchen zu tun haben, ist etwas wohlfeil und mittlerweile nicht mehr ganz über den Verdacht erhaben, unsere moralische Abscheu mit voyeuristischen Mitteln zu erkaufen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Der „Tatort: Willkommen in Hamburg“ läuft am Sonntag, 10. März, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (20) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
„Tatort“-Kommissar Reto Flückiger Bis zum nächsten Fehler

Der „Tatort“ hadert oft damit, zu jung sein zu wollen. Im Schweizer „Tatort“ aus Luzern hingegen hadert der Kommissar damit, nicht mehr jung zu sein. Reto Flückiger ist bei all den Originalitätswettbewerben im „Tatort“ von heute ziemlich originell. Mehr

20.04.2014, 16:55 Uhr | Feuilleton
Frankfurt Sexarbeiterinnen: Neue Gesetze für Prostitution

Der Prostituierten-Verein Doña Carmen in Frankfurt fordert, Sexarbeit mit anderen Berufen gleichzustellen. Der Bundesregierung wirft Doña Carmen vor, die falschen Ziele zu verfolgen. Mehr

10.04.2014, 13:17 Uhr | Rhein-Main
Maßnahmen gegen Zwangsprostitution Union will Mindestalter für Prostituierte von 21 Jahren

CDU und CSU haben ein Eckpunktepapier für den Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution vorgelegt. Darin: höhere Strafen, eine Genehmigungspflicht für Prostitutionsstätten und mehr Kontrollen. Mehr

08.04.2014, 15:04 Uhr | Politik

11.03.2013, 11:46 Uhr

Weitersagen
 

Unsere Geschichten, nur anders erzählt

Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 3 3