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Thüringer Allgemeine „Sippenhaft wie in der Stalin-Zeit“

26.11.2009 ·  Die WAZ-Gruppe setzt den Chefredakteur der „Thüringer Allgemeine“, Sergej Lochthofen, ab. Auch dessen Frau muss die Zeitung verlassen, weshalb Lochthofen von „Sippenhaft“ spricht. Nachfolger Lochthofens ist Paul-Josef Raue.

Von Michael Hanfeld
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Die WAZ-Gruppe hat den Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“, Sergej Lochthofen, abgesetzt und den bisherigen Chefredakteur der „Braunschweiger Zeitung“, Paul-Josef Raue, auf dessen Posten beordert. Lochthofen, teilte die WAZ mit, solle eine andere Aufgabe übernehmen, „die seinen Kenntnissen und Fähigkeiten entspricht“.

Was seinen „Kenntnissen und Fähigkeiten“ entspricht, das weiß Sergej Lochthofen, wie er FAZ.NET im Gespräch sagte, ganz genau: Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ zu sein. Der ehemaligen SED-Bezirkszeitung, die früher „Das Volk“ hieß, die sich als erstes Blatt in den neuen Ländern für unabhängig erklärte und 1990 den von Lochthofen vorgeschlagenen Namen „Thüringer Allgemeine“ erhielt, um im Titel schon das Streben nach Objektivität auszudrücken und die er seither als ursprünglich von der Redaktion gewählter Chefredakteur führte.

Erinnerung an DDR-Zeiten

Gründe für seine Abberufung seien ihm nicht vorgetragen worden, sagte Lochthofen. Mehr noch als seine eigene erschüttert ihn die Kündigung seiner Ehefrau Antje-Maria Lochthofen, die eine halbe Stunde nach ihm zur Geschäftsführung gebeten worden sei, um zu erfahren, dass sie als stellvertretende Chefredakteurin abgelöst wird. „Ich hätte nicht gedacht, dass diese Art Sippenhaft wie in der Stalin-Zeit in unserem Land möglich ist. Das geht nicht“, sagte Lochthofen im Gespräch mit FAZ.NET. Er sei im russischen Lager Workuta, in dem sein Vater interniert war, geboren worden. Das Vorgehen erinnere ihn an die Zeiten der DDR. Er werde nicht zu Kreuze kriechen, es sei nicht zu akzeptieren, dass seine Frau mit einer Art Berufsverbot belegt werde.

Klaus Schrotthofer, Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Thüringen, die zum WAZ-Konzern gehört, sagte im Gespräch mit FAZ.NET: „Ich bedauere diese Reaktion außerordentlich. Die Vorwürfe sind sachlich falsch, aber ich will sie nicht kommentieren, weil ich davon ausgehe, dass sie einer emotional sehr schwierigen Situation entspringen.“ Den Mitarbeitern hatte Schrotthofer mitgeteilt, dass die Geschäftsführung Lochthofens große Leistung, die er in den vergangenen zwei Jahrzehnten erbracht habe, schätze und respektiere und seine Kompetenz der WAZ-Gruppe erhalten wolle. Gleichwohl erscheine ein Wechsel in der Chefredaktion sinnvoll und notwendig, um den „Weg der Erneuerung unserer Strukturen und unserer Produkte fortsetzen zu können“.

Als Wink mit dem Zaunpfahl darf man wohl einen weiteren Satz Schrotthofers verstehen: „Wir brauchen im Verlag und in den Redaktionen aber auch offene Kommunikation, die Kreativität fördert und frischen Ideen Raum gibt. Wir brauchen Kollegialität und Respekt über die Titelgrenzen hinweg, um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu ermöglichen, wo sie nötig und für alle hilfreich ist. Wir brauchen einen engen Austausch und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Redaktionen und Verlag.“

Online-Portale arbeiten titelübergreifend

Hintergrund der Entscheidung dürften auch Überlegungen der Zeitungsgruppe sein, mit den drei in der Region zur WAZ zählenden Blättern stärker zusammenzuarbeiten, der „Thüringer Allgemeinen“, der „Ostthüringer Zeitung“ und der „Thüringischen Landeszeitung“. So sollen die Online-Portale titelübergreifend gestaltet werden, bei der „Ostthüringer Zeitung“ wurde ein „Regional-Newsdesk“ eingerichtet.

Der 56 Jahre alte Sergej Lochthofen war einer der dienstältesten Chefredakteure der deutschen Presselandschaft, er besitzt als Publizist eine Strahlkraft weit über Thüringen hinaus, häufig war er im „Presseclub“ der ARD zu Gast. Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow, kritisierte die Abberufung: „Hier wird mit der Pressefreiheit sorglos Schlitten gefahren. Offenbar ist das erklärte Ziel, die Thüringer Presselandschaft willfährig zu machen.“

Die Nachfolge des neuen Thüringer Chefredakteurs Raue in Braunschweig übernimmt kommissarisch der stellvertretende Chefredakteur Stefan Kläsener.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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