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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Thomas Gottschalk im F.A.Z.-Gespräch „Um mich herum ist es etwas düster geworden“

29.03.2011 ·  Am Freitag bekommt Thomas Gottschalk den Grimme-Preis für sein Lebenswerk. Besteht dieses eigentlich nur aus „Wetten, dass ..?“ Und was folgt nun, da der Entertainer die ZDF-Show abgibt? Ein Gespräch über die Zukunft der Unterhaltung.

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Sie haben im Februar verkündet, mit „Wetten, dass ..?“ aufzuhören. Der Anlass war der Unfall des jungen Wettkandidaten Samuel Koch. Doch nach 25 Jahren könnte man ohnehin sagen: Die Strecke ist lang genug.

Durch den bedauerlichen Unfall hat sich für mich eine Tür geöffnet, durch die ich früher oder später sowieso hätte gehen müssen. Ich hätte sonst noch etwas weitergewurstelt, aber zu der Stärke, mit der ich mal angefangen habe, hätten wir natürlich nie mehr zurückgefunden. Ich verabschiede mich ja vorerst nicht vom Unterhaltungsfernsehen, sondern nur von „Wetten, dass ..?“

Die Frage ist, wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter?

Ich werde hier kein Format in Frage stellen, das mich ein Vierteljahrhundert getragen hat und das bis heute im Gesamtpublikum ungeschlagen ist. Im direkten Vergleich lag „Wetten, dass ..?“ immer vor jeder Konkurrenz, obwohl sich in den dreißig Jahren, die es uns gibt, nicht viel geändert hat. In der ersten Sendung hat ein Kandidat bei Frank Elstner einen Lastwagen auf vier Schnapsgläser gestellt und bei mir beim letzten Mal einer vier Bowlingkugeln auf einen Kegel. Eine große Entwicklung zeigt sich da nicht.

Aber hat das Zukunft? Jemand kommt auf die Bühne, zeigt einen Trick, wir wetten, ob es funktioniert und – fertig?

Warum nicht? Wenn der Rest der Show auch noch unterhaltsam ist. Natürlich ist das Umfeld viel schwieriger geworden, aber die Zutaten stimmen. Promis treffen auf normale Menschen, die etwas völlig Unnormales veranstalten. Ich rechne irgendwann mit einer Gegenreaktion auf diesen inszenierten Hype, der als „Reality“ verkauft wird, werde diese allerdings nicht mehr im Amt erleben. Nach der Fastfoodwelle kam auch wieder die Gesundheitskost in Mode. Auf dem Zeitschriftensektor war es genauso: „Vanity Fair“ ist tot, es lebe die „Landlust“.

Im vergangenen Jahr haben Sie Ihren sechzigsten Geburtstag gefeiert. Oder auch nicht, jedenfalls nicht mit großem Defilee. Fühlen Sie sich nicht langsam wie der Großvater Abraham des deutschen Unterhaltungsfernsehens?

In der Tat ist mir die Begeisterung, die ich bei Halbwüchsigen immer noch auslöse, langsam etwas unheimlich. Ich wurde gerade in einer Autobahnraststätte von einer Schulklasse überrannt. Mich kannten die alle, den John Lennon auf meinem Pullover kannte kein einziger. Ich genieße zwar die Verehrung dieser Zielgruppe, aber kann nicht für alle Zukunft darauf bauen, deshalb wende ich mich langsam einem Publikum zu, das noch alle vier Beatles aufzählen kann. Die vier Evangelisten schafft ja eh keiner mehr.

Die Beatles sind heute für viele schon so weit weg wie Beethoven. Klingt nostalgisch: Der Familienunterhalter sucht ein reiferes Publikum.

Reife ist vielleicht der falsche Begriff. Meine Generation ist alt geworden, ohne erwachsen werden zu müssen. Zumindest in meiner Gauklerzunft. Schauen Sie sich Cher an oder Steven Tyler von „Aerosmith“: Sie singt immer noch „Gypsies, Tramps and Thieves“, tritt immer noch im gleichen Fummel auf wie vor dreißig Jahren, und er sitzt bei „American Idol“ mit Lederklamotten und Federn in den Haaren in der Jury. Ich war gerade von der Witwe von Roy Orbison zu ihrem sechzigsten Geburtstag eingeladen. Da saßen Jeff Lynne vom „Electric Light Orchestra“, Eric Idle von den „Monty Python“ und Ringo Starr mit am Tisch. Den Abend hätte man live senden können. Das war ein Kindergeburtstag mit Erwachsenen, die allerdings fast alle selbst Kinder großgezogen haben. Da gab es alberne Tischgesänge und ernsthafte Diskussionen. Und natürlich grandiose Stories. So stelle ich mir übrigens Unterhaltungsfernsehen vor. Es muss doch irgendwas geben, das vom Anspruch her zwischen der F.A.Z. und „Bauer sucht Frau“ liegt.

Wann haben Sie eigentlich entschieden, dass Unterhaltung Ihre Sache ist?

Für mich war meine Radiozeit erst mal ein Ausflug, den ich mir, sehr zum Missfallen meiner Mutter, gönnen wollte, bevor ich mich dem Ernst des Lebens zu stellen hatte. In irgendeinen Fragebogen nach dem Abitur habe ich als Berufswunsch „London-Korrespondent der SZ“ geschrieben. So weit hab ich es dann allerdings nicht gebracht, weil mich die Unterhaltung nie mehr losgelassen hat. Ich war im Bayerischen Rundfunk zuerst einer von vielen, die sich mal als DJ betätigen durften und dann wieder Verkehrsmeldungen oder Nachrichten lesen mussten. Ich habe mich bei all diesen Tätigkeiten wiederholt danebenbenommen und bin mehrfach vom damaligen Programmdirektor Udo Reiter deswegen zusammengefaltet worden. Aber er hat mir hinterher jedes Mal gesagt, dass ich mich zusammenreißen soll, weil er mich unbedingt behalten wollte. Wenn der nicht seine Hand über mich gehalten hätte, wäre ich in der öffentlich-rechtlichen Wüste früh verhungert.

Sie haben Radio nach dem Motto gemacht: Das Programm bin ich.

Das war wiederum mein großes Glück. Ich habe den Umbruch im Radio nicht nur miterlebt, ich habe ihn auch mit angeschoben. Damals hat sich die Nation noch geschlossen zur „Tagesschau“ vor dem Fernseher versammelt, und dann kam „Der Kommissar“ oder Friedrich Nowottny. Ich habe mir eine tägliche Radioshow um zwanzig Uhr geangelt, und keiner hat mich beaufsichtigt, weil meine Vorgesetzten auch ferngesehen haben. Es hat nicht lange gedauert, bis mich alle Jugendlichen von Leipzig bis kurz vor Stuttgart gekannt haben. Ich war konkurrenzlos und konnte machen, was ich wollte. Einmal habe ich die Fronleichnamsprozession umgeleitet, und der Intendant hat eine Beschwerde vom Kardinal bekommen. Heute ist der eine tot und der andere Papst. Musikalisch bin ich zwischen Punk und Country, Hardrock und Pop hin und her geeiert. Ich habe das damals mit meinen Wortgirlanden genauso zusammengeklebt wie heute den Justin Bieber mit Udo Jürgens.

Bei „Wetten, dass ..?“ ging es dann weniger ums freie Improvisieren, sondern um einen abendfüllenden Marathon.

Ich brauchte über viele Jahre für eine Sendung nur irgendwelche Spinner, die was Verrücktes konnten, und ein paar Prominente, die darauf gewettet haben. Das reichte für vierzehn Millionen Zuschauer. Bei Michael Jackson waren es achtzehn und bei Gorbatschow und Schwarzenegger sechzehn Millionen. Die anderen Sender haben die weiße Fahne geschwenkt, wenn „Wetten, dass..?“ im Programm war. Weil ich mich damals nicht anstrengen musste, bin ich heute so ausgeruht. Irgendwann hat RTL mit seinen Castingshows angefangen, mir das Leben schwerzumachen. Dagegen ist nichts zu sagen. Was mich nervt, ist die Tatsache, dass es inzwischen Zuschauer gibt, die mehr wert sind als andere. Ein bescheuerter Dreiundzwanzigjähriger ist „werberelevant“, auch wenn er nichts begreift, längst eingepennt ist oder nebenbei twittert. Ein Akademiker über fünfzig, der mit einem elfjährigen Sohn zuschaut, wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Der würde aber vielleicht merken, dass das gerade entdeckte „Supertalent“ in Wirklichkeit ein Profi ist, der mit seiner Nummer schon seit Jahren durch die Lande tingelt. Natürlich kann man sagen: Hauptsache unterhaltsam. Ist doch wurscht, ob der Bauer nun wirklich eine Frau sucht oder der Star im Dschungel bleibt oder rausgeholt werden möchte. Ich rege mich da auch nicht mehr auf. Nach drei Wochen ist mein Wettkönig genauso vergessen wie der Dschungelkönig. Und man kann auch darüber streiten, was sinnvoller ist: Städte auf Satellitenbildern zu erkennen oder Kakerlaken zu fressen.

Irgendwann sind Sie im Verlauf Ihrer Karriere in Amerika gelandet. Sind sie vor Ihrer Popularität geflüchtet?

Wer Selbstbewusstsein und gute Laune für seinen Job braucht, wird hierzulande von den Medien damit nicht verwöhnt. Da sind doch einige notorische Miesmacher am Werke. Die Leichtigkeit in Ausführung und Bewertung von Showbusiness dort hat meiner Seele gutgetan. Und nicht nur im Entertainmentbereich sind die Amerikaner mit ihren Helden wesentlich nachsichtiger. Guttenberg wäre in den Vereinigten Staaten noch voll auf Präsidentenkurs. Seine Doktorarbeit wäre denen sonstwo vorbeigegangen. Mit der falschen Frau hätte er sich allerdings nicht erwischen lassen dürfen.

Mit Ihrer eigenen haben Sie sich mittlerweile einen Zweitwohnsitz am Rhein zugelegt. Wären Ihnen die Deutschen sonst fremd geworden?

Mir sind Menschen nirgendwo fremd. Und meine Frau hat mittlerweile bei mir einen weltweiten Moderationszwang ausgemacht, der sich automatisch einschaltet, wenn ich übellaunigen Menschen begegne. Dann ist es mein persönlicher Ehrgeiz, die irgendwie aus ihrer tristen Stimmung rauszuholen. Sprachlich komme ich da natürlich mit den Deutschen am besten klar. Und der Prozentsatz der Verkniffenen bei uns kommt mir beruflich auch sehr entgegen. Ich weiß, dass ich als Unterhalter das Elend der Welt nicht wegmoderieren kann. Aber ich versuche mein Publikum wenigstens so weit zu lockern, dass es den Schrecken des Alltags wieder etwas entspannter ins Auge blicken kann.

Für Ihr „Lebenswerk“ bekommen Sie jetzt den Grimme-Preis. Bedeutet Ihnen eine solche Auszeichnungen noch etwas?

Nun ist der Grimme-Preis eine Art akademische Anerkennung, über die sich erst mal alle die Kritiker ärgern, die mir immer wieder unterstellt haben, ich sei schwachsinnig. Schon deswegen freue ich mich. Allerdings habe ich mir den Preis ja eher ersessen als verdient. Durch besondere Einzelleistungen bin ich den Grimme-Leuten offensichtlich nicht aufgefallen. Ich befürchte ein bisschen, dass ich nur deswegen inzwischen leuchte, weil es in meinem Gewerbe um mich herum doch eher etwas düster geworden ist.

Thomas Gottschalk und „Wetten, dass ..?“

Thomas Gottschalk, geboren am 18. Mai 1950 in Bamberg, ist eigentlich gelernter Lehrer. Er hat die Lehramtsprüfungen für Deutsch und Geschichte an Grund- und Hauptschulen abgelegt. Doch schon während seines Studiums arbeitete er für den Jugendfunk des Bayerischen Rundfunks. Von Mitte der siebziger Jahre an bis in die Achtziger machte er sich als Radiomoderator einen Namen, angefangen mit der Sendung „Pop nach acht“, er trat im dritten Fernsehprogramm des BR auf, ging für kurze Zeit als Sprecher zu Radio Luxemburg.

1982 übernahm Gottschalk beim ZDF die Sendung „Na sowas“. Gemeinsam mit Mike Krüger drehte er drei Komödien fürs Kino („Die Supernasen“). Im September 1987 begann Gottschalks Ära bei „Wetten, dass ..?“, er moderierte die Show bis zum Mai 1992. Dann übernahm Wolfgang Lippert die Moderation, behielt sie aber nicht lange. Im Januar 1994 kehrte Gottschalk zurück, unbeschadet seines Engagements bei RTL, wo er bis zum April 1994 die „Late Night Show“ machte, wechselnde Engagements hatte Gottschalk auch bei Sat.1. Bei Tele 5 präsentiert er seit 2007 die Kolumne „Ich liebe Kino“. Seinen Auftritt in Helmut Dietls Kinosatire „Late Show“ (1999) als Radiomoderator Hannes Engel, der sich in die Gefilde abgründiger Fernsehenunterhaltung verirrt, durfte man auch seinerseits als Kommentierung des eigenen Gewerbes verstehen. Überstrahlt wurde all dies aber von „Wetten, dass ..?“, mit dem Gottschalk in besten Zeiten stets Zuschauer in zweistelliger Millionenzahl anlockte. Am 4. Dezember 2010 jedoch verletzte sich der junge Wettkandidat Samuel Koch beim Versuch, über vier fahrende Autos zu springen, schwer. Er ist seither gelähmt. Am 12. Februar dieses Jahres verkündete Thomas Gottschalk seinen Rücktritt von „Wetten, dass ..?“, er verabschiedet sich am 18. Juni mit der Sommerausgabe der Show auf Mallorca. (miha.)

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

Quelle: F.A.Z.
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