Wie haben sich die Kandidaten geschlagen?
Im ganzen Wahlkampf geht es nur um eins: Romney sagt, Obama wisse nicht, wie man eine Volkswirtschaft managt. Und Obama antwortet, Romney sei ein Werkzeug der Reichen. Mehrere Gelegenheiten, Romney dieses Etikett ein für alle Mal anzukleben, ließ er aus.
War dieses Treffen im Format der sogenannten „Bürgerversammlung“ eine demokratische Lehrstunde?
Für einen großen Teil der Themen, die hinterher im Fernsehen kommentiert werden, interessiert sich niemand. Die beiden gingen fast aufeinander los, als sie sich über die Statistik der Ölbohrungen stritten - aber wen kümmert’s? Immer wenn sie sich im Unterholz der konkreten politischen Maßnahmen verlaufen, hört niemand hin.
Was ist dann an einer solchen Debatte interessant?
Obama sah immer gut aus, wenn er herausarbeiten konnte, wie Romney seine Persönlichkeit ausgewechselt hat, seit er Gouverneur von Massachusetts war. Er war als Gouverneur sehr moderat. Was für einen Liberalen wie mich wirklich faszinierend ist: Das eine Thema, bei dem Romney behaupten kann, er sei liberaler als Obama, ist die Einschränkung des Schusswaffenbesitzes. Er tat alles, um sich diesem Thema zu entziehen, aber Obama ließ ihn nicht davonkommen.
Trat hervor, was die Gegner trennt?
Beide Kandidaten wetteiferten darin, sich als Freunde des Unternehmertums darzustellen. Ich staune darüber, dass Obama es einfach nicht über sich bringt, die Sprache der Gewerkschaften in den Mund zu nehmen. Es gab eine unglaubliche verpasste Gelegenheit, als eine Frau von Romney wissen wollte, wie er sich von George W. Bush unterscheide. Romney zog sich feige aus der Affäre - und in diesem Moment hätte Obama den Ball aus dem Stadion schlagen sollen: Bush hat uns diese beiden Kriege eingebrockt und ließ dann den Zusammenbruch der Wall Street geschehen, mit dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft als Folge. Aber Obama? Macht die Finanzbranche nicht zum Thema. Das kann ich nicht verstehen.
Wirklich nicht?
Na ja, ich weiß schon, warum er sich zurückhält. Die Wall Street ist eine Hauptquelle seiner Wahlkampffinanzierung. Romney hat seine gesamte Karriere in dieser Branche absolviert, im meistgehassten Wirtschaftszweig Amerikas. Und Obama lässt Romney mit dem Vorschlag davonkommen, dass Amerika nichts weiter braucht als eine feindliche Übernahme der Regierung durch einen Mann der Wall Street.
Wie wirkten Auftreten und Körpersprache der Rivalen auf Sie?
Vor langer Zeit habe ich Obama einmal getroffen, als er noch ein Senator im Staat Illinois war, aber er war damals ein anderer Mensch. Mein Eindruck von ihm: Er verträgt es nicht, kritisiert zu werden. Mehrmals brachte ihn Romney in Verlegenheit, und er wirkte dann aggressiv. Ganz anders Romney: Er war das große Tier, der mächtige Vorstandsvorsitzende, aber er hat diese Art perfektioniert, mit einem Lächeln im Gesicht zuzuschauen. Das genaue Gegenteil von Joe Biden, der dauernd unterbricht und Witze macht. Romney saß einfach da.
Ein Roboter?
Romney ist kein Dummkopf. Von Republikanern erwartet man, dass sie mit Obama intellektuell nicht mithalten können, man denke nur an George W. Bush. Aber Romney ist Obama mindestens ebenbürtig. Mehrfach ist Obama in seine Fallen getappt. Wir kennen ihn als wunderbaren Redner, aber es schien ihm zeitweise die Sprache verschlagen zu haben. Bei der Frage nach der Bezahlung von Frauen am Arbeitsplatz musste er das Gespräch auf den republikanischen Krieg gegen die Frauen bringen. Aber er hat den Ball erst im zweiten Versuch getroffen.
Erwartet das Publikum, dass die Kandidaten erst aus ihrem Leben erzählen oder aus ihrer Standardrede zitieren, bevor sie eine Frage beantworten?
Einen Trick haben sie alle drauf. Man lernt ihn schon in der Schule, auch ich gehörte als Schüler einem Debattierclub an: Wenn man eine Frage nicht beantworten kann, steuert man unverzüglich ein Thema an, zu dem man etwas zu sagen hat. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft Mitt Romney die Rede auf seinen Fünf-Punkte-Plan gebracht hat! Die Frage nach der Verantwortung für die Sicherheit der Botschaft in Libyen war gefährlich. Obama schlich um sie herum. Dann beging Romney den fatalen Fehler, ihn in einem anderen faktischen Punkt herauszufordern. Obama fingierte Empörung. Und Romney sah ziemlich töricht aus, als die Moderatorin ihm sagte, nein, er habe unrecht. Niemand wird sich daran erinnern, dass Obama der Frage ausgewichen war. Man wird sich nur an den Moment von Romneys Demütigung erinnern.
Glaubt Romney wirklich, dass ihm geglaubt wird, wenn er in jedem zweiten Satz „Ich weiß, wie’s gemacht wird“ sagt?
Das ist es, worum sein gesamter Wahlkampf sich dreht: Er ist der Unternehmer als Held. Wir hatten diesen Typus schon einmal, bevor er mit der Großen Depression außer Mode kam. Der letzte heroische Unternehmer war Herbert Hoover. Er hatte auf allen möglichen Feldern Geld gemacht, im Bergbau und anderswo, und daher wollte er der Mann sein, der die Wirtschaft steuern konnte. Es endete im totalen Desaster. Jeder Kandidat ist für die Wirtschaft, aber keiner hat behauptet, dass ihn seine Geschäftserfahrung für die Staatsgeschäfte prädestiniert. Reagan ganz bestimmt nicht.
Müsste es Obama da nicht leichtfallen, Romney als Eindringling abzutun?
An der Selbststilisierung Romneys hat Obama keinen Kratzer anbringen können. Effektvoll wirkte zunächst der Vorwurf, dass Romney Arbeitsplätze nach China verlagert habe. Aber dann revanchierte sich Romney mit der Behauptung, Geld aus Obamas Altersversorgung werde ebenfalls in China angelegt. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt, aber es wirkte. Wenn Obama ihn wirklich herausfordern wollte, müsste er nur die Akten von Bain Capital heranziehen. Obama will aber auf keinen Fall als Gegner des Unternehmertums wirken. Er glaubt, dass er ohnehin gewinnen wird. Das ist das Problem seiner gesamten Präsidentschaft: Kritik an der Finanzindustrie ist tabu. Obwohl seine Präsidentschaft auf dem Spiel steht und Kritik an der Wall Street ihm höchstwahrscheinlich die Wiederwahl sichern würde. Übrigens, waren Sie nicht überrascht, wie oft beide Deutschland als gefährlichen Konkurrenten erwähnten? Sonst war von Deutschland immer nur als dem Verbündeten die Rede, der den Sowjets standgehalten hat.
Vor der ersten Debatte las man überall, Debatten hätten noch nie etwas verändert. Dann kam die Wende zugunsten Romneys.
Ein Beispiel für die Betriebsblindheit der Berufskommentatoren. Journalisten haben einen sehr engen Bezugsrahmen. Sie erinnern sich nur an die Wahlkämpfe der eigenen Lebenszeit und glauben, dass sich sowieso nichts ändert. 1984 ist Mondale in der ersten Debatte nach Belieben mit Reagan umgesprungen. Reagan war so schlecht, dass die Leute sich fragten, ob er Alzheimer habe. In der zweiten Debatte drehte Reagan alles wieder um. Es gibt einfach nicht genug Beispiele. Wir haben die Debatten noch nicht lang genug. Die erste Debatte, zwischen Kennedy und Nixon, hat die Lage verändert. Danach gab es eine Pause bis in die siebziger Jahre. Die Debatte zwischen Dukakis und Bush 1988 veränderte die Lage. Was mich mehr interessiert, ist die Wiederkehr von Mustern aus der Epoche vor den Debatten. Haben Sie von den superreichen Männern gelesen, die ihren Angestellten für den Fall von Obamas Wiederwahl mit Entlassung drohen? Das gab es 1896 schon.
Die Fragen stellte Patrick Bahners.
Thomas Frank, geboren 1965, Gründer der Zeitschrift „The Baffler“ und Kolumnist von „Harper’s Magazine“, wurde 2004 berühmt mit dem Buch „What’s the Matter with Kansas?“, in dem er die Frage erörtert, warum republikanische Wähler so häufig gegen ihre ökonomischen Interessen stimmen. Die deutsche Übersetzung seines neuesten Buches „Pity the Billionaire“ ist unter dem Titel „Arme Milliardäre!“ im Verlag Antje Kunstmann erschienen.
Amerika ist anders und der Artikelhilft nicht.
Michael Radloff (melursus)
- 19.10.2012, 12:00 Uhr
Obama ist ein nicht zu unterschätzender Stratege
Georg Klever (grk)
- 18.10.2012, 20:55 Uhr
Deutschland im US Wahlkampf
Edda Kuhlmann (DTaggert)
- 18.10.2012, 16:07 Uhr
Neutralität
Alexander Rady (AlexRabu)
- 18.10.2012, 13:56 Uhr