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Thema Finanzkrise bei „Anne Will“ Eine Stunde Talk ohne Show

13.10.2008 ·  Bei Anne Will ging es am Sonntag um den Untergang der Banken und die Folgen für die übrige Welt. Nur der Staat kann die Menschen jetzt noch retten, darin waren sich alle einig. Trotzdem verließ der Verstaatlicher Oskar Lafontaine nicht als Sieger das Feld. Ein bemerkenswerter Abend.

Von Michael Hanfeld
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Die Finanzkrise hat auch einiges für sich. Im Fernsehen zum Beispiel wird dank ihrer wieder ernsthaft diskutiert, in den Talkshows wird öffentlich nachgedacht und nüchtern argumentiert. Ruhe bewahren, so schien es am Sonntagabend bei Anne Will, das ist nun die erste Bürgerpflicht. Sich nicht mitreißen lassen von der Panik an den Börsen und den Kopf verlieren. Denn es geht um alles, um einen neuen politischen Ordnungsrahmen und vielleicht ja sogar um eine neue Gesellschaft.

Die Neoliberalen, oder sagen wir besser, die Finanzjongleure und Weltverkäufer, haben verloren, auch wenn sie es noch immer nicht wahrhaben wollen. Das Vertrauen, das sie verspielt haben, kehrt nie wieder zurück, ganz gleich, wie hoch die Bürgschaften sind, mit denen der Staat nun antritt.

Eine Lüge von weltumspannendem Ausmaß

Das Bramarbasieren von den globalen Märkten, das wir uns auch in Talkshows jahrelang angehört haben, ist decouvriert als Lüge von weltumspannendem Ausmaß. Die Verantwortungslosigkeit, ja Ruchlosigkeit der Hedge-Fonds-Filibuster und Zertifikats-Zerberusse liegt offen zu Tage. Sie hatten nie etwas anderes im Sinn als ihren ganz persönlichen goldenen Schnitt. Diesem folgend bestimmen zwei Zahlen das Leben des gemeinen Investment-Bankers: Die erste gibt an, mit wie vielen Millionen er aussteigen und sich in Südfrankreich bei einem Weingut einkaufen will. Die zweite benennt das Alter, mit dem der Banker dieses Ziel erreicht haben muss. Zahl eins sollte zweistellig sein, Zahl zwei sollte unter fünfzig liegen. Dann hat man es geschafft und kann den lieben Gott einen guten Mann sein und die Welt laufen lassen. Der Preis, den andere dafür zahlen, spielt keine Rolle. Und zur Verantwortung gezogen für eine solch dem Wortsinne nach asoziale Haltung wird auch niemand, denn das machen ja schließlich alle - zumindest alle Mitglieder einer bestimmten Kaste - und der angerichtete Schaden ist so groß, dass die Allgemeinheit einfach dafür einstehen muss, soll nicht alles untergehen.

Eine ganz feine Rechnung ist das, an deren Ende man dann noch an den Politikern herummäkeln kann, die aus den Stegreif Rettungsprogramme von etlichen hundert Milliarden Euro oder Dollar ausloben müssen. Von denen niemand weiß, wie sie bezahlt werden sollen.

Kauder kündigt das große Rettungspaket an

Von dieser grunderschütternden Dimension der Krise, von der Vernichtung der bürgerlichen Freiheiten durch Marktliberale, die das Wertefundament, auf dem der freie Wettbewerb steht, verschleudert und den Weg für diejenigen bereitet haben, die einen allumfassenden, fürsorgenden, bevormundenden, um nicht zu sagen totalitären Staat propagieren - davon war bei Anne Will am Sonntag nichts zu spüren. Und das war vielleicht auch gut so. Der erste Pulverdampf ist verraucht, Banken und Börsen liegen in Trümmern, nun muss es weitergehen, irgendwie.

Und also saß da der Fraktionschef der Union im Bundestag, Volker Kauder, und erklärte klipp und klar und trocken und sachlich, welche Maßnahmen das Bundeskabinett in dieser Nacht beschließen sollte: Bürgschaften in einer Höhe von zweihundert bis 250 Milliarden Euro, eine Stärkung der Eigenkapitalquote der Banken - also Einstieg des Staates, allerdings mit entsprechenden Einflussmöglichkeiten - , eine Änderung des Aktiengesetzes und die Möglichkeit, faule Papiere länger als bislang zu halten.

Lafontaine schlägt die „Millionärssteuer“ vor

Und siehe da: es gab kaum Widerspruch. Nicht von dem Unternehmensberater Roland Berger, den wir aus den Zeiten von Sabine Christiansen als ewig ins neoliberale Horn trötenden Adabei in Erinnerung haben; nicht von einem ehemaligen Direktor der Deutschen Bank in Berlin; nicht vom Chefökonomen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, ja nicht einmal von dem ehemaligen Superminister und Chef der Linkspartei Oskar Lafontaine. Sie hatten nur noch den einen oder anderen Vorschlag, wie man es noch besser machen könne. Von grundlegendem Dissens keine Spur, keine Pseudo-Debatte, kein Parteien-Palaver, Klartext. Die Lage ist ja auch wahrlich dramatisch genug.

Lafontaine musste zwar irgendwann dann doch dringend Punkte sammeln und schlug eine „Millionärssteuer“ vor, um die Rettungsmaßnahmen für die Banken zu finanzieren. Aber anders als sonst, da er solche Runden mit ein paar markigen Sprüchen leichthin als vermeintlicher Sieger verlässt, machte es ihm die Redaktion von Anne Will nicht gar zu leicht und verkniff sich nicht den Hinweis, dass Lafontaine im Verwaltungsrat der KfW-Bank sitzt, die die IKB in einer irrsinnigen Rettungsaktion gestützt und dann auch noch mal eben dreihundert Millionen Euro an Lehman Brothers überwiesen hat. Lafontaine sitzt nicht nur im Verwaltungsrat der KfW, er schwänzte sogar die entscheidende Sitzung. Dass er dafür gute Gründe hatte, das darzulegen, fiel ihm nicht leicht.

Doch abgesehen von dieser kleinen Entzauberung - die Lafontaine wettzumachen suchte, indem er seinen Kontrahenten Kauder in dessen Redezeit fortan nieder zu labern trachtete, was der durch stures Weiterreden aber souverän konterte -, abgesehen davon ging es bei Anne Will sehr konstruktiv, bisweilen zu technokratisch im Ton, aber doch sehr sinnstiftend zu. Bei ihrer Vorgängerin wäre so etwas nicht passiert. Eine Stunde Talk ohne Show.

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