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„The Spyfiles“ Ein Schlag gegen die Überwachungstechnik

05.12.2011 ·  Ob Julian Assange an Schweden ausgeliefert wird, entscheidet nun der englische Supreme Court. Zusammen mit einem Rechercheteam geht der Wikileaks-Gründer derweil gegen Softwarefirmen vor.

Von Detlef Borchers
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Ein Jahr nachdem Wikileaks mit Cablegate, der Veröffentlichung von amerikanischer Botschaftspost, startete, haben die Internet-Aktivisten ein neues Projekt vorgestellt. „The Spyfiles“ sind eine Sammlung von Materialien über Softwarefirmen, die Überwachungstechnik programmieren. Welche Idee steckt hinter dem Projekt?

Der arabische Frühling hat nicht nur das zarte Pflänzchen der Demokratie zum Blühen gebracht. Auch das Unkraut trieb aus oder wurde öffentlich sichtbar. Der erste spektakuläre Fall ereignete sich in Ägypten. Bei der Erstürmung von Gebäuden des Inlandsgeheimdienstes fanden sich Handbücher und Schulungsunterlagen zu einem Überwachungsprogramm namens „Finfisher“, geliefert von einer Firma Gamma Ltd. aus Großbritannien, die zur deutschen Gamma Group gehört.

Vertreter der Opposition fanden beim Durchsuchen der Dokumente heraus, dass mit Finfisher ihre Rechner ausspioniert und Telefonate mit der Software Skype mitgehört wurden. Mehr noch, sie fanden ein Dokument, in dem ägyptische Geheimdienstler Finfisher und die Technologie der „deutschen Firma“ lobte. Recherchen ergaben, dass Gamma seine Software in Deutschland entwickelt. Gegenüber einem Kamerateam des MDR-Magazins „Fakt“ gab ein Firmensprecher auf einer Fachmesse für Überwachungstechnik freimütig zu: „Finfisher ist zu hundert Prozent deutsch, also in Deutschland entwickelt. Wird aber, das kann ich Ihnen gleich sagen, aus England geliefert. Das ist aber nur so, weil unser Büro nicht den Lagerraum hat.“

Auch in Libyen wurde man fündig. Reporter des „Wall Street Journal“ begleiteten Rebellen bei der Begehung eines erstürmten Bürogebäudes des Geheimdienstes von Gaddafi. Sie fanden umfangreiche Dokumentationen zur Software Eagle Glint, entwickelt und geliefert von der französischen Firma Amesys, einer Tochter des Computerkonzerns Bull. Aus den Unterlagen wurde ersichtlich, dass die Überwachung des gesamten libyschen Internet-Datenverkehrs mit Hilfe von Schlüsselwörtern seit 2009 mit Wissen französischer Behörden erfolgte.

Was Syriens Geheimdienst unternimmt

Zudem fand man eine Software namens Zebra, entwickelt von der südafrikanischen Firma VAStech. Zebra wird als Ausleitungssystem in Telefonanlagen installiert und kann gleichzeitig hunderttausend Gespräche in Echtzeit mitschneiden, wenn Sender oder Empfänger in einem internen „Telefonbuch“ verzeichnet sind, das bis zu 400 Millionen Einträge erfassen kann. Als 2010 ein Linienflug der Afriqiyah Airways auf dem Weg von Johannesburg nach Tripolis abstürzte, starben VAStech-Gründer Frans Dreyer und etliche Techniker, die auf einem Empfang Gaddafis geehrt werden sollten.

Ein weiterer Fall ist Syrien. Internet-Aktivisten der Gruppe Telecomix fanden heraus, dass im ganzen Land Systeme der amerikanischen Firma Blue Coat Systems installiert sind, die den Telefon- wie den Datenverkehr ausleiten können. Die Techniker von Telecomix, die zuvor ägyptischen Demonstranten bei der Einrichtung unzensierter Internet-Zugänge halfen, schafften es, rund 54 Gigabyte Daten zu kopieren, die syrische Geheimdienste ihrerseits von den Gesprächen ihrer Landsleute aufgezeichnet hatten. In diesem Datenhaufen konnten die Aktivisten mit „Israel“ und „Proxy“ zwei Schlüsselworte identifizieren, deren Erwähnung im E-Mail-Verkehr oder während einer Suchmaschinen-Abfrage den Mitschnitt auslösten. Als Blue Coat Systems mit der Beschuldigung konfrontiert wurde, ein mörderisches Regime mit Überwachungstechnik auszustatten, wies man alle Vorwürfe empört zurück.

Internationale Verflechtungen

Ein britisches Rechercheteam vom Bureau of Investigative Journalism griff diesen Fall auf und fand heraus, dass Area, ein italienischer IT-Distributor, die Rechner von Blue Coat Systems nach Syrien geliefert hatte, komplett mit Software der britischen Firma Sophos. Deren Software wird in Deutschland von der Sophos-Tochterfirma Utimaco in Aachen programmiert. Angesichts der internationalen Verflechtungen begann das Bureau of Investigative Journalism damit, eine Datenbank aller Hersteller und Lieferanten aufzubauen, und nahm auch Kontakt mit Wikileaks auf.

Bei einem gemeinsamen Vorgehen könnte die Aktion „The Spyfiles“ international hohe Wellen schlagen. Anders als bei früheren Wikileaks-Aktionen hat bei dieser kein Whistleblower die Hand im Spiel oder muss um sein Leben fürchten. Das Gros der Dokumente ist öffentlich zugänglich und wird ebenso öffentlich zusammengetragen, wobei man in jedem Land etwas anders vorgeht. In Deutschland gibt es beispielsweise eine Initiative, die unter der Internetadressse buggedplanet.info Informationen über Firmen und ihre Produkte sammelt, in Frankreich ist die Journalistengruppe Owni engagiert.

Umstrittene Nachladefunktion

Zur Vorstellung des Projekts durch Wikileaks und das Bureau of Investigative Journalism ging Wikileaks-Gründer Julian Assange rhetorisch auf die Barrikaden. Er zeigte sich empört über die Industrie, die ohne jegliche Kontrolle Überwachungstechnik in alle Welt liefert. Nach dem 11.September 2001 habe sich ein florierender Markt entwickelt, auf dem jeder Staat alles kaufen könne, um seine Bürger zu überwachen. Und die Bürger würden es mit dem Tragen von iPhones und anderen smarten Telefonen den Staaten immer einfacher machen, sie zu überwachen.

Abseits der großen Worte zeigt die Datenbank dem interessierten Bürger das ganze Ausmaß, in dem heute Überwachungstechnik entwickelt und verkauft wird. Auch die Firma DigiTask ist dabei, deren Software, wie von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und von dieser Zeitung enttarnt, mit einer juristisch höchst umstrittenen Nachladefunktion ausgestattet ist.

Strenge Meldeauflagen

Ob die neue Aktion auch im Zeichen einer Neuorientierung von Julian Assange steht, ist eine offene Frage. Seit gestern ist bekannt, dass die Entscheidung über seine Auslieferung an Schweden vor dem britischen Supreme Court verhandelt wird, falls das höchste Gericht Großbritanniens seine Berufung annimmt. In Schweden soll Assange zu zwei Vorwürfen von sexueller Nötigung verhört werden.

Damit dürfte Assange mindestens bis zum Frühjahr 2012 unter strengen Meldeauflagen an den Landsitz in Norfolk gefesselt sein, auf dem er in einer Art Asyl lebt. Kurz vor der Vorstellung der „Spyfiles“-Aktion hatte Assange noch angekündigt, dass Wikileaks mit einer neuen Software starten werde, die das Problem des sicheren Einreichens von Dokumenten für Whistleblower auch bei unsicheren Vertrauensverhältnissen noch besser lösen werde. Der angekündigte Start dieser Software fiel aus und wurde durch die Vorstellung der „Spyfiles“ ersetzt.

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