20.09.2007 · Die „taz“ war stets ein böses und borniertes Spießerblatt: So beschreibt sie der frühere „taz“-Mitarbeiter Jörg Magenau in seiner Biographie der Zeitung. Das Buch zeigt aber auch, dass die „taz“ immer wieder das Zentralorgan der Moderne war.
Von Claudius SeidlDie „taz“ kann eine schwierige Lektüre sein, und manchmal ist sie absolut unlesbar – was weniger an der Prosa ihrer Autoren liegt als daran, wo der Ort des Lesers ist. Für Münchner Abonnenten ist die Zeitung nicht geschrieben, für ein bayerisches Publikum ist sie nicht gedacht, und damals, in den frühen, den aufregenden Jahren der „taz“, war alles noch viel schlimmer. Die Zeitung und ihre Leser, das schien ein riesengroßes Wir zu sein. Und wir, da unten im schwarzen Süden, gehörten definitiv nicht dazu.
Für Bayern war das Auslandsressort zuständig; der Redakteur schien aber gerade in den Ferien zu sein. Bayern war ein fernes, rätselhaftes Land, fast so weit weg wie Togo – nur dass Togo immerhin Dritte Welt war und schon deshalb auf die Solidarität der „taz“ gefasst sein musste, während Bayern einfach nur unverstanden blieb.
Lektüre der „taz“ eine deprimierende Erfahrung
Und wenn man, nur zum Beispiel, die „taz“ im Wartesessel des Friseurs las, in der Schellingstraße, wo es noch einen Fassonschnitt für sieben Mark gab; und wenn man dann, nachdem „taz“ und Friseur bezahlt waren, noch mal das Budget des Tages überschlug, weil jetzt zwei Espressi im „Venezia“ vielleicht angemessen, aber auch ein bisschen teuer waren – wenn man also, einerseits, ein Interesse und oft genug Sympathie hatte für das, was die „taz“ über Ökologie und gerechtere terms of trade, über Emanzipation und Ausländerrechte schrieb, und, andererseits, aber nicht den Glauben daran, dass dieser Geist unbedingt in einem langhaarigen Kopf zu Hause sein und auf einem Kreuzberger Matratzenlager schlafen müsse: Dann war die Lektüre der „taz“ eine deprimierende Erfahrung. Man war Leser der „taz“. Und führte doch ein Leben, das die „taz“ sich anscheinend nicht einmal vorstellen konnte.
Manchmal weckte die Lektüre nur Zorn und die Lust, mit Supermarkttomaten auf „taz“-Redakteure zu zielen; Leserbriefe nach Berlin zu schicken, die Frage betreffend, ob die Leute von der „taz“ nicht mal herauswollten aus dem grauen Westberlin und überprüfen, ob auch jenseits von Kreuzberg menschliches Leben möglich sei; selber hinfahren und nachschauen in der Redaktion, ob sich nicht doch jemand fände, der Sinn für die Schönheit und das Vergnügen hätte und vielleicht eine Ahnung davon, dass Pop und Punk und Protestkultur nie bloß Klage und Mängelanzeige sind, sondern immer auch der Vorschein eines besseren Lebens.
Es herrsche da große Verdunkelungsgefahr
Aber ehe man sich zur langen Reise nach Berlin entschließen konnte, nahm man doch mal wieder die „taz“ zur Hand, und dann las man, nur zum Beispiel, einen Artikel über Jacques Derrida oder ein Interview mit Paul Virilio, wurde bekanntgemacht mit einem Denken, welches dem amtlichen Feuilleton damals, in den frühen Achtzigern, weitgehend unbekannt war. Und vor dem, gerade eine Woche davor, noch Peter Glotz in seiner Vorlesung ganz drastisch gewarnt hatte; es herrsche da große Verdunkelungsgefahr.
So war die „taz“ eigentlich immer, und so beschreibt sie auch der Literaturkritiker Jörg Magenau in seinem Buch „Die taz – Eine Zeitung als Lebensform“: ein böses und borniertes Spießerblatt, in dem sich das alternative Milieu so unduldsam, intolerant und geistfeindlich aufführte, wie man es der Generation der Eltern immer vorgeworfen hatte. Und zugleich (oder soll man sagen: zwischendurch) war die „taz“ immer wieder das Zentralorgan der Moderne, der publizistische Ort, wo man, wenn man nur wollte, alles, was neu war an Themen und Formen, früher finden konnte als bei den meisten deutschen Zeitungen.
Weniger eine Zeitung und vielmehr ein Projekt
Man muss das alles schon deshalb so ausführlich schildern, weil es vermutlich niemanden gibt, der es ununterbrochen ausgehalten hätte mit der „taz“ in den vergangenen 29 Jahren. Es bleibt einem also wenig anderes übrig, als die Geschichte der „taz“ so zu nehmen, wie Magenau sie erzählt – auch wenn der Autor offenbar so lange und hartnäckig die Archive durchsucht hat, dass der Staub noch immer auf seiner Prosa liegt.
Die „taz“, als alles anfing, war ja weniger eine Zeitung und vielmehr ein sogenanntes Projekt – angestoßen und in Schwung gebracht vom Drall jener Bewegung, die wir Studentenrevolte oder „68“ nennen, eines der wenigen Projekte, die gelungen sind, was man schon daran sieht, dass es die „taz“ noch heute gibt. Und im Rückblick, 29 Jahre nach der Gründung und vierzig Jahre nach dem Beginn der sogenannten Revolte, ist es, je nach Sichtweise, eine makabre oder auch charmante Pointe, dass „68“ und die Folgen, unter anderem, ausgerechnet darauf hinausgelaufen sind: aufs Feuilleton.
Lieferte sich einen Tag lang ihren Feinden aus
Denn ein feuilletonistisches Ding war die „taz“ schon ganz am Anfang, als die Redaktion ihre Missachtung der klassischen Künste noch dadurch ausdrücken wollte, dass sie über die entsprechenden Seiten „Kulturbeutel“ schrieb. Es war das Elend der frühen „taz“, dass jede bescheuerte Basisgruppe ihre schlecht geschriebenen, schlampig gedachten und larmoyant gemeinten Proklamationen ins Blatt drücken durfte. Und zugleich war es ein Glück, dass im deutschen Journalismus auf einmal etwas anderes möglich war, als dass der Journalist sowieso über das Thema Soundso berichtete. In der „taz“ standen Primärtexte; die Zeitung war Forum, Kampfstätte, Spielplatz und insofern Avantgarde, auch wenn die Kämpfe und die Spiele, die dort ausgetragen wurden, oft so nervtötend waren, dass man beiden Seiten die Niederlage wünschte.
Es war die „taz“, die als erste Zeitung eine ganze Ausgabe den Schriftstellern überließ, und später lieferte sie sich einen Tag lang ihren sogenannten Feinden aus, unter denen dann, erwartungsgemäß, der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann der beste Blattmacher war, was so manchen „taz“-Redakteur, der Zeuge wurde, in schwere Identitätskrisen stürzte. Dass das deutsche Feuilleton einerseits das öffentlich-rechtliche Fernsehen und andererseits die Universität als Debattenschauplatz und Sinnstiftungsinstanz abgelöst hat, mag viele und sehr verschiedene Gründe haben. Einer davon ist die „taz“.
Magenaus Biographie der „taz“ ist ein bisschen fad
Wer in diesen Jahren, den frühen und mittleren Achtzigern, selbst zur Zeitung wollte und nicht bloß ein Streber und Pflichterfüller war, der musste irgendwann die Frage beantworten, ob er lieber zu einer sogenannten alternativen Zeitung gehen oder ob er lieber in der etablierten Presse endlich anders und über andere Themen schreiben wollte. Wer sich für die zweite Variante entschieden hat, gegen jene Lebensform also, die Magenau zu beschreiben versucht, der wundert sich heute umso mehr, dass er sich selber darin trotzdem wiedererkennt – fast so, wie man sich in Sven Regeners „Herrn Lehmann“ wiedererkannte, auch wenn man im Herbst 1989 nichts mehr verabscheut hatte als den Kreuzberger Sumpf, aus dem der Herr Lehmann nicht herauskam.
Jörg Magenaus Biographie der „taz“ ist ein bisschen fad; man muss sich beim Lesen schon anstrengen, um eine Ahnung zu bekommen von den Kämpfen und Intrigen, den Idiosynkrasien, Zufällen, Pannen, aus denen heraus erst eine Zeitung entstehen konnte, die in ihren glücklicheren Momenten nicht bloß Chronik der laufenden Ereignisse und Protokoll geläufiger Meinungen, sondern auch ein mehr oder weniger gelungenes Spektakel war.
Man muss ja nicht gleich von der Emergenz reden oder gar von der Kunst. Man lernt aber, dass, wo Leben entstehen soll, das Chaos nicht ganz aufgebraucht sein darf.
Um den heißen Brei
Daniel Crommer (crommer)
- 20.09.2007, 16:09 Uhr
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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