Der Tattoo-Laden Ecke Fountain und LaBrea Avenue in Los Angeles bietet einen ungewöhnlichen Anblick: Er ist von Kameras und Scheinwerfern umstellt, ein Dutzend Menschen mit Walkie-Talkies und Klemmbrettern sind hier an fünf Tagen die Woche bis spät in die Nacht unterwegs. Angesichts des fortdauernden Autorenstreiks gehen in L. A. immer mehr Lichter aus, doch dies ist eine Realityshow, die ohne Drehbuch auskommt: „L. A. Ink“, seit August erfolgreich im Programm des Senders TLC und von heute an in Deutschland bei DMAX zu sehen. Und noch etwas fällt aus dem Rahmen: Hinter den Schaufenstern unter dem roten „Tattoo“-Schriftzug an der knallgelben Fassade sind ausschließlich Frauen am Werk. Dies ist der Laden von Kat von D, der prominentesten Tätowiererin in ganz Los Angeles.
Kat von D, eigentlich: Katherine von Drachenberg, hat eine eigenwillige Fernsehkarriere gemacht. Vor zwei Jahren sprang sie – als einzige weibliche Akteurin – in der Tattoo-Show von Ami James „Miami Ink“ ein. Schnell war sie bekannt, dann berüchtigt, weil sie sich mit Ami überwarf, nach L. A. zurückkehrte und ihre Show startete. Der Mann sei nicht zum Aushalten gewesen, sagt sie umumwunden. „Es fällt ihm offenbar schwer, mit starken Frauen umzugehen. Irgendwie fühlte er sein Territorium bedroht.“
Nun ist sie selbst auf Sendung, in dem das Geschlechter-Verhältnis umgekehrt ist: Kat von D heuerte mit Hannah Aitchinson und Kim Saigh die „zwei besten Tattoo-Künstlerinnen, die sie finden konnte, an, einziger Mann ist Corey Miller. Es liegt ihr etwas an der Konstellation. „Vor fünf Jahren“, sagt Kat von D, „war es noch etwas anderes, als stark tätowierte Frau durch eine Einkaufspassage zu gehen. Die Leute guckten komisch, als wäre ich eine Hure oder drogenabhängig oder sonst wie asozial. Ich glaube, dass wir dieses Image ein wenig verändert haben.“
Die Fünfundzwanzigjährige ist ein wandelndes Werbeplakat ihrer Zunft. Ihren linken Arm ziert ein detailliertes Porträt ihrer Schwester, auf dem rechten trägt sie eine kunstvolle Rosengirlande. Ihren Rücken schmücken die Worte „Mi Vida Loca“, rechts auf ihrem Hals ist unter einer Rose „Oliver“ zu lesen, und unter dem Bauchnabel zieht sich in Rot der Schriftzug „Hollywood“. Sogar im Gesicht trägt sie eine Tätowierung: Über ihrem linken Auge und der Schläfe prangt eine Handvoll Sterne – Reverenz an das Lied „Starry Eyes“ ihrer Lieblingsband Mötley Crüe.
Trotz ihrer Körperzeichnungen hat Kat von D mehr von einer dunklen Schneewittchen-Schönheit als von der rauen Hemdsärmeligkeit, die man mit tätowierten Frauen assoziiert. „Mir ist es sehr wichtig, mich auch als stark tätowierte Frau weiblich zu fühlen“, sagt Kat von D und steckt sich unter den drei Beethoven-Gemälden in ihrem kleinen Büro eine Zigarette an.
Neben den Metal-Rockern Motley Crüe ist Beethoven der musikalische Held der Tochter christlicher Missionare, die in Mexiko geboren wurde und als Vierjährige in die Vereinigten Staaten übersiedelte. Bei ihrer deutschen Großmutter Klara von Drachenberg, einer Konzertpianistin, lernte sie klassisches Klavier, heute spielt sie, so oft sie kann, auf ihrem Flügel in ihrer Wohnung im Herzen von Hollywood, die einen Ausblick auf das berühmte „Mann’s Chines Theatre“ bietet. „Ich mag Beethoven, weil er ein so hoffnungsloser Romantiker ist“, sagt sie. Ihre Vorliebe für dunkle Romantik spiegelt sich auch in ihrem Laden – Marlene-Dietrich-Porträts hängen zwischen Totenkopf-Zeichnungen und lebensgroßen Fotografien gutgebauter, tätowierter Männer, den Leuchter in der Raummitte umschling eine Lichterkette aus roten Jesusfiguren.
Mit vierzehn Jahren stach Kat von D ihr erstes Tattoo, kurz darauf verließ sie die Schule, um vom Tätowieren zu leben – zunächst in schmierigen Ghetto-Shops, „weil mich als Minderjährige kein Profi beschäftigen wollte“. Für ihren Vater, sagt sie, „brauchte es zehn Jahre und eine Fernsehshow, um zu verstehen, dass dies keine Phase war“. Als ihr künstlerisches Vorbild nennt Kat von D den Barockmaler Caravaggio, auf dessen kontrastreiche Licht-Schatten-Arbeiten sie in ihren schwarzgrauen Sticheleien Bezug nimmt. Ihr Markenzeichen sind Femme-fatale-Porträts im Pin-up-Stil der Fünfziger.
Kat von D tätowiert von zehn Uhr früh bis neun Uhr abends vor den Kameras Leute, die interessante Geschichten zu ihren Körperbildern zu erzählen haben, danach bis nach Mitternacht sind private Kunden dran. Längst zählt sie zur Hollywood-Prominenz. Sie hat die Schauspielerin Mira Sorvino tätowiert, Paris Hiltons Busenfreundin Nicole Richie, die Komikerin Margaret Cho, die „Jackass“-Berserker Bam Margera und Steve-O und die Musiker von Guns ’n’ Roses. Sie lässt sich auf Szenetreffs wie der „Hot List“-Party des „Rolling Stone“- Magazins blicken. Aber manchmal wünscht sie sich, „in irgendein obskures Loch abzutauchen, zu dem nur Eingeweihte Zutritt haben, und wieder im Hinterzimmer zu tätowieren“.
Die Öffentlichkeit hat sich allerdings ein offenherziges Bild von ihr gemacht. Sie ist das Sex-Symbol ihrer Branche. In „People“, „Penthouse“ und dem Rockmagazin „Revolver“ hat Kat von D sich in lasziven Posen ablichten lassen, in ihrem Laden an der La Brea Avenue hängt ein lebensgroßes Ölgemälde von Shawn Barber, das sie mit Rembrandt-Brüsten und sechs Armen in anzüglichen Posen zeigt. Es ist im Augenblick wohl das einzig verfügbare Alternativimage zum stahlfressenden Mannweib. „Ich glaube, dass hier ein Bild gebrochen wird“, meint sie. „Es gab ja bisher keine stark tätowierten, prominenten Frauen, und manche Leute erschreckt das immer noch. Manche Typen finden es eklig. Aber hey – was immer dein Boot über Wasser hält!“
für mich, bleibt sie immer noch asozial
Jürgen Schulze (faustjucken)
- 11.12.2007, 18:29 Uhr
Häßlichkeit als Maßstab
Ogdan Ücgür (Ogdan)
- 11.12.2007, 20:25 Uhr
Was sollen uns eigentlich Tätowierungen zeigen?
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 11.12.2007, 21:27 Uhr
Betrübliche Intoleranz
Thomas Förster (tommy.c)
- 11.12.2007, 21:49 Uhr
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Marc Wallner (gloria-dei)
- 11.12.2007, 22:00 Uhr